Jerusalem im Comic : Orthodoxe, Tränengas und Sesambrot

Vergangene Woche stellte der Zeichner Guy Delisle seine „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ beim Tagesspiegel in Berlin vor – ein ungewöhnlicher Einblick in die spannenden, faszinierenden, kuriosen und auch traurigen Seiten der Heiligen Stadt.

Anna Wirth

Im September des Jahres 2008, kurz bevor die Militäroperation „Gegossenes Blei“ der israelischen Streitkräfte gegen die Hamas im Gazastreifen beginnt, erkundet Guy Delisle die Umgebung von Jerusalem. Erst im August ist er in der Heiligen Stadt angekommen, seiner Heimat für das kommende Jahr. Er überquert den Checkpoint Kalandija zwischen Ramallah und Jerusalem an einem Tag im Ramadan. Auf der palästinensischen Seite drängeln die Menschen, sie wollen in die Große Moschee in Jerusalem, denn es ist Freitag. Zeit fürs Gebet. Plötzlich bricht Panik in der Menschenmasse aus. Eine Frau hatte geschrien, warum, weiß niemand. Die Schlangestehenden wuseln durcheinander, eine Staubwolke bildet sich. Dann eröffnet ein Soldat das Feuer, schießt Tränengasgranaten ab. Steine fliegen, die Menschen protestieren oder gehen in Deckung. Da drängelt sich ein Mann durch die Menge, die noch immer den Checkpoint überqueren will. Er ruft etwas. Auf seinem Kopf balanciert er Dutzende Sesambrote auf einer Platte. Ein Verkäufer, der sich von dem Spektakel nicht beeindrucken lässt und zwischen Tränengas und Protestierenden ein Geschäft vermutet.

Es sind diese surrealen Szenen, die Guy Delisles „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ so einzigartig machen. Denn dieser Autor möchte den Konflikt zwischen Palästinensern und Juden nicht erklären, analysieren und lösen. Er zeigt ihn nur in all seiner Absurdität. Delisle ist bekannt dafür, Comicbücher herauszubringen, die den Blick in scheinbar verschlossene Kulturen ermöglichen. Er hat schon in China, Nordkorea oder Birma gelebt. All das hat er in Comicbänden festgehalten. Möglich sind dem Kanadier die Reisen, weil seine Ehefrau bei der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet. Als humanitäre Helferin wechselt sie mit ihrer Familie immer wieder den Standort.

Nicht unbedingt eine Gegend für Touristen

So verschlug es die Delisles, Mutter, Vater und zwei Kinder, im Jahr 2008 nach Jerusalem. Dort lebten sie im arabischen Viertel Beit Hanina in Ost-Jerusalem, „nicht unbedingt eine Gegend, in die es viele Touristen zieht“, sagte Delisle am Mittwoch in Berlin. Das zeigt sich auch im Comic: Der Stadtteil ist dreckig, verlassen, bietet wenig Infrastruktur. „Von weitem sieht es aus, als ginge es in Jerusalem nur darum, Steine auf Soldaten zu werfen“, sagte Delisle. Er aber zeigte sich begeistert von „kleinen charmanten Momenten“, die er erlebt und in seinem Comic festgehalten hat.

Berliner Flaneur: Guy Delisle auf einem Selbstporträt, das bei seinem Deutschlandbesuch entstand.
Berliner Flaneur: Guy Delisle auf einem Selbstporträt, das bei seinem Deutschlandbesuch entstand.

So sieht man den Autor, der sich selbst im Comic ein wenig wie das deutsche HB-Männchen zeigt, in einer Szene auf einem Spielplatz. Um ihn herum spielen orthodoxe, liberale und muslimische Mütter mit ihren Kindern. „Im Kleinen funktioniert das sehr gut“, heißt es in einer Bildzeile. Doch Delisle zeigt auch alltägliche Kuriositäten, etwa wie er aus der Grabeskirche, dem Ort, wo die Auferstehung Jesu sich zugetragen haben soll, gedrängelt wird, nachdem er nur eine Minute Zeit hatte, ein Foto zu schießen. Touristen kennen das: Die Menschenmassen nehmen dem Besucher oft jegliche Möglichkeit, in sich zu gehen und den Ort auf sich wirken zu lassen.

Information und Unterhaltung statt Politik

Fasziniert ist Delisle auch von dem Grenzzaun und den Mauerteilen, die den palästinensischen und israelischen Teil des Landes voneinander trennen. Obwohl Delisle nicht politisch sein will, fällt auf, dass er im Comic vor allem die Leiden der Palästinenser zeigt, kaum aber die Entwicklungen, die etwa zu der Errichtung des Grenzzauns oder der Militäroperation „Gegossenes Blei“ geführt haben. „Ich bin ein linksgerichteter Typ, der mit einer NGO unterwegs war“, sagte er dazu verteidigend in Berlin. Letztendlich glaube er auch nicht, dass seine Meinung im Buch eine Rolle spiele. „Ich wollte Informationen über mein Leben dort geben und unterhaltend sein.“

Guy Delisle und sein Alter Ego: Der Angouleme-Gewinner vor dem Covermotiv seines aktuellen Buches.
Guy Delisle und sein Alter Ego: Der Angouleme-Gewinner vor dem Covermotiv seines aktuellen Buches.Foto: AFP

Ein Großteil der Leser scheint das zu würdigen. „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ ist ein Erfolg. „Und ich habe eigentlich nur einen beleidigenden Brief dazu erhalten“, berichtete er. Das mag auch daran liegen, dass seine Geschichten nicht nur wahr sind, sondern dass er sie auch mit viel Aufwand nachrecherchiert hat. So erklärte Delisle, dass er jede einzelne im Buch vorkommende Person angeschrieben und die Comiczeichnung von ihr vorgelegt hat. Freigegeben wurde jedes Bild. „Nur einmal wurde ich zensiert“, sagte Delisle. Und zwar im Falle eines orthodoxen Priesters. Den zeigte er mit Zigarette in der Hand. „Ich musste bei jedem Foto die Zigarette retouchieren. Er hatte das Rauchen zwischenzeitlich aufgegeben.“

Der Artikel wurde zuerst auf Israelnetz und beim christlichen Medienmagazin „Pro“ veröffentlicht. Wir danken für die Genehmigung zur Zweitveröffentlichung.

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