Jijé : Große Kunst im kleinen Panel  

Der Zeichner Jijé prägte den europäischen Comic wie wenige andere Künstler. Jetzt wird sein Werk neu aufgelegt - und in Brüssel ehrt eine Ausstellung den Meister und seine Weggefährten.

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Wegweisend. Die Coverzeichnung für das erste Jerry-Spring-Album.
Wegweisend. Die Coverzeichnung für das erste Jerry-Spring-Album.Foto: Ehapa

Ein Comiczeichner wird als vieles wahrgenommen, als guter Erzähler oder als geübter Zeichner, der sein Handwerk versteht und zum Ton auch das richtige Bild trifft, aber selten werden die Zeichner auch als Künstler angesehen. Zu sehr scheint die Dramaturgie des Erzählens den künstlerischen Aspekt in den Hintergrund zu drängen. Doch die ganz großen Zeichner haben ihre Spuren hinterlassen und manchmal ist man erstaunt, wie viel in einem einzigen kleinen Panel an zeichnerischer Finesse steckt. Belgien, ein Land, das eine lange grafische Tradition aufweist, hat außergewöhnlich viele Comic-Künstler hervorgebracht, die den europäischen Comic stilistisch auf lange Sicht beeinflusst haben und deshalb darf das Königreich auch stolz auf seine Comic-Tradition sein.

Man kann es sich heutzutage kaum noch vorstellen, aber es gab mal eine Zeit, da war der belgische Comic prägend für den gesamten französischen Sprachraum. Allen voran die beiden Altmeister Hergé (Georges Remi, 1907-1983) und Jijé (Joseph Gillain, 1914-1980) hatten einen unglaublichen Einfluss auf die Comicproduktion und waren über Jahrzehnte hinweg Rollenmodelle für ganze Zeichnergenerationen. Während aber Hergés Name eng verbunden mit der Figur von Tintin (Tim und Struppi) war, galt Jijé als künstlerischer Tausendsassa, der mühelos zwischen den Stilen springen konnte, sowohl realistische Serien als auch Funny-Serien fertigte und der zudem privat seiner Leidenschaft des Malens nachging. Exemplarisch stehen beide Künstler für die Keimzellen des franko-belgischen Comics, den Magazinen „Spirou“ und „Tintin“, die verantwortlich waren für ein goldenes Zeitalter.

Selbstredend war in „Tintin“ Remi unbestrittener Herrscher, der sogar durchsetzte, dass das Magazin stilistisch der Ligne Claire verpflichtet blieb. Doch das, was im Magazin „Spirou“ geschah, war stilistisch weitaus weniger rigide und streng. Zwar veröffentlichte man auch dort Funny-Comics mit realistischem Hintergrund aus Genres jeglicher Coleur, aber zeichnerisch gab man sich flexibler und vor allem dynamischer. Jijé steht für ebendiese Vermischung exemplarisch, er nahm junge Zeichner unter seine Fittiche und arbeitete mit ihnen ihre eigenen Stärken heraus, so dass Lucky Luke von Morris oder Spirou von André Franquin ohne Jijé nicht denkbar sind.

Nostalgische Naivität: Eine Seite aus der Jerry-Spring-Gesamtausgabe, deren erster Band jetzt auf Deutsch erschienen ist.
Nostalgische Naivität: Eine Seite aus der Jerry-Spring-Gesamtausgabe, deren erster Band jetzt auf Deutsch erschienen ist.Foto: Ehapa

Ein Glücksfall für den Leser

Das goldene Zeitalter wird seit einiger Zeit in Gesamtausgaben (Intégrales) klassischer Reihen wieder aufgelegt und auch in Deutschland erfreuen sich die edlen Ausgaben immenser Beliebtheit. In einer Gesamtausgabe werden meist drei bis vier Alben in einem voluminösen Band versammelt. Dabei steht die lückenlose Veröffentlichung einer Serie im Vordergrund, aber auch ein redaktioneller Teil darf nicht fehlen, wenn möglich mit seltenen Abbildungen. Das ist in etwa vergleichbar mit den Special Features einer DVD und ähnlich wie den Datenträgern sind jene Gesamtausgaben am schönsten, die ein Rundumsorglos-Paket für den geneigten Leser anbieten.

