Kolonialdrama : Jenseits von Srinagar

Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis Hollywood auch dieses Comic-Epos verfilmt. „India Dreams“, das jetzt auf Deutsch erschienene Gemeinschaftswerk des Ehepaares Jean-Francois und Maryse Charles, hat alles, was einen erfolgreichen Blockbuster ausmacht.

Lars von Törne
268825_0_332df36f.jpg Illustration: Charles/Splitter
Koloniale Kulisse. Die Geschichte hat ihre Anfänge im Indien der Maharadschas.Illustration: Charles/Splitter

Es ist ein mysteriöses Geflecht aus Politik und Verschwörungen, aus (post-) kolonialen Machtkämpfen durchwoben mit dramatischen Liebesgeschichten und verworrenen Beziehungskonflikten, das dieses Buch zu einer der herausragenden Neuerscheinungen der Saison macht. Und es ist ein Fest fürs Auge: Jean-Francois Charles hat seine Bilder in zarten Pastelltönen wie Aquarelle aufs Papier getupft, was dem wegen seiner drei Generationen umspannenden Handlung ohnehin schon zeitlos wirkenden Werk zusätzlich eine klassische Aura gibt.

Die Handlung beginnt im London des Jahres 1944. Von diesen Kriegstagen aus schwingt die von Maryse Charles verfasste Erzählung wie ein großes Pendel mal in die Vergangenheit und führt den Leser abwechselnd in das Indien der Maharadschas sowie in spätere Epochen, über die 70er Jahre bis zur Gegenwart. Im Zentrum der Handlung steht die lange verdrängte Geschichte der Mutter der Hauptfigur, Emily Gilmore.

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Die erhält auf mysteriösen Wegen das Tagebuch ihrer Mutter. Darin geht es um tragische Vorfälle im Indien der 1920er und 30er Jahre, deren Konsequenzen bis in die Gegenwart und, wie man sehen wird, auch weit in die Zukunft reichen.

Aus der Suche der jungen Frau nach fehlenden Details ihrer Familiengeschichte entwickelt sich auf rund 200 Seiten ein dramatisches Abenteuer vor der malerisch-bedrohlichen Kulisse Indiens in den Jahrzehnten vor, während und nach dem Ende der Kolonialzeit, das in seiner episch angelegten, zwischen den Kulturen wechselnden Handlung an Kino-Klassiker wie "Jenseits von Afrika" erinnert.

Nach und nach setzt sich wie ein Puzzle die Geschichte einer englisch-indischen Familie und ihrer Wegbegleiter zusammen, die in einen Strudel aus Machtkämpfen und Leidenschaften geraten, aus dem es keinen einfachen Ausweg gibt. Die Suche nach der Wahrheit führt die drei Hauptfiguren – Mutter, Tochter, Enkelin – auf eine Jahrzehnte umspannende Odyssee nicht nur durch die eigene Familiengeschichte, sondern auch durch ein traumhaft schönes, aber für Außenstehende nur schwer zu verstehendes Land, dessen pittoreske Paläste und dramatische Landschaften die perfekte Kulisse für diese Familiensaga abgeben.

Maryse und Jean-Francois Charles: India Dreams, 208 Seiten (Buchformat, Hardcover, inkl. kurzer Einführung mit zusätzlichen Skizzen), 24,80 Euro, Splitter-Verlag. Eine Leseprobe gibt es unter diesem Link.

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