Klassiker als Comic : Einmal Hölle und zurück

Der einflussreiche Grafiker Seymour Chwast hat sich in seinem ersten Comic an einer Kurzfassung von Dantes „Göttlicher Komödie“ versucht. Viel zu lachen gibt es dabei allerdings nicht.

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Die grausame Ugolino-Episode wirkt bei Chwast wie Klamauk.
Die grausame Ugolino-Episode wirkt bei Chwast wie Klamauk.roFotopmo:

Freunde der Völlerei, der Wollust und alle anderen Sünder mögen auf Erden mehr Spaß haben als ihre gesitteten Nachbarn - nach dem Tode aber rächt sich jeder ihrer Fehltritt gewaltig. Für jede erzählte Lüge, jede gesäte Zwietracht, jeden außerehelichen Ausflug muss im Nachleben kräftig gebüßt werden, wie wir spätestens wissen, seit der Italiener Dante Alighieri vor gut 700  Jahren seine „Göttliche Komödie“ dichtete. Penibel fasst er in seinem Reisebericht durch Hölle, Fegefeuer und Paradies den Strafkatalog zusammen, der im Jenseits gilt: für Metallfälscher gibt es Wundschorf, Schmeichler müssen in Fäkalien baden, wer seinen Nachbarn geschlagen hat, treibt in einem See aus kochendem Blut.

Soviel dürfte jeder schon einmal gehört haben. Schließlich gehört das Werk zu den bekanntesten Dichtungen der Weltliteratur. Wer allerdings einmal versucht hat, sich durch die 14.000 Verse zu beißen, wird schnell festgestellt haben, was für ein hartes Brot Hochkultur sein kann.

Eine gezeichnete Kurzfassung, wie sie jetzt der einflussreiche amerikanische Grafiker Seymour Chwast vorlegt, hat also durchaus ihre Berechtigung. Doch auch die Adaption des Mannes, der in den vergangenen fünf Jahrzehnten von diversen internationalen Magazinen bis hin zur Happy-Meal-Tüte so ziemlich alles geprägt hat, was es an Kulturgut gibt, gestaltet sich reichlich dröge.

Am Anfang amüsiert das rastlose Tempo seiner Version noch. Zunehmend ermüdet und irritiert die Verkürzung auf Schlagworte jedoch gewaltig. Vor allem, weil die von Dante benutzte Symbolik nur selten erläutert wird. Warum es zum Beispiel ein Leopard, ein Löwe und eine Wölfin sind, die ihn ganz am Anfang überhaupt auf seinen Weg durch die Hölle zwingen, muss man sich selbst zusammenreimen. Dass diese für Totsünden stehen, entnimmt man der Sekundärliteratur – nicht den Bildern. Nur zwei, dreimal auf 128 Seiten bietet Chwast solche Erläuterungen und tut mit solch kurzen Hinweisen viel fürs Textverständnis. Insgesamt aber verschenkt er durch das reine Abmalen der Geschehnisse gewaltig Potenzial.

Butler und Detektiv: Chwasts Interpretation der Protagonisten der "Göttlichen Komödie".
Butler und Detektiv: Chwasts Interpretation der Protagonisten der "Göttlichen Komödie".Foto: promo

Auch illustratorisch bietet diese Komödie wenig. Mag Chwast ein mit Preisen überhäufter Designer sein, dessen minimalistischer, jegliche Schattierung und räumliche Ordnung vermeidender Stil in Illustrationen und Grafik hervorragend funktioniert, im Comic wirkt er gewaltig plump und lieblos. Schlimmer noch: Gelegentlich erweisen sich seine Bilder sogar als völlig unpassend. Den Schrecken der Geschichte von Ugolino, der mit seinen Söhnen eingesperrt wurde, nachdem diese verhungert waren ihr Fleisch essen musste und jetzt auf ewig seine Zähne in den Schädel seines Peinigers schlägt, transportiert Chwast nicht. Bei ihm wirkt diese bestialische Episode wie Klamauk.

Anderes erscheint schlicht willkürlich: Dass Dante Trenchcoat und Sonnenbrille trägt, während sein Reiseführer Vergil mit Bowler und Spazierstock daherkommt wie ein englischer Lord ergibt auch bei längerem Nachdenken keinen tieferen Sinn und hätte genauso gut anders herum verkauft werden können. So ist das Werk nix halbes und nichts ganzes. Weder Ersatz, noch sinnvolle Ergänzung. Wer sich für die „Göttliche Komödie“ interessiert, dem bleibt auch bis auf weiteres nichts als der steinige Weg durch das Original. 

Seymour Chwast: „Dantes Göttliche Komödie“, Knesebeck, 128 Seiten, 19,95 Euro

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