Leonardi da Vinci im Comic : Zwischen künstlich und künstlerisch

„Leonardo & Salaï“ , die vierhändige Hommage der Illustratoren Benjamin Lacombe und Paul Echegoyen an Leonardo da Vinci, bietet einige Schauwerte, kann aber weder grafisch noch erzählerisch ganz überzeugen.

Marie Schröer
Meister und Mentor: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Meister und Mentor: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Jacoby & Stuart

Nicht wenige Autoren haben sich in letzter Zeit der Herausforderung gestellt, Meistern der bildenden Kunst in Comicform ein Denkmal zu setzen; der Künstlercomic hat sich als Untergattung innerhalb des Spektrums biografischer Comics etabliert. Die Schwierigkeiten eines solchen Unterfangens liegen auf der Hand: Nicht nur dem Künstler-Leben und seiner authentischen Persönlichkeit, sondern auch seinen Werken soll Raum gegeben werden. Im Idealfall wird der Leser nicht nur informiert, sondern auch gut unterhalten. Wenn ein Autor es schafft, nicht nur Lebensdaten an Bilder zu heften, kann mehr als Infotainment entstehen, nämlich ein eigenes Kunstwerk.

Auch „Leonardo & Salaï“ ist ein Künstlercomic, der sich einiges vorgenommen hat. Einen Leonardo aus „Fleisch und Blut“ zeichnen, wie der Klappentext ankündigt. Das kreative Schaffen eines genialen Geistes ausstellen, wie Text- und Bildzitate suggerieren. Eine Liebesgeschichte zwischen Meister und Lehrling erzählen, wie der Titel verspricht.

Abendmahl, Mona Lisa, Schlacht von Anghiari

Die Handlung des ersten von zwei geplanten Bänden ist schnell erzählt: Leonardo da Vinci nimmt 1490 einen Straßenjungen auf und tauft ihn auf den Spitznamen Salaï („Teufelchen“). Er macht ihn zunächst zu seinem Gehilfen, später dann zu seinem Schüler und Liebhaber. Die Beziehung dient als Aufhänger, um da Vincis Schaffen zwischen 1490 und 1506 in Florenz, Mailand und Venedig zu rekapitulieren. In Szene gesetzt werden die Entstehungsgeschichten und Anekdoten um diverse Arbeiten des Malers, Bildhauers und Ingenieurs: Abendmahl, Mona Lisa, Schlacht von Anghiari und Reiterstandbild; Fluggeräte und Schleusenanlagen.

Liebesgeschichte zwischen Meister und Lehrling: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Liebesgeschichte zwischen Meister und Lehrling: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Jacoby & Stuart

Zu den Stärken des Comics zählt gewiss, dass dadurch ein grafisch einfallsreicher und anschaulicher Einstieg in die Tätigkeitsfelder da Vincis geboten wird. Erzählt wird im Grau und Sepia der Skizzenhefte da Vincis; die Figuren Lacombes agieren vor den Hintergründen Echegoyens. Die Handlung wird mehrfach von großformatigen Gemälden unterbrochen, die zum Verweilen einladen: zum einen sind da die Lacombe-typischen Traumbilder an der Grenze zum Fantasy-Kitsch, zum anderen seine großartigen Neuinterpretationen berühmter Werke von Mona Lisa bis Anna Metterza – ein Highlight ist die farbenfrohe Doppelseite mit seiner Version des Abendmahls.

Stilistisch ist einiges dabei: Lacombes Figuren wecken Assoziationen mit Disney, Mark Ryden und natürlich Da Vinci; die detailverliebt ausgestalteten Stadtkulissen Echegoyens sind realistisch gehalten. Nicht immer ergibt sich aus dieser Stilmischung und der Zusammenarbeit ein harmonisches Ganzes. Vor den nuancierten Hintergründen wirken die Figuren bisweilen hölzern und künstlich.

„Eisen rostet, Wasser wird faul“

Während die beiden Illustratoren auf grafischer Ebene allen Einwänden zum Trotz mit einigen Perlen zu überzeugen wissen, können sie ihren Ankündigungen auf erzählerischer Ebene nicht ganz gerecht werden. Die Episoden werden ohne Spannungskurve aneinandergereiht, die titelgebende Liebesgeschichte lässt sich wie folgt zusammenfassen: Weiser Mann trifft auf vorlautes Waisenkind, lässt sich von dessen ungestümer Natur verzaubern und philosophiert über das Leben.

Fortsetzung folgt: Das Cover des ersten Bandes von „Leonardo & Salaï“.
Fortsetzung folgt: Das Cover des ersten Bandes von „Leonardo & Salaï“.Foto: Jacoby & Stuart

Dabei werden die Aphorismen der Skizzenhefte da Vincis in die Sprechblasen gehievt– sicherlich steht dahinter die Absicht, dem Comic zusätzlich Authentizität mit Tiefgang und dem Leser zusätzliches Wissen zu vermitteln. Den Dialogen verleiht diese Strategie aber eine fast schon absurd künstliche Note: „Ich gehe wieder schlafen“, sagt Salaï, der von dem Plan ein Schleusensystem zu entwickeln nichts hält. „Eisen rostet, wenn man es nicht benutzt und stehendes Wasser wird faul und friert bei Kälte zu. So untergräbt Nichtstun auch die Kraft des Geistes“, antwortet Leonardo.

Die über zwanzig Aphorismen, die sich wohl nicht in den Dialogen haben unterbringen lassen, schmücken übrigens die erste Doppelseite. Einer davon lautet „Vollkommenheit entsteht durch die Details, aber Vollkommenheit ist kein Detail.“ Wie auch den Autoren des Comics, sei der Rezensentin erlaubt, das Zitat seines Kontextes zu berauben: Vollkommener wäre dieser Comic gewesen, wenn er sich von seinem Anspruch auf Vollständigkeit in allen Details gelöst hätte. Lesens- und sehenswert bleibt er trotzdem: als informative Grundlagenlektüre und Einblick in Facettenreichtum des Werkes da Vincis - und seiner beiden Laudatoren.

Benjamin Lacombe und Paul Echegoyen: Leonardo & Salaï, Verlag Jacoby & Stuart, 96 Seiten, 18 Euro.

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