Auf diesem Parkett ist der Verlag Dupuis das Maß aller Dinge, und dass nun die Jerry-Spring-Gesamtausgabe (Ehapa Comic Collection, 236 Seiten, Euro 29,95) vom deutschen Verlag in ihrer ganzen Pracht 1:1 vom Original übernommen wurde, ist für den Leser ein unglaublicher Glücksfall. Denn man entschied sich letzen Endes dazu, die Ausgabe in Schwarzweiß zu bringen – ganz so wie es auch der Wunsch des Künstlers Gillain war. Zwar scheiden sich an der finalen Fassung der Gesamtausgabe die Geister der Fans, und in einschlägigen Comic-Fan-Foren gerät die Debatte über Schwarzweiß oder Farbe zur albernen Gretchenfrage – aber nur so ist die ganze Meisterschaft von Jijé noch einmal konkret zu bestaunen.

Prachtband: Das Cover des ersten Bandes der Jerry-Spring-Gesamtausgabe.
Prachtband: Das Cover des ersten Bandes der Jerry-Spring-Gesamtausgabe.Foto: Ehapa

Der Western war 1954, als erstmals Jerry Spring erschien, eines der beliebtesten Filmgenres – es gab Edelwestern und B-Movies und nicht selten überragten die kleinen Produktionen die großen, epischen Hochglanzwestern. Als der Verleger Charles Dupuis für sein Wochenmagazin Spirou nach einem Zeichner für eine realistische Western-Serie suchte (einen komischen Western hatte man bereits mit Lucky Luke im Heft), wurde Jijé gefragt und so kam es zu Jerry Spring. Bis 1977 erschienen 21 Alben des galanten Cowboys mit dem großen Gerechtigkeitssinn, der immer auf der Seite der Unterdrückten steht. Der humanistische Einschlag, die atmosphärischen Bilder und die ausdrucksstarke Tuschetechnik machen Jerry Spring zu einem großen franko-belgischen Klassiker, auf dem sich eine ganze Western-Comic-Tradition aufbaute, weshalb Gillain als der „Vater des realistischen franko-belgischen Comics“ gilt.

Grandiose Bilder, erstaunliche Leichtigkeit

Heutzutage kann man Jerry Spring am besten genießen, wenn man sich beim Lesen vor Augen hält, dass die Geschichten damals im Magazin häppchenweise abgedruckt wurden, wöchentlich gab es also für die Leser etwa drei Seiten zu lesen. Und in ebendiesen drei Seiten hat Jijé jegliche Dramatik und einen eigenen Spannungsbogen hineingelegt.  Jerry Spring überzeugt auch nicht aufgrund vermeintlicher großer Abenteuergeschichten, es ist eher Meterware, was erzählerisch präsentiert wird, hier eine Rinder und Pferde stehlende Räuberbande, dort ein Waffenschmuggler und dazwischen mexikanische Pueblos, mal freundliche, mal feindlich gestimmte Indianer, Wüste und Prärie, soweit das Auge reicht. Das Zielpublikum waren selbstverständlich Jugendliche und deshalb strahlen die Geschichten auch eine geradezu nostalgische Naivität aus. Sie sind zudem auch dem B-Western verpflichtet, für epische Dimensionen war erst der 1962 entstandene Western Leutnant Blueberry von Charlier und dem Zeichner Jean Giraud zuständig, der wiederum ein Schüler Jijés war.

Alter Ego: Jijé im Selbstporträt.
Alter Ego: Jijé im Selbstporträt.Foto: Jijé

Jijé scheint auch gar nicht die große Geschichte erzählen zu wollen, ihm genügt es Atmosphäre aufzubauen, einen eigenständigen Rhythmus zu finden und ansonsten vertraute er auf die Ausdruckskraft seiner Bilder. Und diese ist enorm. Mit nur wenigen Pinselstrichen vermag Jijé ganze Westernlandschaften hervorzaubern zu können, felsiges, unüberschaubares Gebiet, und am Horizont oftmals nur angedeutet, einige Reiter, wie getupft und dennoch voller Ausdrucksstärke. Man kann geradezu in diesen grandiosen Bildern schwelgen und die erstaunliche Leichtigkeit des Zeichners beim Licht-und-Schatten-Spiel bewundern.

