Interview : „Ich bekam Hassbriefe“

Bevor er als Marvel-Zeichner populär wurde, machte sich Frank Cho mit dem Strip „University Freaks“ einen Namen. Anlässlich der Neuauflage spricht er über seine Leidenschaft für Comics, den kritischen Blick auf das eigenen Frühwerk und die nicht immer freundlichen Reaktionen darauf.

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Männer sind Schweine. Szene aus „University Freaks“.
Männer sind Schweine. Szene aus „University Freaks“.Foto: Cross Cult

Frank Cho, 1971 in Südkorea geboren und in den USA aufgewachsen, ist seit seiner Schulzeit Comicfan und brachte sich selbst das Zeichnen bei. Nach der Highschool lehnte er ein Kunst-Stipendium ab und erlernte stattdessen am College den Beruf des Krankenpflegers. Zu dieser Zeit schuf er auch den humorvollen Comic-Strip „University Freaks“, der zunächst in der Studentenzeitung „The Diamondback“ erschien. Zum Jahrtausendwechsel wurde aus dem Strip schließlich das landesweit in großen Zeitungen abgedruckte „Liberty Meadows“. Seither hat Frank auch immer wieder als Zeichner für Marvel gearbeitet, u. a. an „Hulk“, „Spider-Man“, „Die Ruhmreichen Rächer“, „Spider-Man und die Neuen Rächer“ und „New Ultimates“, während er als Autorzeichner sogar Dschungelheldin „Shanna“ wiederbelebte. Für Dynamite Entertainment schuf und schrieb er außerdem „Jungle Girl“, worin sich dann ja doch eine gewisse Tendenz erkennen lässt: Denn hübsche Babes in knappen Outfits haben ebenso wie Monster und natürlich Affen einen wichtigen Platz in Chos Artwork, das der alten Illustratoren-Schule stark verbunden ist. Bezeichnenderweise heißt sein Blog apesandbabes.com. Anlässlich der jetzt erschienenen Jubiläumsausgabe von „University Freaks“ bei Cross Cult sprach Christian Endres mit dem „Monkey Boy“ über seine Arbeit und seine Erinnerungen an seine erste größere Comic-Schöpfung.    

Frank, wann hast du deine Leidenschaft für Comics und Comicstrips entdeckt?
Ich habe mich schon sehr früh in Comics verliebt. Als ich in der fünften Klasse war, begann ich mit dem Sammeln von Superhelden-Heften. Nur ein paar Jahre später, so in der siebten Klasse, entdeckte ich dann auch Zeitungscomicstrips für mich.

Wusstest du damals schon, dass du selbst Comic-Künstler werden möchtest?
Ich habe immer davon geträumt, Comics zu schreiben und zu zeichnen. Dass ich ein professioneller Künstler werden wollte, entschied ich ebenfalls schon in der fünften Klasse – und habe es nie bereut. Ich hatte einen richtigen Tunnelblick. Für mich gab es nur das Eine. Dass mein Traum möglich war, begriff ich in der High School, als ich erstmals im kleinen Rahmen dafür bezahlt wurde, Sachen zu zeichnen und zu designen, größtenteils kleine Anzeigen und Illustrationen für T-Shirts.

Wer waren deine wichtigsten Einflüsse?
Ich habe viele Einflüsse aus dem Kunstbereich. In Sachen humorvolle Cartoons wurde ich stark von Berke Breatheds „Bloom County“, Walt Kellys „Pogo“ und dem frühen „Mad Magazine“ beeinflusst.

Glaubst du an Talent? Oder ist alles ‚nur’ harte Arbeit, Fleiß und Übung? Es ist ja kein Geheimnis, dass du dir das Zeichnen selbst beigebracht hast ...  
Ich glaube nachdrücklich an Talent. Du kannst jemandem bis zu einem gewissen Punkt beibringen zu zeichnen – doch wenn du nicht mit Talent geboren wurdest, ist es unwahrscheinlich, dass du es als professioneller Künstler schaffen wirst. Als Beispiel: Du kannst jemandem beibringen, Basketball zu spielen – doch wenn du nicht groß, flink und mit Ballgefühl geboren wurdest, wirst du niemals ein Profi-Spieler. Ich hatte das Glück, mit künstlerischem Talent geboren zu werden und einen Zugang zu Comics und anderen Quellen großartiger Kunst gehabt zu haben. Trotzdem bin ich nie auf eine Kunsthochschule gegangen. Ich habe mir selbst das Zeichnen beigebracht, indem ich große Künstler der Vergangenheit kopiert und mich selbst permanent angetrieben habe, besser zu werden.

Arbeitet jetzt auch in Öl: Frank Cho in seinem Atelier.
Arbeitet jetzt auch in Öl: Frank Cho in seinem Atelier.Foto: Promo

Eine Zeit lang hast du es aber mal mit einem Kunst-Studium versucht. Wieso hast du dann auf eine Ausbildung zum Krankenpfleger umgeschwenkt?
Ich habe ein 10.000-Dollar-Stipendium dafür bekommen, nach der High School das Maryland Institute of Art zu besuchen, es jedoch abgelehnt. Einer der Gründe für meine Ablehnung war, dass ich mich mit der dort vorherrschenden akademischen Ausrichtung nicht anfreunden konnte. Ein Großteil des Lehrplans umfasste moderne und abstrakte Kunst, die ich, mit Verlaub, für Humbug halte. Ich war entsetzt, als ich feststellte, dass die meisten Lehrkräfte keine Ahnung vom Zeichnen hatten. Sie konnten Farbe auf die Leinwand spritzen und seltsame  Statuen aus Metall und Fleisch formen, doch viele von ihnen konnten nicht zeichnen und hatten nicht mal ein Grundverständnis von Anatomie und Perspektive. Außerdem kostete die Kunstschule 20.000 Dollar im Jahr – selbst wenn ich gewollt hätte, hätte ich mir das nicht leisten können. Ich komme aus einer sehr armen Familie. Ich besuchte das örtliche Community College und hatte viele naturwissenschaftliche Kurse. Und ehe ich mich versah, hatte ich genug Scheine zusammen, um mich für die Krankenpflegeschule zu qualifizieren. Da meine Eltern immer wollten, dass ich Arzt werde, entschied ich, die Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen. Das war immerhin das nächstbeste.

Am College hattest du deine ersten Veröffentlichungen. Wie kam es dazu?
Während ich die Schule besuchte, zeichnete ich aus Spaß für die Studentenzeitung und das studentische Kunstmagazin. In dieser Zeit habe ich viele interessante Sachen über Druck und Publizieren gelernt.

Kannst du uns ein bisschen was zum kreativen Findungsprozess von „University Freaks“ erzählen?
„University Freaks“ war der Comicstrip, den ich für die studentische Tageszeitung an der University of Maryland gezeichnet habe. Seine Entstehung ist simpel: Ich langweilte mich im Unterricht, und so zeichnete ich diese Strips, zum Vergnügen meiner Freunde und meiner selbst. Als ich genug Strips zusammen hatte, bin ich ins Büro der Studentenzeitung gegangen und habe sie den Herausgebern gezeigt. Sie haben mich sofort genommen.

Du hast den Hauptcharakter nach dir benamt. Wie autobiografisch ist der Strip damit? Und das frage ich jetzt nicht nur wegen der Wonderbra-Valentinstag-Episode...
Ja, man könnte sagen, dass „University Freaks“ semi-autobiografisch ist. Viele der Witze basieren auf den Erlebnissen meiner Freunde. Ich hatte viele verrückte Freunde im College. Und nein, ich habe meiner Freundin nie einen Wonderbra zum Valentinstag geschenkt.  

