Klassiker : Bilder ohne Furcht und Tadel

Held mit Ponyfrisur: Hal Fosters grandioses Ritterepos "Prinz Eisenherz" wird als 18-bändige Gesamtausgabe neu aufgelegt - in restaurierter Kolorierung.

Jan Oberländer
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Ritterlich. Eisenherz und seine Frau Aleta.Illustration: promo

Früher war alles schlechter. Aberglaube, mangelhafte Hygiene und marodierende Sachsenhorden machten das Mittelalter zu einer eher ungemütlichen Epoche. Folgt man den einschlägigen Legenden, waren diese dunklen Tage allerdings auch eine Hochzeit für Heldenmut und edle Taten. Der kanadische Zeichner Harold R. („Hal“) Foster hat all dies genommen, ihm Witz, Tempo und unvergessliche Figuren hinzugefügt - und mit seinem „Prinz Eisenherz“ ein Comic-Epos geschaffen, das die Tage König Arthurs aufs Lebendigste und Unterhaltsamste wieder entstehen lässt.

Die insgesamt 1788 von Foster gezeichneten Seiten, die zwischen 1937 und 1971 allwöchentlich in US-amerikanischen Sonntagszeitungen erschienen, gelten zu Recht als Meisterwerke der Comic-Geschichte. Der Bonner Bocola Verlag hat es nun unternommen, das Ritterepos in einer insgesamt 18-bändigen Gesamtausgabe neu herauszubringen. Jeder der rund 100-seitigen, großformatigen Hardcover-Bände enthält jeweils zwei Jahrgänge der Serie sowie ein ausführliches Vorwort des Übersetzers Wolfgang. J. Fuchs. Der erste Band ist bereits im September 2006 erschienen, Band sieben im November 2008. Bereits im Oktober 2008 hat der Verlag für die Gesamtausgabe auf der Frankfurter Buchmesse den Sondermann-Publikumspreis in der Kategorie „Comic International“ erhalten.

Cliffhanger auf jeder Seite

Zu Recht. Die Zeichnungen des 1892 geborenen Foster sind zeitlose Meisterwerke. Ihr realistischer Stil ist makellos, die Linie klar, die Bilder sind sorgfältig komponiert, voll sorgfältig recherchierter Details. Auf jeder Seite stehen neun Panels, die aber immer wieder aufgebrochen und zusammengeführt werden. Die formale Anmutung ist streng, aber alles andere als statisch. Fosters Bilder entwickeln einen unentrinnbaren Sog, es gibt Cliffhanger fast auf jeder Seite, schließlich mussten Fosters zeitgenössische Leser Woche für Woche bei der Stange gehalten werden. Die vom Verlag restaurierte ursprüngliche Farbversion der US-Sonntagsseiten ist dezenter, weniger knallig als in der Carlsen-Ausgabe, und lässt die Zeichnungen noch nuancenreicher und vieldimensionaler wirken.

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Neben dem strahlenden Helden Eisenherz, dem Prinzen von Thule, der mit seinem „Singenden Schwert“ regelmäßig „wie ein Sommergewitter“ über die verschiedensten Feindeshorden hereinbricht, wenn er nicht durch List und Weisheit die verschiedensten guten Taten vollbringt, gibt es auch andere Hauptfiguren. Eine besonders sympathische ist Ritter Gawain, der dauergewellte, großmäulige Herzensbrecher. Mit ihm beginnt Eisenherz’ Ritterkarriere. Im allerersten Band heuert Gawain den sich als außergewöhnlich mutig, kampfstark und fröhlich erweisenden jungen Prinzen als Knappen an. Einige Abenteuer und einen gewonnenen Krieg später wird „Val“ – wie „Prince Valiant“ im Original genannt wird – selbst in König Arthurs Ritter der Tafelrunde aufgenommen.

Ritter mit Raspelschnitt

Seitdem sind die beiden allerbeste Freunde, auch wenn sie nicht jedes Abenteuer zusammen erleben. Wenn die beiden aber mal wieder im königlichen Auftrag – und zur Erleichterung der durch Streiche und Krawall der beiden Rabauken entnervten Hofgemeinschaft – von Arthurs Schloss Camelot aus auf Ritterfahrt gehen, ist Gawain nicht nur ein treuer Genosse im bewaffneten Kampf, sondern auch treuer Handlanger in der Ausführung von Eisenherz’ legendär listigen Kampfplänen.

Der siebte und neueste Bocola-Band enthält etwa die Episode, in der Gawain ein Wespennest besorgt, auf dass Eisenherz die Kleistermasse zu einer Geistermaske verarbeiten kann, um den dämonischen Bewohnern eines mysteriösen Schlosses ebenfalls einen Schrecken einzujagen. Die detaillierte Zeichnung des zerstochenenen und verschwollenen Gawain (mit traurig hängendem Schnurrbart!) ist extrem witzig und für Foster nur eine von vielen Gelegenheiten zu Ironie und Augenzwinkern.

