Interview : „Ich könnte nicht glücklicher sein“

Dave Gibbons, Zeichner des Klassikers „Watchmen“ hat nicht geglaubt hat, dass sein Buch jemals in einen Film verwandelt wird. Im Interview erzählt er, wieso er froh ist, dass es anders gekommen ist.

Ian Spelling
260518_0_08c43166.jpg
Dave Gibbons (59) schuf 1986/87 zusammen mit dem Autor Alan Moore die zwölfteilige Serie "Watchmen", die von vielen als der beste...

Mal ehrlich, Mister Gibbons: Hätten Sie gedacht, dass Ihr Buch „Watchmen“ jemals verfilmt wird?

Nein, ich habe nicht daran geglaubt, dass jemand das hinbekommt. Es gab über die Jahre hinweg ein so langes Hin und Her darum, dass ich einfach annahm, das wird sowieso nichts mehr. Es sah so aus, dass es niemals das passende Drehbuch geben würde. Aber ich muss auch sagen, dass ich niemals darauf gefiebert habe und dachte: „Ich wünschte mir, sie würden einen Film draus machen.“ Nein, ich sah das immer an wie einen Lottoschein: Vielleicht gewinnst Du, aber wahrscheinlich eher nicht. Und auch wenn Du gewinnst, kann es sein, dass Du den Jackpot knackst – oder Du kriegst einen Trostpreis. Daher ist die Tatsache, dass wir jetzt quasi im Lotto gewonnen haben, einfach fantastisch.

Als Alan Moore und Sie das Buch schufen, wie filmisch sahen Sie die Geschichte damals?

Comics werden ja oft mit Filmen verglichen, weil sie einiges an visueller Sprache teilen. Aber eine Geschichte in einem Comic zu erzählen, ist schon eine andere Sache. Und wir haben versucht, all die Tricks zu benutzen, die es im Comic nun mal gibt. Natürlich ist es unvermeidlich, dass man es mit einem Film vergleichen kann, aber „Watchmen“ war ein Comic, nicht der Entwurf für ein Drehbuch!

261389_0_5e87cc99.jpg
Meisterwerk. Das opulent bebilderte Buch "Watching the Watchmen" zeigt Dave Gibbons' Skizzen und fertige "Watchmen"-Seiten im...Zeichnungen: Gibbons/Panini

Denken Sie manchmal an all die nicht realisierten Versuche in der Vergangenheit zurück, Ihr Buch zu verfilmen, und fragen sich: Was wohl Terry Gilliam daraus gemacht hätte? Oder ist Zack Snyders Version, die jetzt ins Kino kommt, die einzige, die noch zählt?

Nun, die Terry-Gilliams-Fassung stelle ich mir schon toll vor. Aber auf die würden wir wahrscheinlich heute noch warten… Ich bin sicher, das wäre ziemlich wunderbar geworden, aber ich denke auch, dass Zack (Snyder) ein großartiger Regisseur für dieses Projekt ist. Er versteht unser Buch sehr gut. Und mit dem Erfolg seines Films „300“ im Rücken war er in einer sehr guten Position, um den Film so zu machen wie er es wollte, ohne allzu große Kompromisse gegenüber dem Studio. Ich weiß, dass er eine Menge Elemente wieder in den Film hinein nehmen konnte, die man ihm aus dem Drehbuch gestrichen hatte. Das ist großartig. Ich könnte nicht glücklicher sein mit dem, was Zack gemacht hat.

Wie stark reflektiert der Film „Watchmen“ Ihre Arbeit als Zeichner? Und sollte es das überhaupt? Ist es gut, wenn ein Film so nah wie möglich am Original ist? Oder wäre ein wenig Distanz zum Comic besser?

