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Interview : „Ich bin ein hoffnungsloser Romantiker“

14.10.2012 10:01 Uhrvon
Traumwelten: Eine Seite aus dem Band.Bild vergrößern
Traumwelten: Eine Seite aus dem Band. - Foto: Reprodukt

Modernes Märchen, Religionskritik, Liebesroman: Craig Thompsons „Habibi“ wurde jetzt auf der Frankfurter Buchmesse als bester Comic des Jahres geehrt. Im Tagesspiegel-Interview erklärt er die Hintergründe des Werkes.

Seine semibiographische Graphic Novel „Blankets“, erschienen 2003, wurde in den USA und auch in Deutschland vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Der Nachfolger, das in Nordafrika spielende moderne Märchen „Habibi“ (Reprodukt, 672 Seiten, 39 Euro), wurde am Wochenende mit dem Sondermann-Preis auf der Frankfurter Buchmesse ausgezeichnet. Das Buch provozierte bei seinem Erscheinen vor rund einem Jahr euphorische, aber auch negative Kritiken - zwei konträre Tagesspiegel-Rezensionen finden Sie hier.

Als Thompson das 700 Seiten starke Epos vergangenes Jahr in Deutschland vorstellte, traf der Tagesspiegel ihn zum Interview. Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir das Gespräch erneut.

Mr. Thompson, Sie haben sich für Ihr aktuelles Buch viele Jahre mit dem Islam und der arabischen Welt beschäftigt - was denken Sie, wenn Sie die aktuellen Nachrichten aus der Region verfolgen?

Die Ereignisse zeigen für mich, dass Muslime liberaler und freiheitsliebender sind, als wir es in unseren Medien vermittelt bekommen. Ich habe muslimische Freunde in Ägypten, Algerien und anderen muslimischen Ländern, die sehr offen und liberal eingestellt sind. Die repressiven Strukturen sind mehr den Regierungen zuzuschreiben als der Religion.

Ihr Buch „Habibi“ kann man unter anderem als Metapher für die aktuellen Entwicklungen lesen: Am Anfang erleben die Hauptfiguren in einem namenlosen arabischen Land Unterdrückung und archaische Gesellschaftsstrukturen, am Ende zeichnen sich Freiheit und Modernisierung am Horizont ab...

Es ist ganz bewusst eine Geschichte, die in einem fiktiven Land in einer nicht definierten Zeit angesiedelt ist. Es begann als modernes Märchen, das ich erzählen wollte, und entwickelte sich dann im Laufe der sieben Jahre, die ich daran gearbeitet habe, zu einer Meditation über die gemeinsamen Wurzeln und Erzählungen der abrahamitischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam.

Sie kommen aus einer christlich-fundamentalistischen Familie im Mittleren Westen der USA, wovon Ihr Bestseller „Blankets“ Zeugnis ablegte. Wie weit half Ihnen das bei der Beschäftigung mit dem Leben in traditionellen muslimischen Gesellschaften?

Sehr. Das ist die erste Verbindung, die ich mit vielen muslimischen Bekannten hatte. Dieselbe Moral, derselbe Lebensstil, dieselben Geschichten. Mein christlicher Hintergrund ist allerdings noch viel konservativer als der meiner meisten muslimischen Bekannten.

Craig Thompson: Die autobiografische Erzählung "Blankets" machte ihn berühmt.Bild vergrößern
Craig Thompson: Die autobiografische Erzählung "Blankets" machte ihn berühmt. - Foto: Lars von Törne

Damit dürften Sie manche westliche Leser irritieren, da der Islam für viele von ihnen Restriktion und Fundamentalismus bedeutet.

Von meinen muslimischen Freunden habe ich gelernt, dass Fundamentalismus mehr eine Frage der Kultur ist und weniger mit der Religion zu tun hat.

Mit der Botschaft Ihres Buches, dass Muslime, Christen und Juden sich in den Ursprüngen ihrer Religionen ähnlicher sind, als viele von ihnen es wahrhaben wollen, dürften Sie sich gerade in den christlich geprägten USA nicht nur Freunde machen.

Ja. Ich habe auch für „Blankets“ wegen seiner kritischen Perspektive auf bestimmte Ausformungen des Christentums einige sehr negative Rückmeldungen bekommen. In einer Stadt war es sogar als Pornographie für illegal erklärt worden. Ich bekam Briefe von Christen, die mich mit Bibelzitaten zur Besinnung bringen wollten. Aber es gab auch Pastoren und Priester, die das Buch liebten.

Seit den Anschlägen von 2001 haben sich viele US-Comicautoren mit dem Islam beschäftigt, von Art Spiegelmans Bush-kritischer Collage „Im Schatten keiner Türme“ bis zu Frank Miller, der in seinem aktuellen Buch „Holy Terror“ seine Rachefantasien auslebt und zur Hatz auf Muslime bläst. Sie hingegen gehen einen anderen Weg.

Mein Buch ist unter anderem eine Reaktion auf die zunehmende Islamophobie in den Vereinigten Staaten nach 2001. Ich habe versucht, mir mein eigenes Bild vom Islam zu machen und auch die Schönheiten der islamischen Kultur für mich zu entdecken. Und je genauer ich hinguckte, desto mehr entdeckte ich Gemeinsamkeiten.

Auf der nächsten Seite lesen Sie, was George W. Bush mit „Habibi“ zu tun hat.

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