Klassiker : Naiv, nicht doof

Comic-Gesamtausgaben boomen: Neben Klassikern wie "Prinz Eisenherz" und den "Peanuts" findet sich aber auch so manche weitgehend unbekannte Perle in den Regalen. So wie Jack Kents "King Aroo", dessen erster Band gerade auf Deutsch erschienen ist.

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Herr der Tiere. King Aroos Reich wird bevölkert von allerlei sprechender Fauna.
Herr der Tiere. King Aroos Reich wird bevölkert von allerlei sprechender Fauna.Foto: promo

Neben den kräftig gehypten Graphic Novels liegen Neu- und Gesamtausgaben mit klassischem Comic-Material gerade schwer im Trend, egal ob franko-belgische Abenteuer- und Westernstoffe, amerikanische Zeitungscomicstrips oder englischsprachige Superhelden- und Genre-Highlights. Das hat zum einen sicherlich mit einem über die Jahre gestärkten und gewachsenen Bewusstsein der Verlage und Leser für die Wurzeln und Fundamente ihres Lieblingsmediums zu tun - aber schlichtweg natürlich ganz banal auch damit, dass die ebenfalls über Jahre „herangereifte“ Leserschaft inzwischen alt genug ist, um gelegentlich schon mal ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen und sich nicht mehr auf ein paar halbwegs preiswerte Hefte beschränken muss. Aus den vom Taschengeld abhängigen Lesern sind in vielen Fällen erwachsene Sammler geworden, und anfällig für Nostalgie und schön gemachte Sammelbände ist vermutlich jeder, der im Comicladen seines Vertrauens ein- und ausgeht.

All die verlockenden Hardcover-Editionen, die in den Auslagen liegen, strapazieren so zuweilen ganz schön den Geldbeutel. Doch neben den fast schon obligatorischen und zu erwartenden Neuauflagen wie „Prinz Eisenherz“, „Luc Orient“ oder „Garfield“ bringt der Trend zum wiederentdeckten, hübsch verpackten Klassiker manchmal auch einige Seltsamkeiten ans Licht, die erst auf den zweiten Blick zu echten Kostbarkeiten werden.

So wie der erste Band von „King Aroo“, der gerade beim Bonner Bocola Verlag erschienen ist, der Verlags-Auskopplung des Bonner Comicladens, der seit einigen Jahren alle Fans von Hal Fosters „Prinz Eisenherz“ mit einer wunderbaren Werkausgabe beglückt und sein Programm erst im vergangenen Jahr verbreitert hat. Nun stößt also auch „King Aroo“ in den Kreis der Werkausgaben – ein in Deutschland zugegebenermaßen nicht sonderlich bekannter oder geforderter Strip, der auch in den USA als fast vergessener Klassiker gilt,

hier und da jedoch auch in einem Atemzug mit Walt Kellys „Pogo“ genannt wird  - obgleich „King Aroo“ im Gegensatz zur kritischen Strip-Saga aus den Sümpfen letztlich völlig losgelöst vom Zeitgeschehen in seinem Herkunftsland funktioniert. 

König und Untertan. Das Cover des Bandes.
König und Untertan. Das Cover des Bandes.Foto: promo

Der amerikanische Cartoonist Jack Kent (1920-1985) spielte 15 Jahre lang Chronist des winzigkleinen Königreichs Myopia, das nur einen Morgen groß ist und vom schusseligen King Aroo mit einem noch viel schusseligeren Ein-Mann-Hofstaat regiert wird. Dafür tummeln sich um seine Burg einige schräge Gestalten und eine Vielzahl sprechender Tiere. Mit diesem überschaubaren, in jedem Fall äußerst lieblich gezeichneten Ensemble bestückte Kent, der sich später als produktiver Kinderbuch-Künstler einen Namen machte, seine fortlaufenden Streifengeschichten, für die er wie viele andere seines Fachs sieben Tage die Woche schrieb und zeichnete und die zu ihren Glanzzeiten in allen wichtigen Tageszeitungen amerikanischer Großstädte abgedruckt wurden.

Der erste deutsche Band nun ist ein hübscher Klon der amerikanischen Ausgabe von IDW und versammelt neben einem schwärmerischen Vorwort von Funny-Ikone Sergio Aragonés und dem ersten Teil einer Kent-Biografie die Daily- und Sunday-Strips aus den Jahren 1950 bis 1952 in Schwarzweiß.

Selbst wenn Kents Humor weder besonders philosophisch, noch besonders bissig ist, am Ende muss man sich trotz der simplen Geschichten aus dem „kurzsichtigen Königreich“ einfach in diesen toll aufgemachten Band verlieben,

Die Figuren „Wecker-Hahn“ und „Briefträger-Känguru“ beschreiben es in einem frühen Tagesstreifen aus dem ersten Jahr des Strips dann auch am Besten, wenn sie über King Aroo und Co. urteilen und folgende Devise ausgeben:

„Sind die doof?“ 

„Nö! Naiv, aber liebenswert!“


King Aroo Band 1: 1950 - 1952, aus dem Amerikanischen von Wolfgang J. Fuchs, Bocola Verlag, Bonn 2011, Hardcover, 340 Seiten. 29,90 Euro

Mehr von unserem Autor Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. 

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