Interview : „Wie konnte das gerade mir passieren?“

Die New Yorker Zeichnerin Miriam Katin spricht im Tagesspiegel-Interview darüber, wie sie ihre Flucht vor den Nationalsozialisten in einer Graphic Novel aufgearbeitet hat. Derzeit sind im Jüdischen Museum Berlin Originale aus dem Buch zu sehen.

Glaube und Zweifel. Eine Szene aus „Allein unter allen“, das 2006 auf Deutsch erschien. Illustration: Katin/Carlsen
Glaube und Zweifel. Eine Szene aus „Allein unter allen“, das 2006 auf Deutsch erschien.Illustration: Katin/Carlsen

Ihre Erzählung „Allein unter allen“ (Carlsen, 136 Seiten, 19,90 Euro) ist eine der bewegendsten Graphic Novels der vergangenen Jahre. Miriam Katin beschreibt darin, wie sie und ihre Mutter 1944 aus dem von den Nazis besetzten Budapest flüchten. Derzeit sind Katins Zeichnungen in der Schau „Helden, Freaks und Superrabbis“ im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Lars von Törne traf die New Yorkerin bei der Eröffnung zum Interview.

Sie haben mehr als 50 Jahre gewartet, bevor Sie Ihre Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg aufgearbeitet haben. Wieso?

Ich habe den Comic als Medium für mich erst sehr spät entdeckt. Bis vor zehn Jahren habe ich ausschließlich als Animationszeichnerin für Disney und MTV gearbeitet. Vor etwa 20 Jahren hatte ich in Israel, wo wir einige Jahre lebten, mal einen Auftrag bekommen, Comics zu zeichnen. Damals begann ich langsam, das Medium lieben zu lernen. Der wichtigste Auslöser war aber Art Spiegelmans „Maus“: Das Buch machte mir Mut, meine Geschichte zu erzählen.

Und dann fingen Sie damit an, die Jahrzehnte alten Erinnerungen zusammenzutragen?

Die Geschichte meiner Familie geht mir seit langem durch den Kopf, aber da ich keine Autorin bin, wusste ich lange Zeit nicht, wie ich sie erzählen sollte. Durch „Maus“ sah ich, dass ich das, was mich beschäftigt, mit wenigen Worten und vielen Bildern ausdrücken kann. Also zeichnete ich vor zehn Jahren eine erste vierseitige Geschichte über meine Kindheit nach dem Krieg. Manche sagten, das würde dem Verlag „Drawn and Quarterly“ gefallen…

…einem der renommiertesten nordamerikanischen Verlage für anspruchsvolle graphische Literatur…

Ja. Also schickte ich denen meine Geschichte, sie fanden sie gut und ermutigten mich, eine zwölfseitige Geschichte für eine Anthologie zu zeichnen. Damit wurde ich für einen Eisner Award nominiert. Das gab mir das Selbstvertrauen, weiterzumachen. Und da mich immer wieder Leute fragten, wie es war, 1942 in Budapest geboren worden zu sein, begann ich, diese Erlebnisse in den Mittelpunkt meiner Geschichte zu stellen.

Und was sagte Ihre Mutter dazu, die ja die eigentliche Hauptfigur der Geschichte?

Die war sehr kritisch und besorgt, dass ich das alles öffentlich mache. Es ist ja alles andere als eine schöne Geschichte. Sie hoffte, dass nach den kurzen Episoden Schluss sein würde. Aber ich sagte: Es muss raus! Ich schickte dem Verlag einen Entwurf von 34 Seiten. Aber der Verleger sagte: Das ist ein ganzes Buch. Also machte ich mich daran, die ganze Geschichte jener Jahre zu erzählen - aber ohne meiner Mutter davon ein Wort zu sagen.

„Es musste einfach raus.“ Vor kurzem war Miriam Katin in Berlin zu Besuch, Anlass war die Comic-Ausstellung im Jüdischen Museum, in der auch ihre Arbeiten zu sehen sind. Foto: Lars von Törne
„Es musste einfach raus.“ Vor kurzem war Miriam Katin in Berlin zu Besuch, Anlass war die Comic-Ausstellung im Jüdischen Museum,...Foto: Lars von Törne

Wann erfuhr Ihre Mutter davon?

