Klassiker : Trollige Bohème

Die skandinavischen Mumintrolle spuken seit Jahrzehnten durch die Kinderzimmer. Jetzt gibt es die erste deutsche Gesamtausgabe des Klassikers.

Peer Göbel
Mumins Breitformat
Fantastische Gestalten. Die Mumintrolle und ihre verrückte Verwandtschaft. -Illustration: promo

Aus Kindertagen dürften sie erwachsenen Lesern bekannt sein, die nilpferdähnlichen Mumintrolle, die in einer halb realen, halb sagenhaften finnischen Küstenwelt leben. Der Berliner Reprodukt-Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Gesamtausgabe der bisher nur vereinzelt erhältlichen Mumin-Comics vorzulegen. Die größte Überraschung beim Wiederlesen ist, dass es sich kaum um eindeutige Kindergeschichten handelt.

Die Erzählungen um den gemütlichen, weißen Troll sprühen vor fantastischen Einfällen – sind aber weit mehr als ein Märchen. Die sagenhaften Figuren bezaubern mit Charme und liebenswerter Naivität, bleiben aber oft rätselhaft und eröffnen vielschichtige Perspektiven. Wenn die Hauptfigur Mumin mit Hilfe seines Kumpans Schnüferl versucht, die Gäste aus dem eigenen Haus zu vertreiben, oder die reiche Tante hinter Stacheldraht eingezäunt wird, haben die Szenarien keine eindeutige Moral. Muminpapa ist Familienmensch und Abenteurer gleichzeitig, und als Muminmama mit ihm aus einer freiheitlichen Laune in eine Höhle zieht, öffnet sich fast ein psychologischer Abgrund für den zurückgelassenen Sohn. Diese Uneindeutigkeit zwischen Trollmythologie und Moderne zeichnet die Geschichten aus: Wenn Mumins Schatten zur eigenen Figur wird, der Hubschrauber ganz selbstverständlich einen eigenen Willen hat oder Muminpapa verkündet: „Das Leben ist kurz und trist. Amüsieren wir uns.“

Seitenhiebe auf die Kunstszene

Der Legende nach entwirft Tove Jansson (1914-2001) ihre erste Mumin-Figur nach einem philosophischen Streit mit ihrem Bruder. Wütend zeichnet sie die hässlichste Kreatur, die ihr einfällt, auf die Wand des Toilettenhäuschens – und schreibt (Immanuel) „Kant“ darunter. Als Tochter eines Bildhauers und einer Illustratorin wächst sie in einem liberalen und modernen Umfeld auf, sie studiert in Stockholm und Helsinki Kunst und bereist Europa.

Mumins Cover
Der erste Band der Gesamtausgabe. -Foto: promo

Ihr Bohème-Hintergrund spiegelt sich auch in den Mumin-Comics wider – in einer hedonistischen Grundhaltung der Figuren und Seitenhieben auf den Kunstbetrieb. Als ein Gespenst das Wohnzimmer verwüstet, kleben Mumin und Schnüferl die Scherben einer Statue wieder schief zusammen – und können sie teuer verkaufen.

In den 30er und 40er Jahren arbeitet Tove Jansson an Titelbildern und politischen Karikaturen, illustriert Bücher und Zeitschriften, bis 1945 ihr erstes Mumin-Buch erscheint – ein modernes Kinderbuch. Die Nachfolger machen sie über die Grenzen Skandinaviens hinaus bekannt, ab 1954 zeichnet sie für die britische Evening News einen täglichen Mumin-Comicstrip, der später in über 40 Ländern erscheint. Zum ersten Mal liegt nun eine Sammlung der deutschen Übersetzung vor, der gerade erschienene erste Schmuckband enthält vier lange Geschichten.

Mumins, Band 1, 96 Seiten, Hardcover, 24 Euro, Reprodukt-Verlag.


Links

Der Verlag
Reprodukt hat eine Leseprobe ins Netz gestellt.  Informationen zum Mumins-Universum gibt es im Muminforschungszentrum.

Hinweis: Unsere Verlosung ist beendet. Gewonnen haben Manja Busch und Familie Schreiber.

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