Lucky Luke : Bushs letzte Schlacht

Der neue Lucky Luke handelt von einem schmutzigen Wahlkampf - Wiedersehen mit alten Bekannten eingeschlossen.

Lars von Törne
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Klassischer Charakter. Das reale Vorbild für diesen historischen Möchtegern-Politiker ist unschwer zu erraten.Illustration: Achdé/Ehapa

Diese Ohren kennt man doch! Auch die Nase und das Kinn wirken vertraut. Und die zusammengekniffenen Augen unter dem Cowboy-Hut – das kann doch nur einer sein: George W. Bush ist zurück. Im aktuellen Lucky-Luke-Band „Der Mann aus Washington“ hat der Ex-Präsident seinen wohl letzten öffentlichen politischen Auftritt. Der Vorgänger Barack Obamas tritt in diesem Band allerdings nicht unter seinem wahren Namen auf. „Perry Camby“ heißt er hier, ist der Sohn eines texanischen Ölmagnaten und versucht, mit unlauteren Tricks und viel Schmiergeld, die Wahl des neuen US-Präsidenten für sich zu entscheiden.

Eine vertraute Geschichte? Sollte man meinen. Aber das neue Lucky-Luke-Abenteuer führt nicht etwas ins Jahr 2000 und erzählt von Wahlschiebereien in Florida. Nein, „Der Mann aus Washington“ spielt im Jahr 1876 und führt dem nicht in großen Zeitzusammenhängen denkenden Leser vor Augen, wie sich Geschichte eben doch immer wieder mal als Farce wiederholt.

Oder, im Fall des George-W.-Vorgängers Perry Camby, als Parodie. Denn trotz der realen Bezüge zum historischen Wahlkampf 1876/77, aus dem damals trotz aller Betrugsversuche der Gegenseite der integre Kandidat Rutherford Birchard Hayes als Sieger hervorgeht, strotzt der neue Band der frankobelgischen Cowboy-Serie doch vor Bezügen zur Gegenwart.

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Dicke Nase, dünnes Haar. Achdés Lucky Luke unterscheidet sich von Morris' klassischer Darstellung nur in Details.Illustration: Achdé/Ehapa

Lucky Lukes Beitrag zur US-Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr – und eher zufällig auch zum deutschen Superwahljahr – ist das dritte Abenteuer aus dem Atelier der Morris/Goscinny-Nachfolger Hervé Darmenton alias Achdé (Zeichnungen) und Laurent Gerra (Text). Wie schon in den ersten Bänden nach dem Tode Morris’ (mehr dazu hier) erweisen sich seine Erben auch diesmal als souveräne, traditionsbewusste Nachlassverwalter, die bis auf leichte stilistische Abweichungen (Lucky Lukes einst prägnante Nase ist dicker und platter, die Unterlippe kürzer, die blauschwarze Haartolle eine Spur dünner) auf eine erkennbar eigene Handschrift verzichten.

Das wird vor allem jene Fans erfreuen, die auch bei Band 84 verlässlich mit jenen Zutaten unterhalten werden wollen, wie man sie aus den besseren Jahrgängen der Morris/Goscinny-Epoche kennt. Die Handlung des neuen Bandes orientiert sich an bewährten Vorgängern wie „Lucky Luke gegen Joss Jamon“, „Die Postkutsche“ (inklusive detailgetreuer Kopie einer Verfolgungsjagd) oder „Die Eisenbahn durch die Prärie“. Trotzdem mischen Achdé und Gerra die üblichen Zutaten mit genug frischen Ideen, um auch dieser Geschichte noch den einen oder anderen neuen Dreh zu entlocken. 

"Der Mann aus Washington" handelt vom Kampf zweier Republikaner-Kandidaten, die unter Wildwestbedingungen darum ringen, wer von ihnen sich für seine Partei ums Präsidentenamt bewerben darf. Der ehrenwertere der beiden wird im Auftrag einflussreicher Senatoren von Lucky Luke bei seiner Wahlkampftour begleitet, um ihn vor Revolverhelden und ähnlich zwielichtigen Gestalten, vor Indianern und vor allem der innerparteilichen Konkurrenz zu schützen.

Um diesen klassischen Plot knüpfen Achdé und Gerra einen bunten Strauß an Charakteren und Abenteuern und steuern jede Menge Seitenhiebe aufs politische Geschäft bei. Der angesichts des Wahlsieges von Barack Obama im vergangenen Jahr wohl bemerkenswerteste Nebenaspekt wirkt dabei aus rückblickender Sicht etwas unterbelichtet: Die wenigen Schwarzen, die in „Der Mann aus Washington“ vorkommen, sind karikierend gezeichnete, am Rande der Gesellschaft geduldete Figuren wie Butler, Kutscher oder Jazzmusiker. Den einzigen Hinweis auf spätere Entwicklungen gibt eine Nebenbemerkung des weißbärtigen Hoffnungsträgers Rutherford Hayes im Gespräch mit dem späteren Jazz-Star Scott Joplin: „Eines Tages wird es bei den Präsidentschaftswahlen dieses Landes auch einen schwarzen Kandidaten geben.“

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