Die grafischen Lösungen, die Jijé präsentiert, die Bildkompositionen und die kontrastreichen Zeichnungen können als perfektes Anschauungsmaterial  für angehende Zeichner dienen.  Das ist umso bemerkenswerter, weil Jijé sich selbst als bildender Künstler sah, der den Comic als reine Auftragsarbeit betrachtete. In seiner Freizeit malte er expressionistisch anmutende Gemälde, oftmals Landschaften oder er fertigte Fresken und Stiche für Kirchen. Auf seinen Gemälden scheint sich die Künstlerseele Jijés von den Comics zu erholen und die Farbigkeit hielt er dann auch für die Malerei zurück, für die Comics bevorzugte er schwarzweiße Zeichnungen. Der erste Band der Jerry-Spring-Gesamtausgabe eröffnet so einen neuen Blick auf den Künstler Jijé. Neben den ersten vier Abenteuern von Jerry Spring ist auch ein ausführlicher 30seitiger redaktioneller Teil über Leben und Werk zu bestaunen, in dem auch eine Vielzahl von seltenen Abbildungen und Dokumenten zu sehen ist.

Comic-Geschichte an jeder Straßenecke

Der große Einfluss Jijés lässt sich auch in einer Ausstellung im Comicmuseum von Brüssel nachempfinden, denn dort ist zur Zeit eine Ausstellung mit dem Titel „The Studio of Franquin, Morris, Jijé and Will“ zu bestaunen. Die äußerst informative und intelligent gemachte Ausstellung bietet auf stilisierten Schreibtischen einen profunden Überblick über die Schaffenskraft von Gillain und seinen Schülern, die ihrerseits einen großen Einfluss hatten. Hervorzuheben ist die liebevolle Darstellung von raren Dokumenten und die Lust am Detail, die den weitreichenden Einfluss der Künstler bis in die Moderne verdeutlichen.

Atelier-Atmosphäre. Derzeit gibt eine Ausstellung in Brüssel Einblicke in die Arbeitsweisen von Franquin, Morris, Jijé und Will.
Atelier-Atmosphäre. Derzeit gibt eine Ausstellung in Brüssel Einblicke in die Arbeitsweisen von Franquin, Morris, Jijé und Will.Foto: Belgian Comic Strip Center

Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. Januar 2011 im Belgischen Comic Strip Center, dort nähert sich auch eine ständige Ausstellung der belgischen Comic-Historie äußerst anschaulich. Doch nicht nur das Museum lohnt den Besuch in Brüssel, wo man den Comic mehr als liebevoll pflegt. In der Hauptstadt sind die Comics omnipräsent, man kann einen Comic-Spaziergang machen und sich von Zeichnern bemalte Häuserfassaden anschauen oder in den unzähligen Comicläden stöbern. Wer nach Brüssel reist, der kommt nicht umhin, eine großartige, traditionsreiche Historie sozusagen an jeder Straßenecke zu erfahren. Vor Ort lassen sich  die großen Comic-Künstler des Landes noch einmal ganz neu entdecken und man bekommt ein Gefühl dafür, was so mancher Comic sein kann: ganz große Kunst oder einfach nur famose Unterhaltung.

Mehr Informationen zum Comic-Museum Brüssel gibt es unter www.comicscenter.net, und für eine Fahrt nach Belgien ist www.belgien-tourismus.de äußerst hilfreich.

Unser Autor Klaus Schikowski lebt in Köln als freier Autor. Er veröffentlicht regelmäßig in der Fachzeitschrift „Comixene“ und vielen anderen Publikationen Artikel über Comics. Sein BuchDie großen Künstler des Comics(Edel-Verlag, 256 Seiten, Hardcover, mit 130 Illustrationen, 29,95 Euro) gibt einen umfassenden Überblick über die wichtigsten Autoren und Zeichner der Comicgeschichte.

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