Als ich mit dem Rohentwurf fertig war, setzte ich mich mit meiner Mutter zusammen – die übrigens heute 91 Jahre alt ist – und stellte ihr ein Glas Scotch auf den Tisch. Dann sagte ich ihr, dass ich unsere Geschichte verarbeitet hatte und zeigte ihr die Rohfassung des Buches. Sie las es in einem Stück und weinte dabei viel. Ich hasste die Situation: Wenn sie „Nein“ gesagt hätte, wäre das Projekt gestorben. Als sie fertig war, schaute sie mich an und sagte: „Du hast etwas Wundervolles getan.“ Heute ist sie sehr stolz auf das Buch.

Ihre Erzählung ist voller Details, die Sie als Kind kaum alle selbst so gut wahrgenommen haben dürften. Wie haben Sie die Informationen zusammengetragen, wenn Ihre Mutter von dem Buch lange nichts wusste?

Das meiste hatte sie in den Jahren erzählt, bevor ich an dem Buch zu arbeiten begann. In den ersten Jahren nach dem Krieg sprach sie kaum darüber, aber als ich etwas 30 Jahre alt war, begann sie, über die schlimmen Erlebnisse jener Jahre zu reden. Für das Buch musste ich dann nur noch nach einzelnen Details fragen. Außerdem habe ich enorm viel historische Forschung betrieben, um bloß keine Fehler zu machen. Ich habe von den Feinheiten der russischen Panzer bis hin zu den Uniformen der Soldaten jedes Detail exakt studiert, dazu habe ich etliche Fotos von Budapest in jenen Jahren gesammelt.

Im Gegensatz zu Ihren sonstigen Arbeiten verzichten Sie fast komplett auf Farben und arbeiten mit schwarz-weißen Bleistiftzeichnungen…

Ja, der Verlag fragte mich auch, wieso ich nicht mehr Farbe einsetze. Meine Antwort: Ich erinnere mich in Schwarz-Weiß.

Dennoch gibt es einige, wenige Seiten, in denen Sie Farbei einsetzen, nämlich immer dann, wenn Sie in die späteren Jahre springen, in denen Sie eine eigene Familie in den USA gründeten.

Ja, diese Seiten dienen der inhaltlichen Strukturierung der Erzählung. Und sie sollen durch ihre Farbigkeit die Helligkeit und die Sicherheit vermitteln, die ich in Amerika erlebe – im Gegensatz zu der ständigen Angst und Unsicherheit in den Jahren, die ich im Buch beschreibe.

Im Gegensatz zu Art Spiegelman, der die Holocaust-Erfahrung seiner Familie abstrakt umsetzt und die Personen als Tiere darstellt, zeigen Sie Ihre Mutter und sich in oft schmerzhaft realistischen Bildern...

Das liegt auch daran, dass Spiegelman einen Schritt weiter weg vom Geschehen ist als ich. Er wurde nach dem Krieg geboren und hat gegenüber den Erlebnissen seiner Eltern mehr Distanz. Ich habe zu den Geschehnissen keinen Abstand. Das ändert nichts daran, dass Spiegelman eine enorm große Leistung vollbracht hat. Auch wenn ich anfangs nicht wusste, was ich davon halten soll. Ich sah sein Buch erstmals 1990 in Israel, wo wir einige Jahre lebten. Es stand in einem Buchladen in Tel Aviv, auf dem Cover ein Hakenkreuz. Ich dachte nur: Wie konnte jemand es wagen, einen Comic zu dem Thema zu machen? Ich schaute nicht einmal hinein, um zu sehen, was es ist. Später in New York bekam ich es dann doch noch in die Hand und gab ihm eine zweite Chance. Zum Glück: Das Buch ist einfach großartig.

Spiegelman und auch Autoren wie die Kanadierin Bernice Eisenstein mit ihren illustrierten Memoiren unter dem Titel „Ich war das Kind von Holocaust-Überlebenden“ erzählen davon, wie über ihren Familien auch Jahrzehnte nach dem Krieg noch der Schatten der existenziellen Bedrohung und der Verfolgung lag. Über Ihrer Familie auch?

Nein. Wir sprachen in unserer Familie lange nicht über das, was wir erlebt hatten. Auch in Israel nicht. Die Leute waren es gewohnt, ihre Geschichten für sich zu behalten, auch zur eigenen Sicherheit. Meine Kindheit war in dem Sinne sehr idyllisch. Von den meisten schrecklichen Erlebnissen meiner Mutter erfuhr ich erst, als ich in meinen Dreißigern war und sie mir nach und nach davon erzählte. Ich fragte meine Mutter einmal: Wie konntest Du angesichts all der schrecklichen Erlebnisse einfach weiterleben? Sie antwortete: Man kann nicht dauerhaft mit dem Hass in sich leben, das würde einen von innen zerfressen. Und es war ja auch nicht alles schlimm, wir haben ja immer wieder Menschen getroffen, die uns auf unserer Flucht geholfen haben. Andererseits verfolgt meine Mutter bis heute eine diffuse Angst: Sei vorsichtig, jemand kann Dich schnappen und Dir etwas Böses tun.

Miriam Katins Erinnerungen sind auf Deutsch bei Carlsen erschienen. Foto: Promo
Miriam Katins Erinnerungen sind auf Deutsch bei Carlsen erschienen.Foto: Promo

Das ist eines der bemerkenswerten Elemente Ihres Buches: Sie führen vor, wie es neben all dem Terror und der Angst ums eigene Überleben auch unter der Besatzung der Nationalsozialisten und später unter der Roten Armee immer Menschen gab, die Ihnen halfen. Es gibt bei Ihnen eine Balance zwischen Gut und Böse auch in den schlimmsten Situationen.

Ja, gerade was die russischen Soldaten angeht, habe ich beide Bilder in meinem Kopf, das der Befreier und das der Unterdrücker. Ich wuchs auf mit dem Wissen, dass sie es waren, die uns von den Nationalsozialisten befreit haben. Später fand ich heraus, was für schlimme Dinge passiert waren. Aber das Bild von der Roten Armee als Befreier habe ich trotzdem weiterhin in meinem Kopf.

Sie schildern schonungslos, was Ihre Mutter tun muss, damit Sie beide überleben können. Gab es Erlebnisse, die zu schlimm waren, um so dargestellt zu werden?

Nein, ich konnte nichts auslassen, es musste einfach raus. Allerdings habe ich auch nicht von allem gewusst, was passiert ist. So erzählte mir meine Mutter erst nach Erscheinen des Buches, dass während unserer Flucht jemand eine Pistole an meinen Kopf gehalten hatte. Davon hatte ich keine Ahnung gehabt.

Was planen Sie als Nächstes?

Eigentlich wollte ich die Geschichte meines Vaters erzählen, der den Zweiten Weltkrieg als Fahrradsoldat in der ungarischen Armee erlebt hat. Aber dann passierte etwas, das meine Pläne änderte.

Und zwar?

Mein Sohn entschied sich vor zwei Jahren, die USA zu verlassen und nach Europa zu gehen, um hier zu arbeiten – ausgerechnet in Berlin! Das provozierte bei mir eine Welle ambivalenter Gefühle: Wie konnte es gerade mir passieren, dass mein Sohn in die deutsche Hauptstadt zieht? Davon will ich in meinem nächsten Buch erzählen.

Miriam Katins Arbeiten sind zu sehen in der bis 8. August laufenden Ausstellung „Helden, Freaks und Superrabbis“ im Jüdischen Museum Berlin. Im Rahmenprogramm spricht am 25. Mai Herbert Feuerstein über seine Zeit als „Mad“-Chefredakteur und am 2. Juni können Fans beim Comic-Quiz ihr Wissen beweisen.

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