Nachruf : Auf der wilden Seite

Der Autor, Zeichner, Musiker und Verleger Martin Büsser ist tot. Sein letztes Buch ist eine illustrierte Erzählung, die ihresgleichen sucht.

Insel-Idyll. Berlin spielt eine wichtige Rolle in Büssers Erzählung.
Insel-Idyll. Berlin spielt eine wichtige Rolle in Büssers Erzählung.Illustration: Büsser/Verbrecher-Verlag

„Der Junge von nebenan“ ist ein Buch wie ein Faustschlag. Schonungslos und derb berichtet Martin Büsser in der offensichtlich autobiographisch geprägten, vergangenes Jahr erschienenen Erzählung von Kämpfen, Rückschlägen und fragilen Glücksmomenten auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Die schwergewichtige und doch scheinbar mit leichter Hand hinskizzierte Geschichte, in der es um (homo-) sexuelle Selbstfindung, politische Indoktrination und gestörte Familienverhältnisse geht, ist so grotesk wie voller kluger Reflektionen. Fantasie und Realität sind kaum trennbar, schamlose, an Exhibitionismus grenzende Bilder, wütende Texte und dazu ein rauer Humor und eine rebellisch-spielerische, vom Punk geprägte Lust an der Provokation und Hinterfragung gesellschaftlicher Normen geben dem Buch eine Wucht, wie man sie sich im deutschen Comic öfter wünschen würde.

Am Donnerstag ist Büsser im Alter von 42 Jahren in Mainz nach kurzer schwerer Krankheit gestorben, wie sein Verlag, der in Berlin sitzende Verbrecher-Verlag, jetzt mitteilte. „Martin Büsser war nicht nur ein hervorragender Kunst-, Literatur-, Film- und Musikkritiker, er war auch als Zeichner und Musiker eine herausragende Gestalt im deutschen Kulturbetrieb“, heißt es in der Mitteilung der Verleger Werner Labisch, Jörg Sundermeier, Evelyn Rahm und Doris Formanek. Büsser „ist den Verführungen des Mainstreams nie erlegen, doch hat er auch seine eigene Szene nie mit falscher Zurückhaltung kritisiert. Ohne seine Artikel, Bücher und CDs wäre die deutsche Linke heute um einiges dümmer.“

Martin Büsser, 1968-2010.
Martin Büsser, 1968-2010.Foto: Verbrecher Verlag

Der Autor hatte vor über zehn Jahren den Mainzer Ventil Verlag ebenso mitgegründet wie er die Zeitschrift „testcard“ seit 15 Jahren als Herausgeber und Redakteur geprägt hat. Er war „für uns wegweisend als Kollege und als Autor, er hat unseren Verlag von Anbeginn an mit Ratschlägen und kritischem Wohlwollen begleitet und war als Autor eine große Bereicherung“, heißt es weiter in der Erklärung des Verbrecher-Verlages. „Wir haben ihm sehr viel zu verdanken. Wir vermissen ihn sehr.“

Büssers schrieb neben etlichen Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften vor allem im linksalternativen Spektrum zahlreiche Bücher, darunter die Titel „If the kids are united. Von Punk zu Hardcore und zurück“, „Antipop. Essays und Reportagen zur Popmusik der Neunziger“,  „Popmusik“ 2000, „Lustmord, Mordlust. Das Sexualverbrechen als ästhetisches Sujet im 20. Jahrhundert“, „Pop Art“, „On The Wild Side. Die wahre Geschichte der Popmusik“ und „Antifolk. Von Beck bis Adam Green“.

Eine Tagesspiegel-Rezension seines letzten veröffentlichten Buches, der illustrierten Erzählung „Der Junge von nebenan“, steht unter diesem Link. Und einen Nachruf von Tagesspiegel-Literaturredakteur Gerrit Bartels lesen Sie unter diesem Link. (lvt)

 

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