Manga : Gespensterparadies im Vorhof der Hölle

In Japan ist er ein Star, dem bereits zu Lebzeiten ein Museum gewidmet wurde. Nun können auch westliche Leser den Mangaka Shigeru Mizuki dank einer ersten englischen Übersetzung eines seiner Klassiker kennenlernen.

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Kanonenfutter: Eine Seite aus dem Buch.
Kanonenfutter: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Drawn & Quarterly

Es ist der Herbst 2005, und ich sitze in einem japanischen Zug, der bemalt ist mit den merkwürdigsten Figuren. Wären sie nicht so quietschbunt, würde ich meinen, es sei ein Gespensterzug, eine elektrifizierte Prozession der Hundert Geister, jene Darstellungstradition, auf die sich die japanische Popkultur immer wieder bezieht.

Auch Shigeru Mizuki ist in Japan hochberühmt für die Darstellung dieser unheimlichen Erscheinungen, genannt yōkai, die Zugmotive stammen aus seinen Mangawelten. Zum Teil aus der folkloristischen Mythologie übernommen, zum Teil in eigene Charaktere überführt, schwanken Mizukis Geschichten zwischen skurriler Komik und groteskem Horror. So auch in „Gegege no Kitarō“, wo jedes Abenteuer des einäugigen Protagonisten mit dem applaudierenden „gegege“ der Zikaden endet.

Mephisto, Faust und Adolf Hitler

Ich komme in Sakaiminato an, die Dämonen, Teufel und Kobolde weichen nicht von meiner Seite, weisen mir als Bronzestatuen den Weg auf der sogenannten „Mizuki-Straße“. Bald stehe ich vor dem Mizuki Shigeru Museum. Dass man ihm dies schon zu Lebzeiten errichtete, zeigt, wie wichtig Mizuki für die Mangakultur ist.

Doch wie sieht es in Deutschland aus? Hier ist und bleibt der berühmte Mangaka ein unsichtbares Gespenst.

Wie kann das sein? Im Museum lerne ich doch, dass ihn sein Interesse am Übernatürlichen sogar zweimal nach Deutschland führte. Im Manga „Akuma-kun“ (etwa: „Teufelchen“) geben sich tatsächlich Mephisto und Dr. Faust ihr Stelldichein. Und 1971 zeichnete Mizuki bereits eine Biografie über Adolf Hitler, „Gekiga Hittorā“ (etwa: „Gekiga Hitler“), ein Manga im Gekiga-Stil.

Humor und Horror: Eine Szene aus dem Buch.
Humor und Horror: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Drawn & Quarterly

Gekiga, das sind jene politischen, aus dem Papiertheater emulierten „dramatischen Bilder“, eine Manga-Richtung hervorgebracht um 1957. Aus diesem Impuls sind auch Mizukis Kriegsmanga entstanden. Mizuki, der in Rabaul stationiert war, verlor auf Papua Neu Guinea seinen Arm bei einem Luftangriff der Alliierten und erkrankte an Malaria. Dies aber brachte ihn mit den dortigen Einheimischen, den Tolai, in Berührung. Ihre im harschen Kontrast zur militärischen Wirklichkeit stehende Menschlichkeit und schamanistische Kultur, in der Mizuki eine mystische Verknüpfung zu seiner animistischen Sagenwelt sieht, sollte prägend bleiben.

Prägend auch für das gerade herausgebrachte „Onward Towards Our Noble Deaths“ (jap. „Sōin Gyokusai Seyo!“ zu Deutsch etwa „Vorwärts, Marsch, alle Mann, in den Ehrentod!“).  Der kanadische Verlag Drawn & Quaterly veröffentlicht mit diesem Werk jetzt zum ersten Mal ein übersetztes, 1973 entstandenes Manga des 1922 geborenen Shigeru Mizuki, das auf seinen autobiografischen Kriegserfahrungen im Pazifik beruht.

