Interview : „Man soll gehen, wenn die Party am schönsten ist“

Vor 25 Jahren erschien der erste Strip von Bill Wattersons Comicserie „Calvin und Hobbes“, die ein Welterfolg werden sollte. Zum Jubiläum bringen wir noch einmal das letzte Interview mit dem Zeichner.

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Selbstporträt: So hat Bill Watterson sich 1986 mit seinen berühmten Figuren festgehalten.Zeichnung: Watterson

Es war einer der erfolgreichsten Comic-Strips des 20. Jahrhunderts. Von 1985 bis 1995 erschien die von Bill Watterson geschaffene Serie „Calvin und Hobbes“ in 2300 Zeitungen, weltweit wurden mehr rund 30 Millionen Calvin-und-Hobbes-Bücher verkauft. Vor 15 Jahren beendete Watterson die Serie überraschend, seitdem lebt der heute 51-Jährige mit seiner Familie zurückgezogen in Ohio. Seit vielen Jahren war von ihm öffentlich nichts mehr zu hören. Vor kurzem brach der Zeichner erstmals sein Schweigen und gab der in Cleveland erscheinenden Zeitung „The Plain Dealer“ ein Interview, das wir hier wiedergeben.

Was war das Besondere an „Calvin und Hobbes“, das nicht nur die Aufmerksamkeit der Leser fesselte, sondern auch deren Herzen ansprach?

Das Einzige, was ich verstehe, ist das, was ich in den Comic-Strip gesteckt habe. Was die Leser davon mitnehmen, ist ihre Sache. Sobald ein Strip veröffentlicht ist, kommen die Leser mit ihren eigenen Erfahrungen und das Werk entwickelt sein eigenes Leben. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf andere Aspekte. Ich habe einfach versucht, wahrhaft zu schreiben. Und ich habe versucht, das Betrachten dieser kleinen Welt zu einer Freude für die Leser zu machen, sodass sie sich die Zeit nehmen würden, die Strips zu lesen. Mehr nicht. Man vermischt einen Haufen Zutaten, und hin und wieder entsteht daraus eine besondere chemische Mischung. Ich kann nicht erklären, wieso der Strip so erfolgreich war. Und ich glaube nicht, dass ich den Erfolg wiederholen könnte. Eine Menge Dinge auf einmal müssen dafür gleichzeitig klappen.

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Wenn die Party am schönsten ist. Von 1985 bis 1995 erschien »Calvin und Hobbes« in 2300 Zeitungen.

Was denken Sie über das Erbe Ihres Strips?

Nun, das ist kein Thema, das mir schlaflose Nächte beschert. Die Leser entscheiden, ob ein Werk für sie bedeutungsvoll und relevant ist. Ich kann mit jeder Schlussfolgerung gut leben, zu der sie kommen mögen. Wie gesagt: Mein Anteil an all dem endete in dem Moment, als die Tinte trocken war.

Leser freundeten sich mit den von Ihnen geschaffenen Figuren an, sie trauerten, als der Strip endete. Und viele trauern noch heute. Was sagen Sie ihnen?

Das ist nicht so schwer zu verstehen, wie es manche Leute darstellen. Nach fast zehn Jahren hatte ich einfach alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Man soll gehen, wenn die Party am schönsten ist. Wenn ich auf der Erfolgswelle weiter geschwommen wäre und den Strip noch fünf, zehn oder zwanzig Jahre weiter gezeichnet hätte, dann würden die Leute, die heute um „Calvin und Hobbes“ trauern, sich wünschen, dass ich tot wäre. Sie würden die Zeitungen verfluchen, dass sie so langweilige, altmodische Strips wie meinen drucken und nicht frischere, lebendigere Talente suchen. Und ich würde dem zustimmen. Ich denke, die Tatsache, dass „Calvin und Hobbes“ heute immer noch ein Publikum findet, hängt damit zusammen, dass ich den Strip nicht habe totlaufen lassen. Ich habe nie bedauert, damit aufgehört zu haben.

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Klassiker. Auf Deutsch sind die gesammelten Geschichten im Carlsen-Verlag erschienen.

Für Ihre Fans sind Sie so etwas wie ein Rockstar. Sie hingegen haben eine Aversion gegen diese Art von Aufmerksamkeit. Wie gehen Sie heute damit um?

Ach ja, das Leben eines Comicstrip-Zeichners… wie ich die Groupies, Drogen und zertrümmerten Hotelzimmer vermisse! Aber seit meinen Rockstar-Tagen ist die öffentliche Aufmerksamkeit doch ziemlich abgeklungen. In der Zeitrechung der Popkultur sind die 90er Jahre eine Ewigkeit her. Hin und wieder flammt da noch mal etwas Unheimliches auf, aber ich lebe im Großen und Ganzen mein ruhiges Leben und bemühe mich nach Kräften, den Rest zu ignorieren. Ich bin stolz auf den Strip, unglaublich dankbar für seinen Erfolg und sehr geschmeichelt, dass Leute ihn immer noch lesen. Aber ich habe „Calvin und Hobbes“ in meinen 30ern geschrieben, davon bin ich meilenweit entfernt.

Wie sollen die Menschen Ihren Sechsjährigen und seinen Tiger in Erinnerung behalten?

Ich bin für: „Calvin und Hobbes – das achte Weltwunder“.

Das Interview führte John Campanelli von der Zeitung , The Plain Dealer“ in Cleveland. Wir danken ihm für die freundliche Erlaubnis zum Abdruck. Zum Originaltext geht es unter diesem Link. Übersetzung: lvt. Auf Deutsch erscheinen die Calvin-und-Hobbes-Sammelbände im Carlsen-Verlag.

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