Zacks Storyboard für den Film bestand aus einem Buch voller Skizzen, das ganze Seiten unseres Comics enthielt, die immer wieder aufgebrochen waren mit seinen eigenen Zeichnungen. Das heißt, meine Vision wurde sehr genau als Vorlage benutzt. Schon in den Trailern waren mehrere Szenen, die direkte Übertragungen meiner Zeichnungen waren. Das wichtigste ist für mich aber, dass „Watchmen“ als Film funktioniert, und dass es ein guter Film ist. Ich denke, das ist hier der Fall, auch wenn bestimmte Kompositionen oder Bildfolgen nicht so übernommen wurden. Ich sehe es als Kompliment für meine visuellen Fähigkeiten, dass so viele Bilder von mir es in den Film geschafft haben. Und das gilt nicht nur für meine Zeichnungen, sondern auch für John Higgins’ Kolorierung, die den Look des Comics sehr stark mitgeprägt hat. Es ist sehr schmeichelhaft für uns beide zu sehen, dass unsere Vision überlebt hat.

261391_0_535693e4.jpg
Annäherung an den Übermenschen. Gibbons' erste Skizzen für die Figur des Dr. Manhattan, der durch einen Unfall Superkräfte...Zeichnungen: Gibbons/Panini

„Watchmen“ erzählt die Geschichte einer großen, vielfältigen Gruppe von Charakteren, deren Vorgeschichte meist nur angedeutet ist. Haben Sie und Alan Moore jemals erwogen, einen „Watchmen“-Vorgänger zu schaffen, in dem einige dieser Geschichten ausgeführt werden?

Damals dachten wir darüber nach. Wir hatten die Idee zu einer Serie mit den „Minutemen“, den Vorgängern der „Watchmen“, im Stil eines 40er-Jahre-Comics. Aber heute denke ich, dass vieles bei den „Watchmen“ besser mit Andeutungen funktioniert als das man es immer in jedem Detail ausführen muss. Es gibt da zum Beispiel den Hinweis, dass Rorschach jemanden in einen Fahrstuhlschacht wirft, oder die Andeutung, dass „Dollar Bill“ starb, weil er mit seinem Cape in einer Drehtür hängen blieb. Ich denke, dass kann manchmal stärker sein als wenn man jedes Detail davon sieht. Interessanterweise hat Zack im Film etwas Ähnliches gemacht. In der Eröffnungsszene zeigt er vielleicht fünf Sekunden lang, wie „Dollar Bill“ am Boden liegt, erschossen, mit seinem Cape in der Drehtür. Das ist alles, was man sehen muss, da braucht es keine Vorgeschichte. Ich denke, dieser Zugang funktioniert auch im Film sehr gut.

Normalerweise arbeitet Alan Moore für jedes Projekt mit einem anderen Zeichner. Sie allerdings haben mit ihm an mehreren Projekten gearbeitet. Glauben Sie, Sie werden mal wieder etwas zusammen machen?

Alan und ich haben an vielen Geschichten zusammengearbeitet, bevor wir „Watchmen“ machten, und danach auch noch eine Ausgabe von „The Spirit“, was wunderbar war, da wir die ersten waren, die Will Eisners klassische Geschichten neu interpretieren konnten. Dass wir danach nicht mehr viel zusammen gemacht haben, liegt nicht etwa daran, dass wir uns gestritten hätten. Es ist einfach so, dass es für Künstler sehr schwierig ist, mit einem so produktiven Autor wie Alan mitzuhalten. Und es macht sein Werk ja auch interessant, dass er mit verschiedenen Künstlern arbeitet, zumal er sehr gut darin ist, die Geschichte auf den jeweiligen Künstler zuzuschreiben. Hätte ich „V for Vendetta“ gezeichnet, wäre es ein ganz anderes Werk geworden, genauso wie „Watchmen“ etwas ganz anderes geworden wäre, wenn (V-for-Vendetta-Zeichner) David Lloyd es gezeichnet hätte. Das ist eine der großen Stärken von Allan: Er weiß genau, welches die Stärken des jeweiligen Künstlers sind, mit dem er arbeitet, und er stellt sich darauf ein. Eines Tages mal wieder mit ihm zuarbeiten, kann ich mir gut vorstellen. Er hat sich sehr vom Comic-Mainstream verabschiedet, aber er will in ein paar Jahren ein Buchprojekt umsetzen, für das ich schon zugesagt habe, ein paar Illustrationen beizusteuern. Alles ist möglich – es geht hier ja um Comics!


Die deutsche Ausgabe von "Watchmen" sowie das Buch "Watching the Watchmen" über die Entstehung des Klassikers gibt es im Panini-Verlag.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben