Mafiosi im Märchenland : Bushido ist jetzt Comic-Held

Pop und Pathos: Rapper Bushido taucht jetzt auch in einem Comic auf. Illustrator Eldin „Adopekid“ Bukalo schickt ihn als Samurai durch ein dunkelbuntes Berlin, um das zu tun, was er immer macht: Alle fertig.

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Auf Rachefeldzug: Eine Szene aus dem Comic, der zusammen mit Bushidos neuem Album publiziert wurde.
Auf Rachefeldzug: Eine Szene aus dem Comic, der zusammen mit Bushidos neuem Album publiziert wurde.Foto: Promo

Denkt man an Comicleser, dann denkt man fast zwangsläufig in Klischees. In Klischees, die zum Beispiel von den „Simpsons“ in Form des Comicverkäufers genährt werden: Comicleser sind hornbebrillte und/oder dickleibige Fanboys, deren Nerdtum sich neben Comics auf Science Fiction-Serien, Rollenspiele und Heavy Metal niederschlägt. Dabei kann man auch den geneigten Rap-Rezipienten mit Comics über einen Kamm scheren. Wer auf die Aliase von US-Hip Hoppern blickt, wird durch Namen wie Mista Sinista, Jean Grae oder DJ Green Lantern direkt auf den Marvel- oder DC-Kosmos verwiesen. Die Herren Method Man, Chuck D und MF Grimm haben sich darüber hinaus selbst als Comic-Autoren hervorgetan. Letzterer wurde gar für zwei Eisner-Awards nominiert.

Zwischen Maffay und der Mafia

Nimmt man die deutsche Rap-Landschaft ins Visier, findet man eine frühe Verknüpfung mit dem Medium Comic auf den Innenseiten des Gatefold-Covers der Absolute Beginner-LP „Flashnizm“. Und, ach ja, von Pandamasken-Rapper Cro heißt es, er habe auch mal in Comics gemacht. Das war's aber schon an Beispielen. An prominenten Beispielen zumindest: Hierzulande werden Rap und Comic bis auf wenige Ausnahmefälle medial weitgehend übergangen. Entsprechend können sich Rapper und Comicschaffende in ihren Disziplinen Entgleisungen erlauben, die den gesetzten Feuilleton-Leser nicht nur vor den Kopf stoßen, sondern schlichtweg überfordern würden.

Einer, der einen entgleisungsreichen Weg vom künstlerischen Nischendasein in die grell ausgeleuchtete Medienwelt schaffte, ist der Berliner Rapper Bushido. Seine skandalträchtigen Texte bescheren ihm Plätze neben Lanz und Maischberger, und die Plätze neben Lanz und Maischberger machen seine skandalträchtigen Texte Vergessen. Dann geht das Spiel wieder von vorne los: Im Wechsel bekommt er den Bambi für Integration verliehen und macht's mit Peter Maffay und Karel Gott, bis sein Name mit mafiösen Strukturen in Verbindung gebracht wird und er Todesurteile in Videoclip-Form ausspricht.

Ausgerechnet am Valentinstag hat der als Anis Mohamed Youssef Ferchichi geborene Berliner nun sein neues Album vorgelegt. Dem Titel nach widmet er es seinem erstmals 2002 initiierten Alter Ego „Sonny Black“, um jene Werte zu beleben, die die der anderen negieren. Gemeinsam mit Shindy, Djorkaeff, Beatzarre und anderen produzierte Bushido düstere Beats, die spürbar den Geist vom New Yorker Hip-Hop-Sound der späten Neunziger atmen und auf die er seine stumpfen, assoziativen und einfach gestrickten Raps gepackt hat, die insofern pointiert gesetzt sind, als dass sie alles und jeden gezielt unter der Gürtellinie treffen.

