Interview : "Ich dachte nicht, dass jemand das lesen würde"

Der Science-Fiction-Thriller "Surrogates" ist eines der bemerkenswertesten und erfolgreichsten Comicdebüts der vergangenen Jahre. Der Kinofilm dazu startet am 21. Januar. Im Doppel-Interview verraten Robert Venditti und Brett Weldele, was sie von der Umsetzung ihres Buches halten.

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Erfolgsteam. Zeichner Brett Weldele (links) und Autor Robert Venditti schufen "Surrogates".Foto: Lars von Törne

Das von Brett Weldele in expressivem Stil gezeichnete und auf Deutsch bei Cross Cult erschienene Erstlingswerk des Autors Robert Venditti wurde von Jonathan Mostow ("Terminator 3") mit Bruce Willis in der Hauptrolle verfilmt. Die Geschichte handelt von einer Welt in der nahen Zukunft, in der die Menschen hochentwickelte Roboter haben, die an ihrer Stelle den Alltag bewältigen während ihre Besitzer sicher aber passiv zu Hause sitzen – bis ein Technoterrorist beginnt, die Roboter anzugreifen. Das ruft den im Film von Willis gespielten Polizisten Harvey Greer auf den Plan, der im Laufe der Ermittlungen zunehmend an den vermeintlichen Segnungen der schönen neuen Welt zweifelt, eine ausführlichere Rezension finden Sie hier. Kürzlich waren die Schöpfer von "Surrogates" in Deutschland, um Werbung für Ihr Buch zu machen. Lars von Törne traf sie zum Doppelinterview.

Tagesspiegel: Comicverfilmungen stehen ja derzeit so hoch im Kurs wie noch nie…

Robert Venditti: Ja, ich habe von Fällen gehört, in denen Leute, die ein Drehbuch haben, Zeichner dafür bezahlen, dass sie einen Comic von ihrer Geschichte erstellen, damit sie den Filmstudios etwas zeigen können. Einfach weil Comics gerade so heiß sind.

Brett Weldele: Ich selbst habe ein paar Ideen von Autoren in Zeichnungen umgesetzt, damit sie etwas vorzeigen können.

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Technoterrorist. Der Gegenspieler des Polizisten Harvey Greer, den im Film Bruce Willis spielt. -Illustration: Weldele

Wie ein Storyboard, das im Film für die Visualisierung einzelner Szenen ja durchaus üblich ist?

Brett Weldele: Nein, es soll schon den Look eines Comics haben und die ganze Geschichte in Bildern erzählen, damit es irgendwie trendy aussieht.

Wo sehen Sie die Chancen der immer engeren Verflechtung von Comic- und Filmwelt?

Robert Venditti: Es ist eine sehr symbiotische Beziehung, Comics und Graphic Novels ziehen Produzenten an, eben weil sie wie ein Storyboard wirken. Es sind im Gegensatz zu einem Drehbuch oder einem Roman schon Bilder da, um die Geschichte zu vermitteln. Und der Erfolg von auf Comics basierenden Filmen bringt wiederum dem Medium Comic mehr Aufmerksamkeit als ernstzunehmende Stilform. Es könnte also eine Win-Win-Situation sein. Die Kehrseite ist, dass Comicfans sehr eigen sind, was filmische Umsetzungen angeht. Viele wollen, dass der Film eine Kopie des Comics ist – das wäre aber falsch, denn es sind nun mal unterschiedliche Medien. Was bei dem einen gut funktioniert, kann bei dem anderen misslingen.

Brett Weldele: Ich sehe die Gefahr, dass auch mehr schlechte Filme gemacht werden, die sich auf Comics berufen. Je mehr Comicverfilmungen es gibt, desto öfter werden auch mal schlechte darunter sein. Und das wirkt sich dann negativ auf die Wahrnehmung von Comics als Medium aus.

Welche Comicverfilmungen halten Sie für gelungen, welche für misslungen?

Robert Venditti: Ich mochte „History of Violence“ und „Road to Perdition“ sehr, von denen viele Leute gar nicht wissen, dass sie auf Comics basieren. Gar nicht gefielen mir der erste Hulk-Film und der Daredevil-Film. Spider-Man fand ich gut, die letzten Batman-Filme auch. „Sin City“ und „300“ waren auch gut – und die waren sogar sehr nah dran an der Comicvorlage. „Watchmen“ hingegen fand ich nicht auszuhalten. Ich habe davon nur die erste Hälfte angeschaut, weil ich ihn unerträglich fand. Und die „Spirit“-Verfilmung hatte mehr von einem Frank-Miller-Comic als von einem Film.

Ihre Comicserie „Surrogates“ war ja anfangs keinesfalls als Film geplant, sondern entwickelte sich eher unerwartet aus einer Idee, die Sie, Robert Venditti, hatten, als Sie noch als Lagerarbeiter beim Comicverlag Top Shelf Ihr Geld verdienten. Wie kam Ihre Zusammenarbeit zustande und wie entwickelte sie sich?

Robert Venditti: Die Geschichte war ziemlich fertig, als ich sie Brett gab und er die Bilder dazu entwickelte.

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Nah am Comic - und doch ganz anders. Am 21. Januar kommt der Film mit Bruce Willis in Deutschland ins Kino.Foto: Promo

Wir haben höchstens ein, zwei Dinge in diesem Prozess geändert. Aber eigentlich war es ein ganz klarer Fall: Dies war mein erstes Buch, aber Brett war schon längst als Zeichner etabliert, der viele gute Bücher gemacht hatte. Also ließ ich ihn die visuelle Umsetzung weitgehend alleine machen.

Ihr Buch hat ja eine sehr starke visuelle Sprache und besticht durch eine einzigartige Atmosphäre. Wieweit ist das ausschließlich eine Schöpfung von Ihnen als Zeichner?

Brett Weldele: Robs Beschreibungen waren sehr detailliert. Das ist eher unüblich. Aber da Rob die Story geschrieben hatte, ohne zu wissen, wer sie zeichnet, wollte er eben besonders genau sein, damit jeder diese Story umsetzen könnte.

Ihr Buch lebt ja vor allem von der Atmosphäre, von den ungewöhnlichen Farben…

Brett Weldele: Ja, damit arbeite ich sehr intuitiv. Ich bin nicht der Typ, der sagt: Der Himmel muss blau sein und das Gras grün. Wenn ich Ärger ausdrücken will, male ich in Rot, wenn etwas cool ist, male ich es in Blau. So gebe ich einen Einblick in die Emotionen der Figuren. Denn wenn man einen Comic zeichnet, ist es schwerer, Gefühle und Ideen zu vermitteln als in einem Film oder in Fotografie.

Robert Venditti: Wenn man einen Comic schreibt, will man einen Künstler finden, dessen Stil zu einem passt. Als ich mein Buch geschrieben hatte und es meinen Redakteuren bei meinem Verlag Top Shelf zeigte, kam sofort die Idee, Brett zu nehmen, weil sein subtiler, an Charakteren und Stimmungen orientierter Stil zu der Atmosphäre des Buches passt. Auch, weil er alles selbst macht, von den Zeichnungen bis hin zur Kolorierung. Das ist in Amerika eher unüblich, wo meistens eher ein Typ die Zeichnungen macht, der nächste die Kolorierung und so weiter. Das hätte das Buch zerstört.

Ihr Zeichenstil hat etwas von klassischer Malerei.

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Wie mit dem Skalpell gezeichnet. Eine Seite aus dem Buch.Illustration: Cross Cult


Brett Weldele: Ja, ich mag diesen malerischen Stil. Ich scanne zum Beispiel aquarellierte Flächen ein und arbeite dann damit am Computer. Es ist ein vielschichtiger Prozess, bei dem ich die Bilder Schicht um Schicht erarbeite. Es gibt ja eine lange Geschichte der Ästhetik von bildender Kunst im Comic. Das hat mich seit Kindertagen angezogen: Künstler wie Bill Sienkiewicz, Dave McKean und so weiter. Aber es hat mich nie wirklich zur Malerei als Ausdrucksform gezogen, sondern ich wollte Comics zeichnen, seitdem ich acht Jahre alt bin. So kombiniere ich eben die unterschiedlichen Formen. Das ist das Großartige an Comics: Du kannst jeden Stil benutzen, der Dir gefällt, solange Du eine Geschichte zu erzählen hast.

Sie beide hatten offenbar eine große Freiheit bei der Arbeit an „Surrogates“ – vielleicht auch, weil anfangs wohl niemand daran gedacht hätte, dass es die Grundlage für einen Blockbuster-Film mit Bruce Willis wird.

Robert Venditti: Ja, das ist das erste Buch, das ich je geschrieben habe. Ich arbeitete damals im Lager des Verlags Top Shelf. Das Größte, was ich mir zu der Zeit vorstellen konnte, war, dass irgendjemand meine Geschichte veröffentlichen würde. Mehr nicht. Ich dachte nicht, dass irgendjemand das dann auch lesen würde, weil ich keinen Namen als Autor hatte. Aber so hätte ich zumindest etwas, dass ich dann anderen Redakteuren zeigen und sagen könnte: Guck mal, ich hab schon etwas veröffentlicht, habt Ihr einen Job für mich? So geht es mir übrigens auch mit den anderen Geschichten, die ich seit „Surrogates“ geschrieben habe: Ich würde mich freuen, wenn sie zu Comics werden, mehr nicht. An Filme denke ich dabei nie.

Ihr Buch lässt im Vergleich zum Film großen Interpretationsspielraum, vieles ist nur angedeutet – haben Sie absichtlich manches nur schemenhaft beschrieben und gezeichnet?

