Interview : „Ich hasste Mathematik“

Was treibt einen griechischen Bestseller-Autor dazu, fünf Jahre an einem Comic über mathematische und philosophische Fragen zu arbeiten? Apostolos Doxiadis, Autor des international gefeierten und jetzt auf Deutsch erschienenen Buches „Logicomix“, erklärt es im Tagesspiegel-Interview.

Subjekt und Objekt zugleich. In der Erzählung stellen Doxiadis und seine Mitstreiter sich immer wieder selbst dar - den Autor erkennt man am roten Hemd.
Subjekt und Objekt zugleich. In der Erzählung stellen Doxiadis und seine Mitstreiter sich immer wieder selbst dar - den Autor...Illustration: Papadatos/Atrium

Tagesspiegel: Herr Doxiadis, Ihrer Biografie ist zu entnehmen, dass Sie in Griechenland aufwuchsen, aber bereits mit 15 an der New Yorker Columbia Universität Mathematik studierten und sich mit den großen Fragen von Logik und Philosophie beschäftigten – Sie scheinen ein Wunderkind zu sein…

Doxiadis: Nein, im Gegenteil. Als ich jünger war, hasste ich Mathematik. Aber in meinem 14. Lebensjahr entwickelte ich eine plötzliche Liebesaffäre mit der Mathematik.

Wie kam das?

Ich war in dem Fach in der Schule so schlecht, dass ich eine Abschlussprüfung des Jahres wiederholen musste. Ich hatte die typische Aversion gegen Mathematik, die man in dem Alter eben hat. Ich hasste es. In dem Sommer bekam ich einen Nachhilfelehrer, der mit mir den Stoff der vergangenen Jahre durcharbeitete. Er war ein freundlicher Mann, der sofort sah, dass ich nicht doof war. Aber vor allem war er ein großer Erzähler. Er war studierter Physiker und erzählte mir Geschichten von großen Physikern und Mathematikern, von Einstein zum Beispiel. Diese Geschichten faszinierten mich. Und da ich ein großer Romantiker war, weckte er mein Interesse an der Mathematik. Die großen Mathematiker erschienen mir in seinen Erzählungen eher wie Poeten, faszinierende Persönlichkeiten und keine langweiligen Nerds. Und schon kurze Zeit später schrieb ich meine ersten Arbeiten und las viel über fortgeschrittene Mathematik.

Später setzte sich dann offenbar doch ihre Liebe zum Theater zur Literatur durch und sie wurden zumindest kein vollberuflicher Mathematiker, sondern Autor...

Ja, und viele meiner Romane und Stücke haben nichts mit Mathematik zu tun. Einige aber doch, denn das Thema finde ich nach wie vor faszinierend. So schrieb ich Anfang der 90er Jahre den Roman „Onkel Petros und die Goldbach'sche Vermutung“, der auch international sehr erfolgreich war. Dieses Buch bekehrte viele Leute zur Mathematik, ich wurde zum Mathe-Apostel. Das Thema setzte ich dann noch einmal in einem Theaterstück um, und jetzt eben in einem Comic.

Wie kam es dazu, ausgerechnet ein Medium zu wählen, das nicht gerade eine große Tradition der Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte hat?

Ich bin seit Kindertagen ein begeisterter Comic-Leser. Und das Zusammenspiel von Worten und Bildern hat mich als Autor schon lange fasziniert. Und in den vergangenen Jahrzehnten haben mich besonders die neuen, anspruchsvolleren Graphic Novels wie „Maus“ oder „Watchmen“ angesprochen. Auch hat mich Scott McClouds theoretische Abhandlung über das Medium in Comic-Form sehr begeistert, weil er Inhalt und Form kongenial verbindet. Vor ein paar Jahren sprach ich dann mit meinem Freund Alekos Papadatos darüber, der seit 20 Jahren als Animationsfilmer arbeitet. Er war auf der Suche nach etwas Neuem und wollte eine bedeutsame Geschichte als Graphic Novel erzählen, hatte aber noch kein Thema. Ich sagte: Lass uns eine Geschichte über die theoretischen Fundamente der Mathematik erzählen – und er war Feuer und Flamme. All dies führte dazu, dass eine Reihe von Geschichten, die in meinem Kopf herumspukten, nun als Comic zusammengefunden haben – nach fünf Jahren harter Arbeit!

Ihr Buch wirkt trotz des sehr theoretischen Themas und der vielen darin vorgestellten Konzepte sehr lebendig…

Das liegt auch daran, wie wir es erarbeitet haben. Ich habe nach und nach einzelne Passagen als Drehbuch verfasst, und wir haben dann zusammen im Atelier versucht, die passende Stimmung und Bilderfolgen zu entwickeln – oft, indem ich die einzelnen Figuren gespielt habe, Grimassen gemacht und Alekos gezeigt habe, wie sie sich bewegen. Er hat das in Skizzen und kleinen Filmszenen festgehalten und dann in seinen Zeichnungen umgesetzt.  Vor allem aber habe ich mich an meine goldene Regel gehalten: Benutze nur so viele Konzepte in Deinen Geschichten, wie unbedingt nötig sind, um die Figuren lebendig werden zu lassen und ihre Handlungen und Gefühle verständlich zu machen! Alles, was darüber hinausgeht, wäre eine Predigt.

„Logicomix“ ist auch deswegen so bemerkenswert, weil Ihre Heimat, Griechenland, nicht gerade für ihre große Comictradition bekannt ist…

Nein, das ist bei uns nach wie vor eine sehr kleine Nische. Die griechischen Comic-Macher und die Fans des Mediums kennen einander alle beim Vornamen. Wir haben in meiner Heimat allerdings eine starke Tradition der politischen Karikatur, und manche Zeitungen geben ihren Zeichnern Raum, auch mal Karikatur-Folgen von mehreren Bildern zu veröffentlichen, die wie Comics aussehen.  Und es gibt bei uns auch viele Übersetzungen von zeitgenössischen Werken aus anderen Ländern wie „Blankets“ oder „Persepolis“, die zu Comic-Bestsellern wurden – was in Griechenland Verkaufszahlen von gerade einmal 3000 Stück oder so bedeutet. Von unserem Buch hingegen wurden inzwischen in Griechenland alleine 65.000 Exemplare verkauft – so viel wie von keinem anderen Comic zuvor.

Ihr Buch ist auch international ein großer Erfolg – und manche Leute staunen, dass eine Gruppe von Griechen, die vorher in der Comicszene keiner kannte, so ein Meisterwerk vorlegen…

Ja, und die Mehrheit der Comic-Szene in den USA zum Beispiel hat uns eher ablehnend behandelt. Wir sind in doppeltem Sinne Außenseiter: Zum einen haben wir ein Thema behandelt, das bis dahin im Comic Terra Incognita war. Und wir waren diese völlig unbekannten Griechen, die aus dem Nichts plötzlich mit etwas ganz Großem auftauchen. Mein Freund und Co-Autor Christo zeigte einmal vor der Veröffentlichung einem sehr bekannten US-Zeichner ein paar Auszüge aus unserem Buch – und der reagierte, als ob wir ein Überfallkommando wären, das in seine Idylle einbricht. Trotzdem wurde das Buch auch dort ein Bestseller.

