„Meine Tassen im Schrank“ von Ellen Forney : Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt

Schwungvoll, offenherzig - aber auch ziemlich anstrengend: Die Zeichnerin Ellen Forney verarbeitet in „Meine Tassen im Schrank“ ihr Leben mit einer bipolaren Störung.

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Hell und Dunkel im Einklang: eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Hell und Dunkel im Einklang: eine Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Egmont

In ihrer Graphic Novel „Meine Tassen im Schrank. Depressionen, Michelangelo & ich“, die gerade bei Egmont auf Deutsch erschienen ist, erzählt die Amerikanerin Ellen Forney von ihrem Leben mit einer bipolaren Störung, also davon, wie sie damit umgeht, manisch-depressiv zu sein. Das nötige Know-how für so eine schwierige persönliche Geschichte hat Forney zweifellos: Die 46-Jährige hat in Psychologie promoviert, sie unterrichtet am Cornish College of the Arts in Seattle und illustrierte Sherman Alexies Roman „Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers“, der 2007 u. a. den National Book Award gewonnen hat. Darüber hinaus brachte ihr Comicschaffen Forney bereits mehrere Nominierungen für den Eisner Award ein, die höchste US-Branchen-Auszeichnung.

Die Schilderung ihres Weges von der Diagnose Depression bis zur entscheidenden Selbsterkenntnis gestaltet Forney mit sympathisch viel Schwung und Offenherzigkeit sowie einem Schwarz-Weiß-Zeichenstil, dem man leicht verfallen kann. Dazu gibt es Diagramme, Cartoons und Seiten aus ihrem Skizzenbuch.

Bisexuelle, kiffende Vorzeige-Hipsterin

Forney beschäftigt sich mit der medizinischen Sicht ihrer Krankheit, lässt den Leser jedoch noch öfter an ihren persönlichen Erfahrungen teilhaben. Unter anderem teilt sie ungeniert die Fragen mit, die ihr im Verlauf der Behandlung begegneten. Wie sagt sie es ihrer Familie? Erkennt fortan jeder, mit dem sie zu tun hat, dass sie krank ist, und tratscht es sofort weiter? Will sie Medikamente nehmen, was möglicherweise ihre Kreativität zunichtemacht? Muss sie erzählen, dass sie sich selbst befriedigt hat, wenn ihre Therapeutin nach ihrem sexuellem Appetit fragt? Und wie soll sie zwischen Phasen, in denen sie nur so vor Energie strotzt, und gewaltigen Tiefs ohne jede Kraft, wo sie es lediglich mit Mühe vom Bett zum Sofa schafft, ihre Projekte verwirklichen?

Unter dem Regenbogen: Die Autorin auf dem Cover ihres Buches.
Unter dem Regenbogen: Die Autorin auf dem Cover ihres Buches.Foto: Egmont

Außerdem spürt Forney der Frage nach, inwieweit große Kreativität und eine affektive Störung als zwei Seiten einer Medaille zusammenhängen, wenn nicht sogar definitiv zusammengehören – genügend Beispiele von depressiven Ausnahmetalenten gibt es von Michelangelo über Paul Gauguin und Vincent van Gogh bis hin zu William Faulkner, Mark Twain und Hermann Hesse ja genug. Allerdings sorgt Forneys offensive Haltung als bisexuelle, kiffende Vorzeige-Hipsterin zugleich dafür, dass ihr autobiografischer Comic letztlich etwas zu hip daherkommt. Und das wird auf 240 Seiten dann leider doch etwas anstrengend.

Ellen Forney: Meine Tassen im Schrank, Egmont, 256 Seiten, 19,99 Euro. Leseprobe auf der Website des Verlages.

Der Blog unseres Autors Christian Endres findet sich hier: www.christianendres.de. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich hier.

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