Es gibt einen Strip, in dem du deine Figur Ralph einen Witz erzählen lässt, weil du wegen des Lernstresses keine normale Episode geschafft hast. Gab es damals viele Phasen, wo die Doppelbelastung hart war?
Oh, ja. Einen Daily-Comicstrip zu machen und ein volles Semester mit massig College-Arbeit zu haben, kann sehr stressig sein. Es gab viele Nächte, in denen ich noch am Strip zeichnete, während die Druckmaschinen schon warmliefen.

Wie lange hast du damals für einen Strip gebraucht?
Die Strips zu zeichnen hat nicht allzu lange gedauert. Der Schreib-Part war die harte Nuss.

Was ist dein Schwerpunkt an einem Strip? Die Pointen oder die längeren Storylines, die sich später bei „University Freaks“ und sowieso bei dessen Nachfolger „Liberty Meadows“ entwickelten?
Als ich „Liberty Meadows“ angefangen habe, lag mein Fokus auf dem Witz – Aufbau und Pointe. Mit den Jahren entwickelte es sich zu einer Art Seifenoper, was mir gefiel. Früher war mir die Punchline wichtiger als alles andere, später rückten Story und Charakterentwicklung in den Vordergrund. So ergaben sich also längere Storybögen und fortlaufende Subplots, was ziemlich gut funktionierte. Ich habe tonnenweise E-Mails und Briefe zu den Strips gekriegt, und ich denke, dass ich mich als Autor stark weiterentwickelt habe. Versteh mich nicht falsch, ich mag gute Pointen immer noch – doch sie genießen nicht mehr dieselbe Priorität wie früher.

Studentenhumor: Eine Szene aus dem Sammelband.
Studentenhumor: Eine Szene aus dem Sammelband.Foto: Cross Cult

Wie sah das Feedback von Freunden, Lehrern und Mitstudierenden zu „University Freaks“ aus?
Großartig. Ich bekam gelegentlich ein paar Hassbriefe von religiösen Spinnern oder sehr wütenden Feministinnen, doch die übrigen neunundneunzig Prozent waren äußerst positive Fanbriefe.

Wie wurde aus einem Strip in einer College-Zeitung ein landesweit in den Zeitungen abgedruckter Erfolg?
Als „University Freaks“ zu einem landesweit vertriebenen Zeitungsstrip wurde, habe ich die Grundstory und einige Figuren leicht verändert und in „Liberty Meadows“ umbenannt. Ein bahnbrechender Erfolg wurde die Reihe aber nie. Vergiss nicht, dass Amerika zu großen Teilen von frommen Fanatikern und humorlosen Zimperlieschen gegründet wurde – den Pilgern. Natürlich, „Liberty Meadows“ kam bei den Kritikern und den jüngeren Lesern gut an, aber die meisten Zeitungsredaktionen haben nie an die Serie geglaubt. Auf 500 positive Briefe kam ein negativer. Und es war dieser negative Brief, auf den die Zeitungsherausgeber gehört haben. Also zensierten sie meinen Strip, um der humorlosen Minderheit zu gefallen. Eine äußerst frustrierende Erfahrung.

Dir liegen Menschen und besonders schöne Frauen, wie man nicht nur an Brandy sieht. Wieso hast du im Strip Tierfiguren eingebracht?
Sie sind leichter zu zeichnen. Und du kommst eher davon, wenn riskanterer Humor Teil eines Cartoons mit Tieren statt mit Menschen ist.

Was empfindest du rückblickend, wenn du an „University Freaks“ denkst?  
Um ehrlich zu sein, bin ich nicht mehr ganz glücklich mit meinen Arbeiten aus der College-Zeit, sogar mit „University Freaks“. Sie haben einen gewissen Charme, eine Art ungeschlachte Passion. Und es ist interessant, denn während ich den Strip gestaltete, bemerkte ich nicht, wie sich mein Stil entwickelte und erwachsen wurde. Als ich am College war, dachte ich, dass ich die beste Arbeit abliefere. Wenn ich die Sachen heute ansehe, wirken sie im Vergleich mit meinen heutigen Zeichnungen aber recht grob.

