Interview : „Die Isolation ist das Schlimmste“

Die Berliner Zeichnerin Paula Bulling behandelt in ihrer Comic-Reportage „Im Land der Frühaufsteher“ die Lage von Asylbewerbern in Deutschland. Im Interview spricht sie über ihre Annäherung an das Thema und darüber, was sie mit dem Buch erreichen will.

Jonas Engelmann
Ausgegrenzt: Eine Seite aus dem Buch.
Ausgegrenzt: Eine Seite aus dem Buch.Foto: avant

Es sei ein Leben im „Knast, der seien Namen nicht sagt“, wie Aziz, ein Bewohner des Asylbewerberheims in Halberstadt erklärt. In ihrem jetzt bei Avant erschienenen Comic-Debüt „Im Land der Frühaufsteher“ beschreibt die 1986 geborene Paula Bulling das Leben von Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt, deren Kampf gegen die Residenzpflicht, vergammelnde Heime, Alltagsrassismus oder die drohende Abschiebung. Die Comicreportage problematisiert dabei immer wieder auch die eigene Perspektive der Beobachterin, die nach dem Besuch und Gespräch mit den Bewohnern der Heime in das eigene unkomplizierte und privilegierte Leben zurückkehren kann.

„Im Land der Frühaufsteher“ beginnt an einem Ort, an den Du nicht „gehörst“, wie Du schreibst, in einem Afro-Shop. Welche Bedeutung hatte diese Thematisierung der eigenen Sprecherposition bei der Entstehung des Comics?

Normalerweise brenne ich nicht unbedingt darauf, über mich selber zu reden. Aber bei dem Thema gab es von Anfang an keinen Weg darum herum, die Sprecherinnenposition zum Thema zu machen. Meine Frage beim Arbeiten war: Von wo aus kann ich als weiße Frau diese Geschichte erzählen? Diese Frage ist im Untergrund immer mitgewandert und in die Geschichte eingeflossen. Wichtig war die Gewichtung, diesen Konflikt mit zu thematisieren und trotzdem an dem ursprünglichen Thema dranzubleiben.

Deine Arbeit ist stark geprägt von den Gesprächen mit den Bewohnern der Heime. Wie hast du bei Deinen Recherchen das Vertrauen der Menschen gewonnen? 

Ich hatte den Filmemacher Maman Salissou Oumarou auf einer Veranstaltung von The Voice Refugee Forum kennen gelernt. Er hat damals viel Vernetzungsarbeit für Flüchtlingsorganisationen gemacht und kannte Leute überall in Sachsen-Anhalt, an die er mich weitergereicht hat. Dann hat eins das andere ergeben, ich habe Portraits gezeichnet und über das Zeichnen hat sich oft schnell ein Vertrauen hergestellt. Ich glaube, weil es so offen ist; es ist sofort sichtbar was entsteht, auch mein Blick wird sichtbar. Anders als mit einer Kamera, wo das Bild im Kasten verschwindet.

Zeichnerin und Autorin: Paula Bulling.
Zeichnerin und Autorin: Paula Bulling.Foto: Promo

Was sind die größten Alltagsprobleme der Bewohner an den Orten die Du besucht hast? 

Da fragt man am Besten die Bewohner selbst … jede und jeder gibt eine andere Antwort. Viele sagen, dass die Isolation das Schlimmste ist. Die Heime auf dem Land liegen oft sehr abgelegen und sind schlecht an die öffentlichen Transportmittel angebunden. Dadurch gibt es nur wenige Möglichkeiten für Kontakte. Viel zu viel hängt von der örtlichen Ausländerbehörde und Kommunalregierung ab: Oft ist es praktisch unmöglich, eine Arbeitserlaubnis zu kriegen; wer in ein anderes Bundesland reisen will, bekommt keine Genehmigung; in vielen Heimen sind die hygienischen Bedingungen katastrophal, in der ZASt (Zentrale Anlaufstelle) ist das Essen eine Zumutung, die Leute haben sehr wenig Geld, die Grundversorgung läuft oft obendrein über Lebensmittelgutscheine. Das Alltagsleben ist unglaublich kompliziert. Dazu kommt die Praxis, die Menschen jahrelang in juristischen Grauzonen ohne klaren Aufenthaltstitel zu belassen, mit der ständig drohenden Abschiebung im Nacken.

„Im Land der Frühaufsteher“ endet mit einem Kapitel über Azad Hadji, der 2009 unter ungeklärten Umständen gestorben ist, was medial kaum thematisiert wurde.

