Kuba-Comic : "Die Revolution ist überall präsent"

50 Jahre nach dem Umsturz wandelte der Berliner Comic-Zeichner Reinhard Kleist auf den Spuren von Fidel Castro und Che Guevara. Im Interview fasst er seine Erlebnisse zusammen.

Michael Hüster
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"Fidel" war hier. Straßenszene in Centro Havanna.Illustrationen: Kleist

Die Revolution ist für die Kubaner noch lange nicht zu Ende. So wurde die Bevölkerung kürzlich zum Jahrestag der Revolution von der politischen Führung des Landes auch weiterhin auf einen jahrzehntelangen Kampf gegen die USA eingeschworen. Comic-Autor Reinhard Kleist hatte bei seinem Kuba-Besuch die Gelegenheit, die Lebens- und Wohnsituationen auf Kuba auch Abseits der Touristenrouten kennen zu lernen. Seine Eindrücke hat er im Internet in einem Blog sowie in gedruckter Form im Reisetagebuch "Havanna" festgehalten, in Hamburg gab es kürzlich eine Ausstellung mit Originalzeichnungen zu sehen. Michael Hüster befragte Kleist zu seinen Kuba-Erlebnissen.



Wie entstand die Idee zu "Havanna"?



Die Idee zu einem Reisebuch hatte mein Carlsen-Redakteur Michael Groenewald. Ich kam dann mit Kuba dazu. Da wollte ich schon immer mal hin, und gerade war Kuba mal wieder in den Medien, weil Fidel Castro abgedankt hatte. Also habe ich erstmal Spanisch gelernt und ein paar Kontakte aufgebaut. Eine Bekannte hat mich an ihre Freunde in Havanna vermittelt, die mich in ihrer Wohnung aufgenommen haben. Die Wohnung liegt im Stadtteil Vedado und hat einen umwerfenden Blick über die ganze Stadt.

Beschreibe bitte deinen ersten Tag, deine ersten Eindrücke von Havanna...

Mein erster Tag begann etwas unkaribisch mit Regen und starkem Wind. Ich bin erstmal was einkaufen gegangen im Einkaufszentrum am Malecon, gegenüber der großen Hotels, u. a. dem Melia Cohiba, von wo ich dann auch die Beiträge zum Blog verschickt habe... für ein Heidengeld, da Internet für Touristen wahnsinnig teuer ist, für normale Kubaner nahezu unerreichbar. Der Supermarkt hat mich auch schon mal ganz gut eingestimmt. In den spärlich bestückten Regalen waren die Lebensmittel sehr liebevoll arrangiert und wurden von unheimlich viel Personal bewacht.

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Engel der Straße. Eine Santaria-Priesterin auf ihrem Weg durch die dunklen Gassen von Havanna.

Im Kühlregal fand ich Milch aus Deutschland. Milch ist Mangelware in Kuba. Auf meinem Weg entlang des Malecon in Richtung Innenstadt kam dann langsam die Sonne raus und ich konnte mich an den Kuba-Klischees erfreuen: Zusammenfallende Villen aus der Kolonialzeit und knatternde Oldtimer, die nur noch von werweißwas zusammengehalten werden. Aber sie fahren, und das ist das Wichtigste an einem Auto. Mein erster Eindruck von der Stadt war etwas getrübt von dem ruinösen Zustand der meisten Häuser, was für einen Bewunderer der Kolonialarchitektur wie mich schon bitter war. Doch die Leute die ich dort traf, waren überaus freundlich, und man hatte sofort eine kleine Konversation.

Wo im Land kann man auf Spuren der Revolution treffen?

Die Revolution ist natürlich überall präsent, da sie ja nicht vorbei ist. Sie ist ein ständiger Prozess. Die Geschichte des Sieges über das Batista-Regime wird allerdings überall glorifiziert. Eindrucksvoll ist sicherlich der Platz der Revolution, der mich allerdings erst mal etwas enttäuschte, weil er so karg ist. Man muss sich da schon die Fotos in Erinnerung rufen, als Tausende den Reden Castros gelauscht haben. Dann gibt es Museen an allen Stellen an denen die Revolution siegreich war. Das Bekannteste ist sicherlich das Museum der Revolution. Es ist im ehemaligen Präsidentenpalast des Diktators Fulgencio Batista untergebracht, der von Fidel Castro und seiner Rebellenarmee gestürzt wurde. Heute kann man noch die verschwenderisch ausgestatteten Säle bewundern und sich über die Geschichte der Revolution informieren, die extrem ausgiebig, wenn auch etwas verstaubt, in zum Teil liebevoll arrangierten Schaukästen präsentiert wird. Hinter dem Gebäude kann man sich ein paar Kriegstrophäen ansehen: Flugzeuge, Panzer, Waffentransporter und... die Granma. Sie ist das Schiff, mit dem Castro und 80 Companeros von Mexiko nach Kuba gefahren sind, um den Aufstand gegen Batistas Regime zu starten. Sie kann aber leider nicht betreten werden, da sie in einer riesigen Glasvitrine steht und streng bewacht wird. Mein Favorit ist allerdings das Diarama mit Camilo und Che im Dschungel im "hyper realistic style", wie es auf der Plakette daneben heißt, das im zweiten Stock steht.

Stichwort Malecon. Der Malecon von Havanna zieht sich von der Festung Castillo de San Salvador de la Punta fast acht Kilometer am Atlantik entlang Richtung Westen. Mit Sicherheit eine der spektakulärsten städtischen Uferstraßen der Welt….

Den Malecon bin ich fast täglich entlang spaziert. Die Sonne fällt abends über die Bucht auf die abbröckelnden Fassaden der Häuser, was sehr malerisch aussieht. Viele Leute sind zu dieser Zeit unterwegs auf der Promenade oder sitzen auf den Steinen am Wasser, baden, unterhalten sich oder haben etwas zu Essen oder Trinken mitgebracht. Man beobachtet die Jungs bei ihren halsbrecherischen Sprüngen ins Wasser oder hört Musikern zu. Hinter ihnen rattern die Straßenkreuzer entlang und geben dem Seewind ihre eigene Note. Ich fand es wunderbar. Hier scheint die Zeit stillzustehen ... im besten Sinne gemeint. Ich habe sehr oft auf der Ufermauer gesessen und gezeichnet. Eins meiner schönsten Erlebnisse war dabei, wie eine Gruppe Jungs mir beim Zeichnen über die Schulter geschaut hat und kommentierte, was ich gerade male. Irgendwann haben die dann angefangen Liegestütze zu machen. Das war sehr lustig!

Welche besonderen Erkenntnisse über das Leben konntest du auf Kuba gewinnen?

Es ist nicht so einfach im revolutionären Kuba zu leben, wenn man sich abseits der Pfade bewegt, die die Regierung für einen vorsieht. Die Freunde, bei denen ich gewohnt habe, sind Künstler und haben ständig Schwierigkeiten, sich durch die Institutionen zu bewegen. Obwohl sie recht privilegiert sind, durch Kontakte ins Ausland, sind auch sie ständig am Organisieren. Eine Bekannte zeigte mir irgendwann ihre Libreta, das ist ein Heft, in dem die monatlichen Lebensmittelzuteilungen eingetragen werden. Es gibt zum Beispiel zehn Eier, ein Huhn, ein Kilo Reis, einen Fisch, Zucker, Salz und ein paar andere Sachen des täglichen Bedarfs, und ich musste feststellen, dass das nie zum Leben reicht.

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Revolutionäre Bewegung. Impression von einer Feier der Kommunistischen Jugend.

Wie sie mit ihrer geringen Rente den Lebensunterhalt bestreitet, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Was ich auch sehr schwierig fand, war die äußerst dürftige Informationslage in Kuba. Nachrichten aus der Welt werden kaum verbreitet. Die Tageszeitung "Granma" ist ein Parteiorgan und bietet dementsprechende Informationen. Weitere Zeitungen bieten auch nicht mehr. Magazine und Zeitungen aus der übrigen Welt sind nicht erhältlich, das Internet beschränkt.

Der Zustand der Bausubstanz der Häuser ist, wie von dir bereits angesprochen, nicht sehr gut …

Man sagt, dass jedes Jahr etwa 80 Häuser in Havanna in sich zusammenfallen. Das Haus in dem ich gewohnt habe, war eigentlich in einem sehr guten Zustand, doch nach einem ordentlichen Regen funktionierte jedes Mal der Fahrstuhl nicht und das Treppenhaus verwandelte sich in einen Wasserfall. Ich möchte nicht wissen, wie es in den klapprigen Kolonialhäusern im Zentrum aussieht, wenn so ein tropischer Regen runterkommt. Das ist wie eine Wand aus Wasser. Bei dem Hurrikan vor kurzem sind wieder einige Häuser zusammengefallen. Man muss allerdings sagen, dass Kuba einen weltweit einzigartigen Katastrophenschutz hat. Es gab sehr wenig Tote und Verletzte. Weniger als in den USA. In Havanna wird mittlerweile viel renoviert. Jahrzehntelang wurde die Stadt vernachlässigt, da sie als bourgeois und verkommen galt. Ich hoffe, die Bauarbeiter sind schneller als der Verfall.

Wie hast du die Menschen als Tourist im direkten Kontakt erlebt?

Speziell als Tourist ist es manchmal etwas schwierig, man wird sofort als Geldbörse identifiziert. Bisweilen habe ich das Spiel mitgespielt und Leuten einen ausgegeben, damit ich mit ihnen quatschen konnte. Wenn mich aber einer zu einem Buena Vista Social Club bringen wollte, hörte der Spaß auf.

