Manga : Die Zeit läuft

Actionfilm im Kopf: In Yûji Iwaharas rasantem Manga "König der Dornen" kämpft eine Gruppe todkranker Helden gegen hungrige Dinosaurier - und deckt auf dem Weg noch eine dunkle Weltverschwörung auf.

Inga Steinmetz
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Unter Druck. Die Protagonisten der Manga-Serie "König der Dornen" haben nur noch wenig Zeit, bevor ein mysteriöses Virus ihre...Illustration: Y. Iwahara

Fragt man Manga-Fans, was sie an den japanischen Comics so schätzen, bekommt man häufig dieselbe Antwort: Neben der riesigen Auswahl an Genres ist es die oftmals rasant-lebendige, fast filmische Erzählweise, die viele so mitreißt. Da wechseln Kameraperspektiven wie in einem Actionfilm, ein Augenblick dehnt sich über mehrere Seiten, ein ganzer Tag vergeht in drei Bildabfolgen. Keine andere Comicform hat dieses Vergehen von Zeit, diese Film-Atmosphäre so perfektioniert wie der Manga.

Ein besonders schönes Beispiel für einen handwerklich gut gemachten Action-Manga ist die Serie "König der Dornen" von Yûji Iwahara. Angesiedelt in unserer Welt, in einer nicht allzu fernen Zukunft, folgt er dem typischen Muster einer Geschichte, die auch in Hollywood entstanden sein könnte. Die Welt ist bedroht von einem tödlichen Virus namens Medusa, der die Infizierten innerhalb kurzer Zeit zu Stein werden lässt.

Die ängstliche Japanerin Kasumi und der mysteriöse Hacker Marco Owen werden zusammen mit einer Gruppe anderer Personen unterschiedlichen Alters in einer alten Burg in Kälteschlaf-Kapseln eingefroren, während in der Forschungsanlage unterhalb des Gemäuers nach einem Impfstoff gesucht wird. Die Gruppe der Infizierten genießt damit das Privileg, etwas länger am Leben zu bleiben als ihre Angehörigen und Freunde.

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Auf der Suche. Das Coverbild des Abschlussbandes der Serie. -Illustration: Y. Iwahara



Doch etwas läuft schief. Die Eingefrorenen wachen früher auf als geplant. Schnell stellen sie fest, dass die gesamte Anlage nicht nur menschenleer ist, sondern auch von riesigen Dornen überwuchert. Hungrige, an Dinosaurier erinnernde Monster streifen umher. Schon bei dem Versuch, den Saal mit den Kapseln zu verlassen, werden die meisten Infizierten brutal von den Bestien getötet.

Ein harter Kern von sieben Erkrankten kann entkommen, darunter Kasumi und der mysteriöse Marco Owen, der als einziger nicht den Virus in sich trägt. Getrieben vom nackten Überlebenswillen suchen sie nach Antworten. Alle aus der Gruppe tragen Armbänder, an denen sich ablesen lässt, wie weit die Krankheit in ihnen fortgeschritten ist - und die den Leser während des gesamten Manga daran erinnern, dass das Leben der Protagonisten nicht nur durch die plötzlich aufgetauchten Raubreptilien bedroht ist.

Besonders anfangs gleicht der Manga einem typischen Actionstreifen, im Verlauf der Geschichte kommen einige fantastische Elemente dazu. Die Ebenen zwischen Realität und Täuschung verschwimmen, eine riesige Verschwörung zeichnet sich ab, ein wahnsinniger Gegenspieler taucht auf. Das Ende der Serie im sechsten Band fordert dem Leser viel Aufmerksamkeit ab, denn die Auflösung der letzten Geheimnisse erfolgt Schlag auf Schlag.

Zeichnerisch setzt Iwahara auf starke Schwarz-Weiß-Kontraste, realistische Proportionen und ein teilweise sehr niedliches Charakterdesign, vor allem bei den weiblichen Figuren. Besonders in turbulenten Szenen zeigt sich sein zeichnerisches Können, die in der Bewegung eingefrorenen Figuren bleiben aus jeder Perspektive realistisch. Immer wieder kommen auch große Soundwords und die sogenannten Speedlines zum Einsatz. Alles ist so geschickt eingesetzt, dass der Film im Kopf wie von alleine mitläuft.

"König der Dornen" empfiehlt sich durch die rasante Erzählweise für etwas geübtere Manga-Leser, aber auch für Neueinsteiger, die das "Phänomen Manga" mal an sich selbst ausprobieren möchten.


"König der Dornen" von Yûji Iwahara. Die sechs Bände der Serie sind bei Tokyopop erschienen, haben jeweils ca. 200 Seiten und kosten 6,50 Euro pro Stück.

Inga Steinmetz lebt in Berlin und zeichnet unter anderem die Serie "Freche Mädchen - freche Manga!", deren erster Band "Handykuss und Liebesrätsel" im Sommer bei Tokyopop erschienen ist. Mehr über Inga Steinmetz findet man auf ihrer Website.

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