Klassiker : Postmoderne Plünderer

Großmeister Alan Moore legt einen neuen Band der League of Extraordinary Gentlemen vor: Ein Zitatereigen von dramaturgischer Brillanz

Moritz Honert
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Schöner Schrecken. Über 60 Seiten hinweg baut sich die Spannung auf, am Ende entlädt sie sich mit Gewalt.Illustration: O'Neill/Moore

Das Schiff hat keine acht Segel, und ob es über 50 Kanonen verfügt, darüber gibt es keine gesicherten Informationen. Mit welchem Boot wir es hier zu tun haben, steht trotzdem außer Frage. Die anderen von der Seeräuber-Jenny aus der Dreigroschenoper genannten Kriterien erfüllt es nämlich: Es liegt am Kai und es beschießt die Stadt. Aus vollen Rohren. Unter den mürrischen Augen der Piraten bersten Mauern und zerreißen Leiber.

Eine komplette Doppelseite hat der Zeichner Kevin O’Neill diesem Schreckenspanorama gewidmet. Und weil es das einzige Bild diesen Formats im neuen „League of Extraordinary Gentlemen“ Band ist, platzt es förmlich aus den Seiten heraus. Mit Gewalt entlädt sich die Spannung, die über 60 Seiten hinweg mit düsteren Drohungen aufgebaut wurde. Brecht und Weill hätten ihre Freude gehabt. Nicht nur an dieser Szene. „Die Dreigroschenoper“ zieht sich als roter Faden durch den gesamten Band. Sogar neue Texte hat Alan Moore zu Weills Kompositionen geschrieben.

Neue Helden braucht das Land

„The League of Extraordinary Gentlemen, Century - 1910, Book 1 of 3“ lautet der komplette Titel des neuen Bandes von Comicgroßmeister Alan Moore.

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Detailverliebt. Die unverwechselbaren Zeichnungen Kevin O'Neills harmonieren mit der kräftigen Kolorierung.

Kurze Aufschlüsselung des kryptischen Namens: Nach dem eingeschobenen, im Nachkriegs-England angesiedelten „Black Dossier“ ist „Century“ der offiziell dritte Band der Serie um die aus literarischen Figuren bestehende Geheimagentengruppe. Veröffentlicht wird „Century“ in drei im Abstand von einigen Monaten verlegten 70-seitigen Bänden. Der erste, jetzt in den USA erscheinende Teil (in Deutschland als Import erhältlich) spielt im Jahre 1910, der zweite im Jahr 1960, Teil drei schließlich im Jahr 2010.

Noch aber ist das zwanzigste Jahrhundert jung. Seit dem Angriff der Marsianer in Band zwei hat sich einiges getan im Team der Agenten. Edward Hyde ist tot, ebenso Griffin, der Unsichtbare. Auch Captain Nemo hat sich verabschiedet und liegt im Sterben. Neue Helden braucht das Land. Wer das „Black Dossier“ gelesen hat kennt die Protagonisten bereits, die Mina Harker und Allan Quatermain nach der Jahrhundertwende unterstützen. Zur Seite gestellt hat Moore den beiden das unsterblichen Zwitterwesen Orlando, William Hope Hodgsons Esoterik-Detektiv Thomas Carnacki sowie den Meisterdieb Arthur J. Raffles aus der Feder von E. W. Hornung.

Mehr James Joyce kann der Comic momentan nicht

Moore bleibt dem Prinzip der Serie treu und plündert eifrig die Archive der Populärkultur. Er zitiert, collagiert, kombiniert. Er wirft Okkultismus, Kolonialismuskritik, viktorianische Krimigeschichte und Psychogramm zu einem postmodernen Zitatereigen zusammen.

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Wilde Mischung. Moore wirft Okkultismus, Kolonialismuskritik und viktorianische Krimigeschichte zusammen.

Kaum ein Bild, kaum ein Satz, der nicht gespickt ist mit Anspielungen auf Bücher, Filme, Comics, Fernsehserien.

Mal gibt es offensichtliche Gags, wenn zum Beispiel Popeye im Hafengedränge steht, manchmal etwas zum Schmunzeln für Literaturbewanderte. So hört ein Crewmitglied der Nautilus auf den Namen Ishmael - wie der Erzähler in Moby Dick. Spannend wird es aber erst bei den wirklich obskuren Verweisen, die ohne das entsprechende Wissen nicht entschlüsselbar sind. Wenn zum Beispiel der Bösewicht des Buchs, der Magier Dr. Haddo, sagt, sein wirklicher Name sei Dr. Karswell Trelawney, dann kann darüber nur schmunzeln, wer weiß, dass Karswell eine Figur aus M.R. James Geschichte „Casting the Runes“ und Trelawney eine aus Anthony Powells Gedichtzyklus „Dance to the music of time“ ist. Für beide stand der Okkultist Aleister Crowley Pate. Näher an James Joyce kommt der Comic als solcher momentan nicht heran.

Räuberpistole und interaktives Museum

Doch auch wer nur zehn Prozent der Verweise versteht, hat Spaß. Dafür sorgen nicht nur die detailverliebten, unverwechselbaren Zeichnungen Kevin O’Neills und deren gelungene knallige Kolorierung, sondern vor allem Moores erzählerisches Talent.

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Der Spannungsbogen von „1910“ ist von selten erlebter dramaturgischer Brillanz. Das alles macht „The League of Extraordinary Gentlemen“ nicht nur zu einer spannende Räuberpistole, sondern zu einem überwältigendem Museum der Populärkultur des Abendlandes.

Alan Moore und Kevin O’Neill: „The League of the Extraordinary Gentlemen - Century: 1910 (Book 1 of 3)“, Top Shelf Productions, 80 Seiten, 7,95 Dollar (Import)

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