"Muchacho" : Schweiß auf der Stirn, Moskitos auf der Haut

Reinhard Kleist hat sich mit seiner Johnny-Cash-Biografie und dem Kuba-Reisebericht "Havanna" weit über die Comic-Szene hinaus einen Namen gemacht. Für den Tagesspiegel schreibt er über das Buch eines Kollegen, das ihn besonders bewegt hat: Emmanuel Lepages "Muchacho".

Reinhard Kleist
256854_0_deb164b9.jpg
Jedes Bild ein Gemälde. Nachts beobachtet der Priester, die Hauptfigur in "Muchacho", das Leben um die Kirche.

Auf dieses Buch bin ich im Büro meines Redakteurs gestoßen. Ich arbeitete gerade an den Seiten für den "Havanna"-Band. Ein Comic, der in den Zeiten der Revolution in Nicaragua spielt, interessierte mich sofort. Also nahm ich das Buch mit und fing an, es im Zug von Hamburg nach Berlin zu lesen. Zwei Stunden später tauchte ich wieder auf, rüde von der Ansage der Zugbegleitung in die Wirklichkeit zurück geholt, im Hauptbahnhof Berlin wieder auf. Die gesamte Fahrt hatte ich im Dschungel verbracht, mir den Schweiß von der Stirn gewischt und Moskitos vom Körper verscheucht.

Ich habe selten ein Buch gelesen, geschweige einen Comic, der mich so gefesselt hat wie diese Geschichte eines jungen Priesters, der in die Wirren der nicaraguanischen Revolution gerät.

WIRECENTER
Mondlicht auf der Haut. Lepage erzählt mit sensiblen Bildern eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten, die es je in...

Der Zeichenstil ist so bildhaft, dass man die Atmosphäre der Bilder förmlich spüren, die Gerüche fast riechen und die Geräusche hören kann. Die Bilder des Künstlers Emmanuel Lepage sind dicht und unglaublich detailliert, jedes ist ein kleines Gemälde. Alleine die Bilder vom einsamen Priester, der nachts am Fenster der Kirche die Menschen in den Straßen und Häusern beobachtet, sind so eindringlich und atmosphärisch, dass man selbst als Leser das Licht des Mondes zu spüren glaubt.

Mich hat die Art und Weise der Farbgebung sehr begeistert. Für jede Situation und jeden Ort hat Lepage einen eigenen Grundton entwickelt, der die Szene in ein einzigartiges Licht taucht und dabei nie zu knallig oder zu bunt wirkt. Das ganze Buch macht einen geschlossenen Eindruck, eine sogartige Stimmung, die auch nach der letzten Seite nicht verfliegt. Mich hat "Muchacho" auch lange nach dem Ende nicht los gelassen.

Die Geschichte selbst möchte ich nur anreißen, da ich niemandem den Fluss und die Wendungen der Geschehnisse vorwegnehmen möchte. Der junge Priester Gabriel de la Serna kommt in ein abgelegenes Dorf im Dschungel Nicaraguas um dort ein Wandgemälde für die Kirche anzufertigen.

WIRECENTER
Revolutionswirren. Schonungslos führt "Muchacho" die Gewalt im nicaraguanischen Bürgerkrieg vor Augen.Alle Illustrationen aus dem besprochenen Band.

Er entdeckt die Verstrickungen des Dorfpfarrers in die Vorbereitungen zur Revolution, die Bösartigkeit des Regimes, die brutale Hatz gegen alle, die gegen das System opponieren, die Fähigkeiten und den Mut, der in ihm schlummert, und schliesslich auch seine eigene Sexualität. Die folgende Liebesgeschichte ist so sensibel erzählt und so konsequent zu Ende gebracht, dass sie in keinster Weise aufgesetzt wirkt.

Nicht nur ist dieses Buch eine spannende Abenteuergeschichte, eine Parabel über das Erwachsenwerden und die Entdeckungen an anderen Menschen und sich selbst, die man dabei macht, es ist auch eine intensive Betrachtung über die Kraft der Malerei und auch deren Gefährlichkeit, wenn man die Pfade des bloßen Beobachtens verlässt, und damit auch Verantwortung übernehmen muss den Menschen gegenüber, die einen umbegeben und die man unter Umständen in Gefahr bringt, wenn man sie abbildet.

Wunderschöne Farben, atemberaubende Settings, glaubhafte und mit großer Liebe gezeichnete Charaktere und gewiss eine der schönsten und traurigsten Liebesgeschichten, die ich je in einem Comic gelesen habe.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben