„Kobane Calling“ : Künstler im Krieg

In „Kobane Calling“ berichtet Comicautor Zerocalcare aus dem Grenzgebiet zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei - mit Respekt, Humor und ungewöhnlichen Einsichten.

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Zwischen Funny und Ernst. Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.
Zwischen Funny und Ernst. Eine Doppelseite aus dem besprochenen Buch.Foto: Avant

Den Comiczeichner Michele Rech kennt man in Italien eher unter dem Pseudonym Zerocalcare, das zugleich der Titel seines erfolgreichen autobiografischen Webcomic-Blogs ist. In seiner ersten deutschsprachigen Veröffentlichung „Kobane Calling“ schildert Zerocalcare seine beiden Reisen ins Grenz- und Kriegsgebiet zwischen Syrien, dem Irak und der Türkei. Dort trifft er Menschen, die gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ kämpfen und jeden Tag für Freiheit und Demokratie bluten, weil sie an eine gerechte Gesellschaft glauben.

Er sieht, was der Krieg aus der kurdischen Stadt Kobane gemacht hat und welche Opfer er fordert. Später trifft der 1983 geborene Römer Kämpferinnen der Frauenverteidigungseinheiten und schläft nur in Granatenwurfweite von IS-Quartieren. Außerdem wundert er sich fortwährend über eine oft surreal fremde Welt, in der permanent andere Parameter angewandt werden müssen.

Und wenn er denkt, seltsamer könne ein Tag kaum werden, erspäht er bei 50 Grad und nur 30 Kilometer bis zur nächsten Stellung des IS eines der international bekannten Graffiti der Berliner Sprayer-Crew 1UP ...

Anspielungen auf Star Wars, Asterix, den Herrn der Ringe

Zerocalcare gelingt ein erfrischender Blick auf den andauernden Konflikt. Dabei haben die Filzstiftzeichnungen und Graustufenbilder im Semi-Funny-Zeichenstil einen stark karikaturistischen Ansatz. Die anatomisch übertriebenen, abstrahierten Figuren mit ihren zu langen Gliedern, markanten Nasen und großen Augen sind unverkennbar in Cartoon, Independent- und Internet-Comic verwurzelt. Manche Seiten erinnern aufgrund ihrer Aufteilung und Perspektiven an japanische Mangas.

Der Italiener weiß und respektiert, was für ein ernstes Thema er da behandelt, wofür und wogegen die Menschen kämpfen und was viele von ihnen verloren haben. Trotzdem scheut er sich nicht, seine subjektive Schilderung mit Humor, Witz und nerdigen Anspielungen auf Star Wars, Asterix, den Herrn der Ringe, Dragonball oder die Simpsons aufzulockern.

Obendrein bildet er seine besorgten Eltern als gluckenhaftes Federvieh ab und spricht mit seinen imaginären Freunden, einem Schweinchen, einem Gürteltier und einem Mammut. An Seriosität oder Qualität büßt der gute Reisebericht dadurch kein bisschen ein – das Lesen gestaltet sich jedoch umso unterhaltsamer. „Kobane Calling“ ist eine erfreulich unkonventionelle Comic-Reportage über einen der Brennpunkte unserer heutigen Welt.

Zerocalcare: Kobane Calling, Avant, 272 Seiten, 24,95 Euro

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