Mit so düsteren wie frivolen Kriegsliedern auf den Lippen schiffen sich die japanischen Soldaten ein, jenem Südseearchipel entgegen, welches das heutige Neu Guinea ist. Sie finden ein Paradies vor, das durch den Krieg allmählich zum Vorhof der Hölle mutiert.

Der größte Feind? Die eigene Führung

Wie knochenweiße Gespenster heben sich die Soldatenfiguren von der schattigen Inselkulisse ab. Ihr hoher Weißanteil macht sie vor der saftigen Vegetation noch fadenscheiniger. Und jeden Moment können aus den plastisch schraffierten Gittern des Zwielichts Mizukis Phantasmagorien entsteigen.

Menschen und Maschinen: Eine weitere Szene aus dem Band.
Menschen und Maschinen: Eine weitere Szene aus dem Band.Foto: Drawn & Quarterly

Es sind die Hintergründe, die der Zeichner realistisch in Szene setzt, detailliert, aufgeladen. Die Natur, die unbeteiligten Blicke der Papageien, das undurchdringliche Gerank, ist erhaben, geheimnisvoll betörend; dagegen gestellt: jene reduziert gehaltenen Rekruten. Diese dicken, dünnen, bebrillten, langgesichtigen, mit ausladender Kinn- oder Wangenpartie versehenen Typen wirken im Angesicht des Pazifikidylls wie Karikaturen auf das Leben selbst. Immer wieder kippt der Humor ins Grauenhafte – zum Beispiel wenn die knapp Gehaltenen sich heimlich Essenvorräte anlegen oder wiederholt von niederen Offizieren verprügelt werden.

Bereits bevor es zum Feindkontakt kommt, sterben die Soldaten wie die Fliegen, absurde Tode, episodenhafte Kollateralfälle. Immer näher rücken die Amerikaner. Ebenso wie die Kulisse sind sie realistisch gehalten, entindividualisiert, der Mangaka stellt den Krieg lediglich aus der eigenen Perspektive, aus der des japanischen Soldaten, dar. Dessen größter Feind aber scheint eigentlich die in der weihevollen Vergangenheit schwelgende eigene Führungsriege zu sein. Bald nämlich wird klar, was ihr idealisierter Ehrentod, jenes Ethos der Gefolgschaft bis in die Selbstvernichtung, für den gemeinen Soldaten bedeutet: Sinnlosigkeit, die ihren grausamen Lauf nimmt, als der Kommandant schließlich einen Selbstmordeinsatz beschließt. Doch der Angriff gestaltet sich unübersichtlich, es gibt japanische Überlebende.

In Stahlgewittern: Das Cover des Buches.
In Stahlgewittern: Das Cover des Buches.Foto: Drawn & Quarterly

Was aber geschieht mit Soldaten, die bei solch einem Banzai-Kommando einfach nicht, wie befohlen, sterben?

Es sind Erinnerungen ruheloser Geister, die Mizuki verfolgen, ihn wiederholt in diese totemartige Gespensterwelt zurückkehren lassen. Denn manchmal, im Zwielicht, so erzählt Mizuki in einem Interview, erhasche er noch immer die Schatten seiner gefallenen Kameraden, wie sie als Spuk an seinem Bette stehen.                                

Shigeru Mizuki: Onward Towards Our Noble Deaths , Drawn & Quarterly, 368 Seiten, ca. 17 Euro, Website des Verlages: www.drawnandquarterly.com.

Unsere Autorin Melanie Stumpf hat an der Universität Hildesheim Angewandte Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis studiert und im Anschluss über die japanische Popkultur promoviert. Der Titel ihrer Dissertation lautet: Im Spiegelkabinett von expressionistischem Stummfilm, Film Noir, Manga, Anime und japanischem Computerspiel“ . Ihr Forschungsaufenthalt in Japan war 2005. Derzeit arbeitet sie als Fantasy-Autorin in Berlin.

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