Wolltest du schon während deiner Arbeit an den Strips in den Comic-Mainstream?
Oh Gott, ja. Wie schon gesagt, meine erste Liebe waren Comic-Hefte, besonders von Marvel. Als Marvel-Redakteur Axel Alonso mich kontaktierte, kamen ich und der Fünfjährige in mir uns vor, als hätten wir im Lotto gewonnen.

Neulich hast du gesagt, dass du wieder verstärkt deine eigenen Sachen vorantreiben möchtest, „Liberty Meadows“, „Zombie King“, „Guns and Dinos“ und so weiter. Kannst du dir vorstellen, irgendwann nur noch deine eigenen Projekte zu betreuen?
Ich mag es, für Marvel zu arbeiten und gleichzeitig meine creator-owned Sachen zu machen. Das ist ein großes Glück, und ich bin schnell genug, um beides zu bewerkstelligen. Also tue ich auch beides.

Stimmt es, dass du zur Entspannung Dinge zeichnest, die nichts mit deinen aktuellen Projekten zu tun haben? Ich hätte gedacht, dass du dazu etwas völlig anderes machen musst...
Ich liebe Kunst. Es ist nicht das Zeichnen, das mich stresst, es sind die Deadlines. Deshalb mag ich es, Sachen für mich zu zeichnen und zu malen. Es entspannt mich aber auch, Filme zu schauen oder Sport zu machen.  

Es ist noch gar nicht so lange her, da hast du dir ein Atelier in deinem Haus eingerichtet. Was bedeutet dir das Arbeiten an der Leinwand?
Ölmalerei ist für mich im Augenblick die ultimative Herausforderung. Das ist ein ganz normaler natürlicher Fortschritt für mich als Künstler. Die Ölmalerei regt mich an, während ich versuche, sie zu meistern.

Siehst du dich auch in der Tradition von Frazetta, Dave Stevens, Jim Silke und anderen großen Pin-Up-Künstlern? Gerade bei deinen Königsdisziplinen, den viel zitierten Affen, Monstern und Babes – wie wichtig ist die Tradition des Mediums generell für deine Arbeit?
Ich fühle mich außerordentlich geschmeichelt, zu dieser Gruppe talentierter Menschen gezählt zu werden. Ich denke, ich führe das Genre der klassischen Illustration fort. Doch noch mal, ich habe nichts davon geplant. Ich werde als Zeichner fast instinktiv zu Frauen, Affen und anderen abenteuerlichen Stoffen hingezogen. Es macht mich glücklich und verdeutlicht mein Glück, dass die Leute eine Verbindung zu meiner Kunst zu haben scheinen.  

Ärgert es dich manchmal, dass die meisten Leute in dir nur den Zeichner und weniger den Autor sehen?
Ja. Doch das ist normal, und ich bin es gewohnt. Dennoch bekomme ich heutzutage Jobs, in denen es nur ums Schreiben und nicht ums Zeichnen geht, und das ist zutiefst befriedigend für mich. Ich vermute, genug Leute sehen hinter meine schönen Bilder und mögen die Storys, die ich schreibe.

Gibt es noch etwas, das du unseren Lesern zum 10-jährigen „University Freaks“-Jubiläum bei Cross Cult sagen möchtest?
German readers rock. Ich bin kein David Hasselhoff, doch deutsche Leser haben mich von Anfang an unterstützt, und dafür kann ich ihnen nicht genug danken. Vielen Dank euch allen.

Frank Cho: University Freaks, Cross Cult, 122 Seiten, 22 Euro. Zur Verlags-Website geht es hier.

Das Interview führte Christian Endres für den Verlag Cross Cult, es erscheint im Anhang zur Gesamtausgabe. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung. Mehr von Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. 

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