Sie reflektieren in einer der vielen Erzählebenen des Buches auch Ihre gemeinsame fünfjährige Arbeit an diesem Buch. Die ähnelt von Intensität und Umfang her einigen der gigantischen Herausforderungen, denen sich ihre Hauptfigur, der Philosph Bertrand Russell, auf seiner Suche nach der absoluten Wahrheit aussetzte…

Ja, wir haben viele Kämpfe ausgefochten. Das fing damit an, dass wir für so viele unterschiedliche Erzählstränge und Charakterschilderungen einen einheitlichen Rahmen entwickeln mussten. Und wir mussten einen Weg finden, die unterschiedlichen für unsere Geschichte wichtigen Charaktere von Russell bis Wittgenstein zusammenzubringen. Da haben wir uns ein paar künstlerische Freiheiten erlaubt und einige Begegnungen stattfinden lassen, die historisch nicht verbürgt sind oder so nicht stattgefunden haben können. Aber es geht ja nicht nur um die Geschichte von Personen, sondern auch um die Geschichte von Ideen. Ansonsten haben wir uns allerdings streng an die Fakten gehalten!

Sie haben vor einigen Jahren eine gemeinnützige Organisation gegründet, die sich der Aufgabe verschrieben hat, die Kluft zwischen Literatur und Naturwissenschaften zu überbrücken. Was hat es damit auf sich?

Die Gruppe heißt, nach dem griechischen Philosophen, „Thales und seine Freunde“. Wir arbeiten zusammen mit Lehrern in Griechenland und regen sie dazu an, Clubs zu gründen, in denen sich ihre Schüler außerhalb der Schule treffen und Bücher zusammen lesen und diskutieren. Das ist sehr erfolgreich, wir haben inzwischen 300 Lesegruppen, die sich regelmäßig treffen. Bei den Büchern liegt ein Schwerpunkt auf Mathematik und Naturwissenschaften – aber es sind keine Schulbücher, sondern Biographien, Geschichtsbücher oder Romane wie Hermann Hesses „Glasperlenspiel“ oder Thomas Manns „Doktor Faustus“, die diese Themen aufgreifen.

Es scheint, als ob Sie eine pädagogische Mission haben, zu der auch das jetzt umgesetzte Vorhaben passt, Mathematik und Philosophie in Comicform zu vermitteln…

Schon, aber ich bin doch in erster Linie Geschichtenerzähler! Es geht mir nicht um die Popularisierung von Wissenschaft um ihrer selbst willen. Auch bei „Logicomix“ steht die Story im Vordergrund, die Ideen und das Wissenschaftliche dienen dazu, die Charaktere und ihre Handlungen nachvollziehbar zu machen.

Sie haben gerade eine Lesreise durch Deutschland absolviert, bei der Sie immer wieder auch vor Mathematikern in Universitäten aufgetreten sind. Wie waren deren Reaktionen auf den ersten Comic aus ihrem Fachgebiet?

Viele von ihnen leben in einer sehr isolierten Welt. Mathematiker können ihren Frauen nicht erzählen, was sie heute im Büro gearbeitet haben, weil die es nicht verstehen würden. Deswegen sind die meisten dankbar und überrascht, dass jemand ihre Helden zu den Helden einer Erzählung macht. Natürlich gibt es auch die Puristen, die sagen: Das Buch trivialisiert alles und vermittelt den falschen Eindruck, Mathematik sei ein großer Spaß. Aber irgendwie ist es das ja auch.

Das Gespräch führte Lars von Törne

Episch. 352 Seiten hat das Buch, jetzt ist es auf Deutsch bei Atrium erschienen - hier das Covermotiv.
Episch. 352 Seiten hat das Buch, jetzt ist es auf Deutsch bei Atrium erschienen - hier das Covermotiv.

Eine ausführliche Rezension von „Logicomix“ finden Sie am heutigen Mittwoch im gedruckten Tagesspiegel auf der Comicseite.

Apostolos Doxiadis / Christos H. Papadimitriou (Autoren), Alecos Papadatos (Zeichnungen), Annie di Donna (Farben), Dimitris Karatzaferis und Thodoris Praskevas (Tusche) und Anna Bardy (Lettering): Logicomix - eine epische Suche nach Wahrheit, 352 Seiten, 24,90 Euro, Atrium, mehr hier.

 

 

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