Denn Foster hat ein feines Gespür dafür, Gegengewichte zu dem bisweilen heftig aufbrandenden Sieger-, Königs- und Heldenpathos einzubauen. Etwa in folgender Lieblings-Slapstickszene: Nach dem Besuch bei einem verschrobenen Privatgelehrten explodiert eine Chemikalienflasche in Eisenherz’ Hand – in dem Gefäß befanden sich zufällig die Zutaten für Schießpulver. Als Konsequenz haben drei Ritter und ein Knappe verkohlte Köpfe – ein Comic-Klischee! – worauf Eisenherz einige Dutzend Seiten lang nicht mehr mit seiner charakteristischen Ponyfrisur, sondern mit Raspelschnitt herumläuft.

Kritische Klischees

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Auf seinen Abenteuern verschlägt es den tapferen Prinzen in die verschiedensten Weltwinkel: in englische Sümpfe und afrikanische Dschungel, ins langsam untergehende Rom oder die Altstadt von Jerusalem, auf norwegische Fjorde oder russische Flüsse – und sogar in die neue Welt, wo Eisenherz und seine Wikinger sich mit ihren Eisenwaffen Respekt verschaffen. Und wo Aleta, Königin der (vermutlich auf Höhe der Balearen befindlichen) Nebelinseln und Eisenherz’ Gemahlin, die Reisegemeinschaft durch den Winter bringt, weil sie von den amerikanischen Ureinwohnern aufgrund ihrer blonden Locken und ihrer adeligen Körperhaltung als Sonnengöttin verehrt wird.

Apropos Ureinwohner: Den bisweilen eklatanten Rassismus in der Darstellung der jeweiligen Feinde Eisenherz’ muss der heutige Leser durchaus kritisch sehen. Allerdings sollte er im Hinterkopf behalten, dass in einem echten Epos die Rollen zwischen Gut und Böse immer eindeutig verteilt sind – siehe die „Nibelungen“, den „Herrn der Ringe“ oder „Star Wars“. Zumal nicht nur Hunnen oder Araber, sondern auch französische Straßenräuber und korrupte englische Adelige bei Foster mit krummem Rücken und scheelem Blick eindeutig als Schurken markiert sind. Wer das einmal akzeptiert, kann sich schnell daran erfreuen.

Ähnliches gilt für die Darstellung von Frauen, die durchaus dem Rollenbild des 5. Jahrhunderts nach Christus entspricht: Stütze des Mannes, Hüterin des Herds, augenklimpernde Kaufmannstochter oder huldvolles Burgfräulein. Es gibt allerdings Ausnahmen, angefangen bei der starken und selbstbewussten Aleta (auch wenn sie privat ganz gern mal ihrem Eisenherz „gehorcht“), über deren Kammerzofe, der Wikingerin Katwin, oder der indianischen Kinderfrau Tillicum, die nicht nur Spuren liest wie Bücher, sondern auch einen Dolch zu führen versteht. Kritisch wird’s bei Ausflügen in große Städte, wo Aletas ausgiebige Shoppingtouren bei den lokalen Schneidern Eisenherz’ Börse leichter machen. Darüber lachte mann in den Vierzigern und Fünfzigern: Jaja, die Frauen, so waren sie schon vor anderthalbtausend Jahren.

Duft nach Druckfarbe

Aber darüber kann man hinwegsehen, sind solche dünnlichen Zwischenstationen bei Foster doch immer nur Hinleitungen zu neuen, tollen Rittertaten des cool frisierten Prinzen. Hal Fosters Epos ist ein grandioses Werk, das Comic-Fans sehr viele vergnügliche Lesestunden bescheren wird. Besonders in der für die hochwertige Ausstattung preiswerten, herrlich nach Druckfarbe duftenden Gesamtausgabe des Bocola-Verlags.

Das Bocola-Projekt ist übrigens auch deshalb so lobenswert, weil die in Deutschland bislang maßgebliche, 1988 begonnene „Eisenherz“-Ausgabe des Hamburger Carlsen Verlags zum großen Teil vergriffen ist – darunter die ersten 40 von Hal Foster gezeichneten Bände. 1971 hatte Hal Foster die Serie an den 1919 geborenen John Cullen Murphy übergeben. Auch die meisten von ihm gezeichneten Bände 41-79 sind nur noch antiquarisch erhältlich – aktuell lieferbar sind die Nummern 71-82. Murphy starb 2004, die Serie wird aber weiter gezeichnet, seit Band 80 sind Gary Gianni für die Zeichnungen und Mark Schultz für den Text verantwortlich. Im Frühjahr und Sommer 2009 sollen die Bände 83 und 84 bei Carlsen erscheinen.

Bisher sind die Bände 1-7 der „Eisenherz“-Gesamtausgabe im Bonner Bocola-Verlag erschienen. Sie haben je ca. 100 Seiten und kosten 19,90 Euro.

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Bumm.

Für einige Zeit muss Eisenherz ohne Ponyfrisur auskommen.

         Illustrationen: promo 

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