Manga : Einfach mal abschalten

So amüsant übersteigert wie die Serie „Switch Girl“ thematisiert sonst kaum ein Manga die vorherrschenden Geschlechterrollen - Zeichnerin Inga Steinmetz über eine ungewöhnliche Leseerfahrung.

Inga Steinmetz
Voher-Nachher: Die Hauptfigur Nika im Off- und im On-Modus.
Voher-Nachher: Die Hauptfigur Nika im Off- und im On-Modus.Foto: Promo

Frauen können sehr kreativ darin sein, sich mit kleinen Hilfsmittel im besten Licht erscheinen zu lassen. Unerwünschte Haare werden entfernt, erwünschte Haare auftoupiert. Formende Unterwäsche bringt jedes Fettdepot dahin, wohin es gehört. In Japan, ein Land in dem das Äußere einen hohen Stellenwert besitzt, treibt man dieses Spiel teilweise noch weiter: Augenkleber für eine perfekte Lidfalte, Kontaktlinsen, die den Irisumfang vergrößeren, falsche Wimpern für den perfekten Augenaufschlag. In manchen japanischen Mädchenzeitschriften finden sich „Vorher-Nachher“-Photos, die man kaum für möglich hält.

„Switch Girl“ von Aida Natsumi thematisiert ebenfalls den „Vorher-Nachher“-Effekt aber so amüsant übersteigert, wie man es in einen Manga einer asiatischen Autorin nirgendwo anders findet. Der „On-Modus“ der Schülerin Nika ist vorbildlich: Das schlanke, immer perfekt frisierte Mädchen ist der Star ihres Jahrgangs. Sie ist beliebt, erfahren in der Liebe und kümmert sich um die Probleme ihrer Mitschüler. Ihr „Off-Modus“ zeigt allerdings ein ganz anderes Bild: Ein Mädchen, das im Sitzen den Hinterm hebt, um besser furzen zu können, muss man in einem Manga normalerweise mit der Lupe suchen. Nika, die zuhause am liebsten in ausgefranster Baumwollunterwäsche herumläuft, ist ein As im Verstecken ihres wahren Charakters. Am Wochenende macht sie nichts lieber, als mit ihrer ähnlich tickenden Familie Rabattschnäppchen in Lebensmittelgeschäften hinterherzujagen. Dabei wird die Plastiktüte auch gerne mal auf das doppelte gedehnt, damit mehr Gurken im Angebot pro Tüte abgestaubt werden können.

Kurzgefasst macht Nika alles, wofür sich ein stylisches japanisches Mädchen in Grund und Boden schämen würde: Sie ist schlampig, verfressen und hätte nichts dagegen, ihrem Schwarm Arata auch körperlich näher zu kommen. Das alles versucht sie so geschickt wie möglich zu verbergen, doch gleich im zweiten Kapitel des Manga fliegt ihre Tarnung in Gegenwart des Jungen ihrer Träume auf. Wird er sie trotz ihrer Macken lieben lernen? Und was wird aus der so herrlich ungezogenen Nika, die sich doch täglich wieder von den gesellschaftlichen Konventionen verbiegen lässt?

Verfilmt: So sieht Nika in der Umsetzung der Geschichte als TV-Serie aus.
Verfilmt: So sieht Nika in der Umsetzung der Geschichte als TV-Serie aus.Foto: Promo

„Switch Girl“ zu lesen ist ein echtes Erlebnis. Für männliche Leser könnte es teilweise erschreckend sein, wenn das Bild der holden Weiblichkeit hier genüsslich und unglaublich komisch dekonstruiert wird. Wie Nika breitbeinig auf dem Schuldach sitzt und stinkenden Fisch mit Reis isst und danach schön wie der Tag zurück ins Klassenzimmer schwebt, muss man gelesen haben. Und gerade das macht den Manga, der auch eine gleichnamige Fernsehserie inspiriert hat, so aktuell: Das Verbergen des wahren Charakters ist in Japan ein heikles Thema, denn nirgendwo sonst macht man so einen Unterschied zwischen dem „äußeren“ und dem privaten Gesicht. Doch auch in Deutschland kann man sich gut in die Thematik einfühlen, und das nicht nur als Frau.

„Switch Girl“ will schockieren und teilweise auch ekeln. Die nachdenklichen Momente haben vielleicht nicht so viel Kraft wie Nikas Entgleisungen, aber das Ziel der Autorin war neben der Parodie des reinen japanischen Frauenbildes vielleicht auch die Vermenschlichung der puppenhaften Nika. Im Vordergrund steht aber ganz klar die Unterhaltung und man kann der Autorin für ihren Witz und die überragende kreative Energie nur Respekt zollen.

Zwei Gesichter: Die Hauptfigur der Reihe auf dem Cover des ersten Bandes.
Zwei Gesichter: Die Hauptfigur der Reihe auf dem Cover des ersten Bandes.Foto: Tokyopop

Aida Natsumi: Switch Girl, bislang 17 Bände auf Deutsch bei Tokyopop, je rund 200 Seiten, je 6,95 Euro, mehr auf der Website des Verlages.

Unsere Autorin Inga Steinmetz hat bereits mehrere Manga veröffentlicht. Aktuell erschient von ihr bei Tokyopop die Serie „Alpha Girl“. Mehr dazu gibt es auf der Website des Verlages. Und noch mehr von und über Inga Steinmetz gibt es auf ihrer Website www.the-wired.de.

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