Brett Weldele: Ich mag eine sehr minimale Ästhetik, was die Linien betrifft. Linien sind wie der Klebstoff, der alles zusammenhält. Bei vielen Comics sieht man alles in den Linien, die sind oft schon bis ins letzte Detail ausgefeilt. Und die Farben und Strukturen und alles andere sind dann nur noch eine Zugabe. Bei mir hingegen soll die Geschichte nicht nur aus den Linien heraus erzählt werden, sondern auch aus den Farben, aus der Oberflächenstruktur und anderen Elementen.

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Überraschungserfolg. Als Robert Venditti das Buch schrieb, arbeitete er noch im Lager des Comicverlages Top Shelf.

Ihre Zeichnungen unterscheiden sich von der Ästhetik des Kinofilms unter anderem bei der Darstellung der „Surrogates“, der Roboter, die den Menschen ihre Alltagsarbeit abnehmen. Im Film sind die Roboter alle jung und hübsch und sehen ihren Besitzern nur entfernt ähnlich, im Buch arbeiten Sie diesen Unterschied nicht so stark heraus.

Robert Venditti: Ja, der Film arbeitet viel mehr mit Oberflächen, mit Looks. Ich hingegen denke, wenn Menschen Roboter hätten, die ihnen Arbeit abnehmen, würden diese Roboter oft ganz normal aussehen. Ich denke, so wäre das auch in der Realität, wenn Menschen Roboter hätten: Manche würden sie einsetzen, um schöner und jünger auszusehen. Andere würden sie einfach nur benutzen, um sich den Alltag zu erleichtern oder weil es ihre Arbeit erfordert, wie eine schusssichere Weste, aber nicht, um ihre Identität zu verändern.

Ihr Buch ist ja auf den ersten Blick nicht gerade Mainstream-Filmmaterial, sondern lässt einen eher an wacklige Handkameras und dunkle, schemenhafte Filmbilder denken. Als Sie hörten, dass es als Hollywood-Film umgesetzt wird, was war Ihre Reaktion?

Brett Weldele: Großartig! Die Leute, die an dem Film beteiligt sind, sind alle große Künstler in ihrem jeweiligen Metier. Als wir die Dreharbeiten besuchten, sahen wir in einem Produktionsbüro all die Zeichnungen und Bilder des Produktionsdesigns – das ist einfach unglaubliches Zeug. Und der Film sieht atemberaubend aus. Ich als Zeichner will ja auch nicht, dass es so aussieht wie das, was ich gemacht habe. Das tut das Buch ja schon. Ein Film muss sein ganzes eigenes Leben entwickeln, und das hat er in diesem Fall sehr gut getan.

Waren Sie an der Produktion beteiligt?

Robert Venditti: Nein, wir hielten uns da raus. Nicht, weil wir nicht mitmachen sollten. Nein, wir wollten einfach von Anfang an klar machen, dass das Buch das eine und der Film das andere ist. Wir respektieren das Filmteam als talentierte Individuen, die einen Babysitter genauso wenig wollen wie wir einen wollten. Und die Beteiligten sind absolute Profis. Der Produktionsdesigner, der die meisten Sets und die Utensilien entworfen hat, ist der Typ, der den ersten Transformers-Film gemacht hat. Der Kameramann ist Oliver Wood, der die Jason-Bourne-Filme gedreht hat. Das sind erstklassige Leute – ich werde denen nicht vorschreiben, wie sie eine Szene umsetzen. Diese Leute sprudeln über vor Kreativität.

Ihr Buch ist offensichtlich von traditioneller Science-Fiction-Literatur wie den Geschichten von Philip K. Dick inspiriert, mindestens genauso aber von den aktuellen Realitäten der Internet-Welt, in der Leute sich andere Identitäten zulegen. Bewegen Sie sich auch privat in diesen virtuellen Welten?

Robert Venditti: Ich war in meinem Leben nur einmal in einem Chatroom, weil ich das für einen College-Kurs musste, und ich habe nie irgendwelche Online-Rollenspiele gespielt. Ich habe keine Facebook-Seite und bin nicht bei Second Life. Aber ich kenne viele Leute, die das machen. Und daher kam am Anfang die Inspiration: Dass ich Freunden dabei zuschaute, wie sie in Online-Rollenspiele versunken waren. Ein sehr guter Freund von mir unterhielt sich in einem Chatroom immer sehr angeregt mit diesem Mädchen. Aber er gab vor, jemand anders zu sein und freute sich, dass er dieses Mädchen an der Nase herumführte. Und ich dachte nur: Die Person am anderen Ende der Leitung macht bestimmt das gleiche mit ihm, aber daran denkt er gar nicht.

Hier geht es zur Website von Autor Robert Venditti, hier zu der von Zeichner Brett Weldele.  Der erste, in sich abgeschlossene Sammelband von "Surrogates" ist auf Deutsch bei Cross Cult erschienen, hat 208 Seiten und kostet 26 Euro. Mehr Informationen und eine Leseprobe gibt es unter diesem Link.

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