KAKERLAKENCOMIC : Explizite Exterminationen

„Käferkiller“ von Simon Oliver und Tony Moore ist eine herrlich übertriebene Satire aus den verpesteten Dreckecken Amerikas. Der erste Teil der Serie ist bei Panini auf Deutsch erschienen.

Jan Oberländer
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Chitinlastig. Von Nahem wirken Küchenschaben ganz schön bedrohlich. Und das hier ist noch eine unmutierte Version.Illustration: promo

Warum nicht mal ganz groß anfangen? Mit dem nur hauchdünnen Firnis der Zivilisation und der darunterliegenden zerstörerischen Kraft der Natur? Krieg. Mord. Chaos. Ungeziefer.

Die Serie „Käferkiller“ des britischen Autors Simon Oliver und des US–Zeichners Tony Moore handelt von Männern, die versuchen, da den Deckel draufzuhalten. Der erste Band ist gerade bei Panini auf Deutsch erschienen. Hauptfigur ist der kinnbärtige Ex-Knacki Henry James, der einen Job als Kammerjäger bei der Exterminationsfirma „Bug-Bee-Gone“ annimmt. Hier lernt er, zuerst von seinem Junkie-Kollegen AJ, später auch von anderen freakigen „Brut-Brüdern“, wie man, nun ja, „Mutter Natur den Arsch abwischt“. 

Ratte am Rückspiegel

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Bis aufs Messer. "Das ist eine Sache zwischen Mensch und Tier," findet der Kammerjäger AJ.

Schon wegen der ersten Exterminationsszene lohnt sich das Lesen. Der Vollprofi AJ erkennt die Größe der Ratte, die sich im Haus einer jungen Mutter eingenistet hat, am Geschmack ihrer Fäkalien. Als das zerrupfte Riesenvieh plötzlich zähnefletschend auf das Kleinkind zuspringt, nagelt er es, zack, mit einem Wurf seines blitzenden Bowie-Messers an die Wand. Zwei Seiten später hängt die Ratte als Trophäe am Auto-Rückspiegel neben dem Wunderbaum. Ach ja, und nur wenige Seiten später reißt Henry dann einer wütenden Waschbärin das Herz raus. Um das vom „History of Violence“-Drehbuchautor Josh Olson verfasste Vorwort zu zitieren: „Geil!“ Derart erfrischend übertriebenen Splatter hat man lange nicht gesehen.

Aber, aber , aber. „Exterminators“, so der Originaltitel, ist nicht bloß eine angenehm eklige Trashgeschichte. Oliver und Moore ziehen von Anfang an eine zweite Ebene ein. Ihr ironisch gebrochener Blick auf die Welt der Kammerjäger ist zugleich auch immer ein kritischer Blick in die Dreckecken Amerikas. Der Golfkrieg und Vietnam sind immer wieder Thema, eine Chemiefirma lässt versehentlich alle Kakerlaken zu Super-Schaben mutieren, verfolgt aber trotzdem skrupellos ihre Profitinteressen, schmierige Vermieter machen großäugigen Latinas das Leben schwer. Gegen diese Geschäftemacher, Kleinkriminellen und Kriegstreiber steht nun – gut so – eine Handvoll mehr oder weniger schräger Helden, denen an der Welt dann doch noch irgendetwas liegt. 

Der Untergang des amerikanischen Reiches

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Kakerlaken sind zäh. Manchmal helfen da nur halblegale Kalte-Kriegs-Kampstoffe und Molotow-Cocktails.

Gleich die Exposition beginnt groß, mit dem Untergang des Römischen Reiches, das irgendwann auf der „Bananenschale der Natur“ ausrutschte. „Nach der Eroberung des Irak brachte die Armee“ - die römische Armee - „unwissentlich schwarze Ratten mit“, sagt Henrys Stimme aus dem Off. Die Biester hatten Flöhe, und die Flöhe übertrugen die Pest. Untergang vorprogrammiert. 100 Millionen Tote. 

Diese leise knirschende, aber sympathisch vollmundige Parallelisierung wird mit hochmetaphorischen Bildern eines kakerlakenverseuchten, völlig verwahrlosten Wohnzimmers verschaltet. Dem Wohnzimmer USA. Erstes Bild: Fernbedienung, China-Food, leere Flasche. Zweites Bild: Plastikschneekugeln von Las Vegas, L.A. und New York. Drittes Bild: Zeitschrift mit den noch intakten Twin Towers auf dem Cover. Viertes Bild: ein weiteres gezeichnetes Zeitschriftenfoto eines US-Soldaten, der Frau und Kind in die Arme schließt. Darüber huschen Kakerlaken, die Pestratten von heute. Einmal umblättern – und schon stampfen AJs Stahlkappenstiefel sie zu Matsch.  

Kleine Krakeligkeiten

Moores Zeichnungen erinnern nur auf den allerersten Blick an amerikanische Comic-Massenware. Kantige Kiefer, große Augen. Schnell aber fallen die kleinen Krakeligkeiten auf, die liebevolle Konzentration auf Makel,

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auf Dreck, auf Hintergrunddetails. Mitunter gelingen da geradezu beunruhigende Panoramen. Die alleinerziehende Mutter mit dem asthmakranken Sohn, aneinander geschmiegt auf einem Bett in ihrer Sozialwohnung. Um sie herum: ein wimmelndes Meer, ein Ozean aus Schaben. Örks, börks. Henry James und seine Kollegen können zwar mit halblegalen Kalte-Kriegs-Kampfstoffen und Molotow-Cocktails kurzfristig Abhilfe schaffen. Aber Kakerlaken sind zäh. Man darf gespannt sein auf den zweiten Band. Da kommt wieder was hoch.

Simon Oliver und Steve Moore: "Käferkiller";. Panini Verlag, Softcover mit Faltcover, 132 Seiten, 14,95 Euro.

www.paninicomics.de

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