Azad Hadjis Geschichte in wenigen Sätzen zu erzählen ist gar nicht so leicht. Er war ein kurdischer Asylsuchender, der mit seiner Familie im Heim in Möhlau gelebt hat. Eines Nachts ist er am ganzen Körper verbrannt und in fremden Kleidern nach Hause gekommen. Wenige Tage darauf ist er an den Verletzungen gestorben. Die Polizei hat herausgefunden, dass er sich in einem Imbissladen aufgehalten hatte, der in der gleichen Nacht explodiert ist. Warum, wurde nie geklärt. Er wurde kurzerhand zum mutmaßlichen Brandstifter erklärt und der Fall zu den Akten gelegt. Nach Azad Hadjis Tod hat seine Frau Kristina Khudoyan den Behörden mitgeteilt, dass die Familie nicht, wie behauptet, aus dem Irak nach Deutschland gekommen war, sondern aus Georgien. Sie wollte einen Neuanfang für sich und ihre beiden Töchter ohne diese Notlüge ihres Mannes, der sich davon größere Chancen auf Asyl versprochen hatte. Nach der Richtigstellung wurde Kristina Khudoyans Asylantrag wegen der falschen Angabe zur Herkunft abgelehnt, die Familie stand kurz vor der Abschiebung und ist zur Härtefallkommission des Landes gegangen, der letzten Instanz. Ende Juni haben sie ihr Bleiberecht gekriegt – zum Glück!

Flüchtlinge ohne Lobby. Eine Demonstrationsszene aus dem Buch.
Flüchtlinge ohne Lobby. Eine Demonstrationsszene aus dem Buch.Foto: avant

Dein Comic hat eine sehr artifizielle Ästhetik, gleichzeitig merkt man ihm an, dass Du mit der Thematisierung der Problematik des deutschen Asylrechts auch die Hoffnung verbindest, über ein Bewusstsein eine Veränderung in Gang zu setzen. Für wen hast Du Deinen Comic gezeichnet?

Mit der Frage nach der Zielgruppe triffst du natürlich einen wunden Punkt. Erreichen sollte er etwa diejenigen, die sich zu Beispiel gerade in Leipzig zusammenschließen, um die Unterbringung von Flüchtlingen in ihrem Viertel zu verhindern, damit ihre Eigenheime nicht an Wert verlieren. Gerade dieser latente Rassismus aus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ ist schwer festzunageln, gleichzeitig ist er omnipräsent. Als weißer Mensch bekommt man das nur sehr begrenzt mit. Unter anderem deswegen war es mir wichtig, in den Comic eine Episode mit aufzunehmen Szene, in der ein Fotograf aus Leipzig meinen Begleiter Farid fragt, ob das afrikanische Französisch nicht „primitiver … mit weniger Wörtern?“ sei, als das Französisch in Frankreich, und der einfach nicht akzeptiert, dass Farid deutsch spricht. Mich hat diese Begegnung geschockt, aber Farid hat nur mit den Achseln gezuckt: Für ihn war das absolut alltäglich. Ich hoffe, dass mein Buch es schafft, über die Comicszene hinaus Verbreitung zu finden, und dass das Image vom Comic als populäres Medium dazu beiträgt, die Hemmschwelle herabzusetzen sich mit so einem Thema zu befassen; Comics sind scheinbar leicht konsumierbar, haben aber Widerhaken in sich versteckt.

Teilnehmende Beobachtung: Die Autorin und einige ihrer Gesprächspartner auf dem Buchcover.
Teilnehmende Beobachtung: Die Autorin und einige ihrer Gesprächspartner auf dem Buchcover.Foto: avant

Bist du nach Abschluss von „Im Land der Frühaufsteher“ weiter künstlerisch am Thema dran, oder wirst du dich nun anderem zuwenden?

Ich bleibe auf jeden Fall politisch an dem Thema dran. Auch in meinem nächsten Buch wird Bewegungsfreiheit auf verschiedenen Ebenen eine Rolle spielen, im Kontext der Frage nach dem Recht auf Stadt. Momentan arbeite ich mit Salissou Oumarou als Szenaristen an einer Kurzgeschichte für den Band „Brussels in Shorts“. Diese Zusammenarbeit ist für mich auch eine Konsequenz aus den Fragen, die sich mir durch „Frühaufsteher“ gestellt haben.

Das Gespräch führte Jonas Engelmann. Er ist Mitherausgeber der Website www.testcard.de.

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