Geschäftsmann, Straßenkämpfer, Künstler

Entsprechend bleibt er seinem Erfolgsrezept treu: Bushido sagt nach wie vor immer das gleiche mit unterschiedlichen Worten. Das ist okay: Zahllose andere sagen immer das gleiche mit immer den gleichen Worten. Und auch, wenn ihn so manche aufgrund seiner Texte für den Antichristen halten, sind diese innerhalb der Spielart, die er bedient, genau genommen sehr konventionell. Allerdings ist er derjenige, der das Gangsta-Rap-Ding hierzulande wirklich auf Hochglanz fährt. Gelungen ist ihm das, obwohl er sowohl technisch als auch inhaltlich nie mit den wahren Reim-Akrobaten mithalten konnte. Er hat es einfach auf allen Kanälen verstanden, eine Gangster-Halbwelt mit Dokusoap-Scheinwelten zu kreuzen. Die sich daraus ergebende Schein-Halbwelt funktioniert überall, egal ob Schulhof oder roter Teppich.

Ständiges Auf-die-Zwölf: Eine Seite aus dem besprochenen Werk.
Ständiges Auf-die-Zwölf: Eine Seite aus dem besprochenen Werk.Foto: Promo

Wer das comic-hafte an diesem Prinzip nicht versteht, sollte vielleicht mal einen Blick in Bushidos Comic werfen. Er liegt, neben einem Shirt, einem Mini-Poster und dem Album auf Doppel-LP und CD, dem Deluxe Box Set von „Sonny Black“ bei. Natürlich hat Bushido den Comic nicht selbst realisiert: Ferchichi, der sich zuallererst als Geschäftsmann, dann als Straßenkämpfer und dann erst als Künstler inszeniert, hat ihn selbstverständlich realisieren lassen.

Das Werk heißt wie sein Auftraggeber, handelt von seinem Auftraggeber und stammt aus der Feder von Eldin „Adopekid“ Bukalo, der sich ansonsten als Artwork-Designer artverwandter Musiker verdingt. Auf 32 Seiten voller Dynamik zwischen den Panels und Splash-Pages, wie man sie vom US-Superheldencomic kennt, stilisiert er Bushido als Berliner Samurai-Mafioso, der sich an seinem Bruder, der ihn verraten und dem vermeintlichen Flammentod preisgegeben hat, rächen will.

Berlin als elektrisierender Moloch

Eingebettet in einen Kosmos aus Gangsterfilm-Anleihen, 007-Gimmicks, 1001er Nacht-Mystik und Videospielästhetik zwischen Mortal Combat und Tekken zeigt sich der Comic als urbanes Mythen-Musical in dunkelbunten Bildern, in die Bukalo zweckdienlich verfremdete Fotos als Hintergründe eingearbeitet hat. Bemerkenswert ist dabei die Selbstverständlichkeit, mit der das Setting ikonenhaft aufgeladen wird: Berlin erscheint als elektrisierender Moloch, als Idee, wie man sie aufgrund popkultureller Prägung allenfalls von New York, Tokio oder Los Angeles hat. Sein Berlin wird zu der Metapher, zu der South Central zuerst vom US Gangsta-Rap, dann von Hollywood inszeniert wurde.

Somit ist es nicht in erster Linie die jeweils vorhandene Non-Stop-Action, die den Reiz des Comics wie auch des Musikalbums ausmacht. Im Gegenteil: Das ständige Auf-die-Zwölf lullt auf Dauer eher ein als mitzureißen. Vielmehr ist es der Mut zur pathetischen Überhöhung von Niederungen – und, wesentlich wichtiger, dass Bushido diese Überhöhung ohne Rücksicht auf Verluste auch außerhalb der Medien, in denen sein Werk stattfindet, vorführt. Auf diese Weise leistet er ein Stück weit das für den heimischen Gangsta-Rap, was Sergio Leone für den Italo-Western vollbracht hat – obwohl sein neues Album und der dazugehörige Comic bei aller solider Handwerkskunst keineswegs herausragende Werke sind. Sie unterhalten, wie - mit den Worten des Publizisten Günther Jakob - das Ghetto, egal ob real oder fiktional, eben unterhält: Als „Western, Science Fiction, Horror, Krimi und Dschungelabenteuer zugleich.“

Bushido u.a.: Sonny Black Box Set. Berlin: Sony Music/ersguterjunge, ca. 65 Euro

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