Klassiker : Mörderische Missionen

Kürzlich wurde Pierre Christin mit dem Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk geehrt. Comiczeichnerin Elke R. Steiner über die Neuauflage zweier politisch-historischer Schlüsselwerke des Szenaristen.

Elke R. Steiner
Alte Männer auf Rachefeldzug. Eine Szene aus dem Band " Fins de Siècle".
Alte Männer auf Rachefeldzug. Eine Szene aus dem Band " Fins de Siècle".Illustration: Bilal/Ehapa Comic Collection

Der Band „Fins de Siecle“ kommt bombastisch daher, dick, schwer und im Hardcover-Überformat. Er enthält zwei Einzelbände: „Der Schlaf der Vernunft“ von 1978/79 und „Treibjagd“ von 1990, im Doppel neu veröffentlicht 2008. In der Mitte ein Interview mit den Schöpfern des Werkes: Enki Bilal, Zeichner, und Pierre Christin, Szenarist und kürzlich auf dem Comicsalon Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet (mehr dazu unter diesem Link). Sie geben Informationen zur Entstehung der Comics, ihrer Einordnung der Weltgeschichte und in ihre eigene Geschichte.

Die Comics handeln von alten Männern. Mit ihren Falten und Hautunreinheiten passen sie perfekt in Bilals Bilder von Verfall und Erinnerung. Beides breitet er hier über fast 200 Seiten in mitreißenden Farben aus.

In „Schlaf der Vernunft“ tun sich republikanische Veteranen des Spanischen Bürgerkriegs erneut zusammen. Aktueller Anlass sind Mord und Zerstörung eines Dorfes in der Provinz Aragon. Sie verfolgen die Täter durch die ganze Welt. Es fließt viel Blut. Unterdessen werden sie krank, haben Geldsorgen, erneuern alte Kontakte und blicken auf ihr Leben zurück. Einer stirbt an Herzinfarkt. Bei aller Gebrechlichkeit sind sie feurig und haben eine Mission. Die Geschichte ist, unter all der zeichnerischen Prachtentfaltung und weltpolitischen Bedeutung, auch berührend und traurig.

Metaphern der Weltgeschichte. Das Cover des Sammelbandes.
Metaphern der Weltgeschichte. Das Cover des Sammelbandes.Foto: Ehapa

Anders als zuvor treffen sich die alten Männer in „Treibjagd“ in einem fest gemauerten Schloss. Sie wollen traditionell in den verschneiten polnischen Wäldern Bären, Wildschweine und Hirsche jagen. Natürlich nur vordergründig. Auch hier fließt viel Blut. Ein junger Dolmetscher wird zum Instrument in den Händen alter Kader des erstarrten, zerfallenden Ostblocks. Die Starre überträgt sich: Auch als Leserin stecke ich im Schnee fest und weiß nicht, worauf ich warte. Die Überraschung kommt am Ende. Einer verdeckten Hinrichtung aus politischen Beweggründen steht das Sprengstoff-Attentat eines geistig verwirrten Einzeltäters gegenüber. Das Ergebnis sind immer tote Menschen.

Zwischen all den alten Männern gibt es nur zwei Frauen von Bedeutung. Eine steigt der Liebe wegen aus dem Rachefeldzug aus. Die andere ist schon lange tot. „In beiden Fällen scheinen die Frauen nicht geschaffen zu sein für ideologische Zwangsjacken“ sagt Christin im Interview, „sie stehen auf Seiten des Lebens“. Das scheint, bei all der Gewalt und Abgeklärtheit, doch ein bisschen idealistisch.

Pierre Chhristin/Enki Bilal: Fins de Siècle (Der Schlaf der Vernunft / Treibjagd), Hardcover, 200 Seiten, 45 Euro, mehr unter diesem Link.

Unsere Gastautorin Elke R. Steiner lebt in Berlin und hat u.a. die Familiengeschichte „Die anderen Mendelssohns“ (Reprodukt) sowie die Kinderbücher „Bella´s Brazilian Football“ und „Bella´s Chocolate Surprise“ (Milet Publishing) gezeichnet. Ihre Website: www.steinercomix.de. Weitere Comic-Empfehlungen von ihr unter diesem Link. Kürzlich wurde das 2006 Elke R. Steiner illustrierte Buch „Mein bewegtes Leben. Ein Berliner An-Alphabet erzählt“ von Fred Volkmann durch den Verein „Lesen + Schreiben e.V.“ neu veröffentlicht.

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