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Kubanisches Strahlen. Das Licht in Havannas Straßen faszinierte Kleist besonders.

Es haben auch verdächtig viele Leute in Havanna gerade dann Geburtstag, wenn man gerade die Straße entlang kommt. Sonst waren die Kubaner sehr freundlich. Vorsichtig herantasten musste ich mich bei politischen Unterhaltungen. Meistens fragte ich erstmal, ob denn Raul ein guter Präsident wäre. Und sie sind natürlich immer sehr interessiert, zu hören, was woanders los ist und wie man über Kuba denkt.

Hat dir die kubanische Küche geschmeckt?

In staatliche Restaurants in Havanna war es grauenhaft. Ich hatte sehr schnell eine Magenverstimmung. Auf dem Land allerdings habe ich in privat geführten Restaurants gegessen und auch in den Casas Particulares, privat vermieteten Zimmern, wo man bei der Familie wohnt, habe ich so gut gegessen, dass es das wieder wett gemacht hat. Meine Vermieterin in Vinales hat sich einen festen Platz in meinem Herzen erkocht.

Spürt man den politischen Konflikt USA/Kuba im täglichen Leben?

Absolut. Überall hängen Poster und es gibt große Wandgemälde oder Plakatwände in denen die USA angeklagt werden. Die haben ja auch so einiges auf dem Kerbholz. Das geht hin bis zum offenen Terrorismus, Anschläge auf Kaufhäuser und Flugzeuge. Am deutlichsten tritt das an der amerikanischen Botschaft zutage, die direkt am Malecon liegt. Das ist ein düsterer, schwer bewachter Kasten auf dessen Seite eine Leuchtschrift mit Propaganda abläuft. Die wurde installiert, weil die Kubaner direkt vor der Botschaft eine Open Air Bühne gebaut haben, auf der besonders gerne laute Veranstaltungen abgehalten werden, wie zum Beispiel Heavy Metal Konzerte. Oder auch der Geburtstag der kommunistischen Jugend, den ich mir angeschaut habe. Damit man die Leuchtschrift nicht so gut sehen kann, haben die Kubaner ein gigantisches Fahnenmeer zwischen Botschaft und Bühne gebaut.

Gibt es auf Kuba eine Comicszene und wenn ja, wo werden die Comics veröffentlicht?

Für Comiczeichner gibt es nicht so viele Veröffentlichungsmöglichkeiten. Es gibt ein paar Cartoons im "Juventud Rebelde", eine Wochenzeitschrift für junge Leser, und es gibt die Animationsstudios des ICAIC. Wenn, dann veröffentlichen die Zeichner im Ausland. Die Berliner Kollegen vom Comicmagazin "Moga Mobo" haben bei ihrem Kuba Trip viel mehr Kontakt zu kubanischen Comickünstlern gehabt als ich und auch erstaunliches aus den goldenen Tagen des Comic zutage gefördert.

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Streitgespräche mit Fidel. Eine Seite aus Kleists Blog, die für das Buch noch weiter bearbeitet wurde.

Über allem, was mit Comic zu tun hat, schwebt übrigens der Übervater der Comics und Zeichentrickfilme Juan Padron, dessen Figur Elpidio Valdes, ein Freiheitskämpfer gegen die Spanier, an allen Ecken auftaucht. Seinen Film "Vampire in Havanna" habe ich mir schon in Deutschland angesehen. Der ist sehr amüsant!

Wie ist dein Fazit nach deiner Kuba-Reise?

Ich habe genauso viele Fragen wie vor der Reise, oder sogar mehr. Kuba macht es einem nicht einfach, eine Seite zu beziehen. Die Situation dort ist so zugespitzt, dass eine Beurteilung nach unseren Maßstäben nicht möglich ist. Man muss immer bedenken, dass Kuba ein Teil des südamerikanischen Kontinents ist und von vielen dieser Staaten geht es den Kubanern vergleichsweise gut. Und die Marktwirtschaft der Welt wird woanders gemacht. Schließlich gehört Kuba zu einem Kontinent, von dem nicht ein Land bei den G8 vertreten ist. Ein Wandel macht sich in Kuba langsam bemerkbar. An einem meiner letzten Tage in Havanna erfuhr einer meiner Freunde dort, dass es Kubanern ab jetzt erlaubt wäre, Hotels zu besuchen und Handys, DVD-Player und Ähnliches zu kaufen. Er erfuhr es allerdings nicht aus der offiziellen Presse, sondern auf der Straße. Ich wünsche den Kubanern alles erdenklich Gute auf dem Schlingerkurs in Richtung Öffnung. Einfach wird das nicht. Zu viele Geier sitzen um Kuba herum, um sich bei der geringsten Möglichkeit auf das Land zu stürzen. Ich jedenfalls habe es genossen, mal in einem Land zu sein, in dem ich nicht von Starbucks, McDonalds und anderen Ausläufern des Turbo Kapitalismus belästigt werde.


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