Manga-Biografie : Dramatische Bilder in dramatischen Zeiten

Gegen den Strom schwamm Yoshihiro Tatsumi, als er sich 1957 mit dem Begriff „Gekiga“ von den herkömmlichen Kinder- und Gag-Manga abgrenzte. Jetzt ist der erste Teil seiner preisgekrönten Autobiografie in Comicform auf Deutsch erschienen.

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Künstlerische Selbstfindung: Eine Szene aus Yoshihiro Tatsumis Autobiografie "Gegen den Strom".
Künstlerische Selbstfindung: Eine Szene aus Yoshihiro Tatsumis Autobiografie "Gegen den Strom".Foto: Carlsen

Eingeleitet wurde die Manga-Welle von den ebenso rasanten Entwicklungen der japanischen Nachkriegsära. Einer Zeit unter der Besatzung der Siegermacht Amerika, einer Zeit, die schließlich mitgerissen wird vom wirtschaftlichen Aufschwung der Epoche des Fernsehers. Vorbei an geschichtlichen Schlaglichtern treibt der Panelfluss und zugleich taucht Tatsumi dabei in die eigene Vergangenheit, die fast ausschließlich unter dem Zeichen des Comics steht.  Unermüdlich beschäftigen Hiroshi Katsumi, wie Tatsumi in der Autobiografie heißt, und sein lungenkranker Bruder Okimasa sich mit dem Medium, das ihnen vor allem eine Gegenwelt zur kaputten Ehe der Eltern, zum entbehrungsreichen Alltag erschließt. Die Jungen tauschen, sammeln, zeichnen und schicken ihre in vier Panels erzählten Strips – genannt Yonkoma-Manga – den ersten Magazinen auf Postkarten zu, gewinnen kleine Preise, und es kommt sogar zu einem Treffen von Katsumi mit dem wohl präsentesten Mangaka jener Tage: Osamu Tezuka (Kimba, der weiße Löwe, Adolf, Buddha, Kirihito). Nur wenige Stationen wohnt dieser von Katsumis Heimatstadt Ōsaka entfernt in Takarazuka.

Schließlich ist mit dem Heranwachsen unversehens der Köpper in die Professionalität getan. Zunächst im Bereich der Kashihonya, wo sich Leser ihre Manga gegen minimale Beträge ausleihen konnten. Nun bestimmen die darauf spezialisierten Leihbuch-Verlage das Leben von Katsumi. Vom Verlag zu erhöhtem Fleiß angespornt, residiert er zusammengepfercht mit anderen namhaften Zeichnern wie zum Beispiel Takao Saitō (Golgo 13) in billigen Gasthäusern, um an zugleich mehreren Storylines zu arbeiten. Förmlich schwitzt man mit ihm und seinen Mistreitern unterm überhitzten Dachgeschoss, teilt auf engstem Raum ihre Gepflogenheiten und freut sich über eine Portion Soba-Nudeln, feilgeboten von fahrenden Händlern.

Es ist Tatsumis Augenzeugenschaft, die den Eindruck der Unmittelbarkeit erzeugt und in der Mitte des Bandes direkt in den eigenen Arbeitsprozess hineinführt. Als würden wir ihm nun über die Schulter schauen, erleben wir, wie er sich endlich, nach langem Ringen um den eigenen Stil, freischwimmt. Darstellung und Dargestelltes münden ineinander, jetzt, da wir in der Geschichte, ganz im Innern seines Schaffens ankommen. Denn vor uns entsteht eine dramatische Schneelandschaft, die unsere Hände beim Umblättern so gefrieren lässt wie Katsumis beim Zeichnen dieser Kälte.

Inmitten der Wogen einer sich ständig verändernden Verlagssituation findet diese künstlerische Selbstfindung statt. Sie gehört zu den Vorboten des Gekiga-Stils, ebenso wie die Ästhetiken des Westens, die nach Japan schwappen, vor allem das Kino, das direkt in die Formensprache vieler Zeichner um Katsumi fließt. Davon zeugt vor allem der verschwenderische Umgang mit Panels und auch die filmische ‚Hardboiled‘-Attitüde des sich allmählich von den entfesselten Produktionsbedingungen emanzipierenden Kerns um Katsumi. Die Gekiga-Werkstatt wird ins Leben gerufen und das dazugehörige Manifest entsteht mit einer Reihe daran gebundener Magazin-Projekte.

Opulent: Das Cover des 845-Seiten-Werks " Gegen den Strom".
Opulent: Das Cover des 845-Seiten-Werks " Gegen den Strom".Foto: Carlsen

Der Existenzkampf aber bleibt, ebenso die Querelen, welche die Gruppe wieder auseinanderdriften lässt und einen abermals an sich und seinem Werk zweifelnden Mangaka hervorbringt, nur, damit dieser im Strudel der aufkeimenden Studentenproteste wieder auftaucht, noch wütender, noch entschiedener. Ein etwas abruptes Ende ist das zwar, jedoch ist laut Carlsen eine Fortsetzung geplant. Die deutsche Übersetzung ist im Vergleich zur englischen Ausgabe übrigens weniger detailliert, ermöglicht aber dadurch einen angenehmeren Lesefluss.

Yoshihiro Tatsumi: Gegen den Strom, Carlsen, 845 Seiten, 44 Euro, die Website zu der Reihe findet sich hier.


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