Nachruf : Besser nörgeln

Die drei Leben des American Splendor: Comic-Autor Harvey Pekar stirbt mit 70 Jahren.

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Unbekannter Nachbar. Szene aus einem Strip, den Rick Veitch nach Pekars Vorgabe für das Magazin "New York" umsetzte.
Unbekannter Nachbar. Szene aus einem Strip, den Rick Veitch nach Pekars Vorgabe für das Magazin "New York" umsetzte.Illustration: Veitch/New York

Zum Ende hin war es dann alles zu viel: Sein ganzes Leben lang litt Harvey Pekar unter seinem Asthma, unter Bluthochdruck und Depressionen, in den letzten Jahren kam dann noch Prostatakrebs dazu. Am Montagmittag starb er in seinem Haus in Cleveland.

Wie alles in seinem Leben thematisierte Pekar auch den Kampf gegen die Krankheit: Zusammen mit seiner Frau Joyce hatte er den Comic „Our Cancer Year“ geschrieben. Es ist – wie alles von Pekar – die Geschichte eines unwichtigen Menschen. Denn dies war die geniale Idee, die Pekar vor inzwischen 35 Jahren hatte: Sein Leben als Archivar in einem Krankenhaus und seine Leidenschaft als Sammler von alten Jazz-Platten war irgendwie unspektakulär und ereignislos. Aber könnte genau dies nicht alle anderen Menschen dort draußen interessieren, deren Leben genau so unspektakulär und ereignislos verlief? „American Splendor“ wurde geboren, und weil er selber nicht zeichnen konnte, gewann Pekar für jedes neue Kapitel seiner Memoiren einen anderen amerikanischen Künstler als Illustrator. Von Robert Crumb über Dan Clowes bis hin zu Darwyn Cooke gibt es wohl keinen bedeutenden Comiczeichner, der nicht an „American Splendor“ beteiligt gewesen wäre.

Harvey Pekar - Ein Leben in Panels
Voll das Leben. Für seine Geschichten arbeitete Pekar mit zahlreichen Künstlern zusammen.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Promo
13.07.2010 19:55Voll das Leben. Für seine Geschichten arbeitete Pekar mit zahlreichen Künstlern zusammen.

Das wiederum führte Pekar Ende der 80er zu einem Dauerengagement bei David Letterman. Wortreich und mysogyn, mit quäkender Altmännerstimme zog er hier über alle möglichen Themen der amerikanischen Innenpolitik her. Waldorf und Statler, die beiden Nörgler aus der „Muppet-Show“, waren gegen Pekar Leuchttürme des Optimismus. Das Publikum liebte ihn, der Sender weniger. Pekar wurde nicht mehr eingeladen und kehrte in sein Krankenhausarchiv und zu den Comics zurück.

Erst der Kinofilm "American Splendor" von Shari Springer Berman und Robert Pulcini machte Harvey Pekar 2003 weltbekannt. Der Film gewann Preise in Cannes und Sundance, war für den Oscar und den Golden Globe nominiert. Raffiniert verschachtelt trat Pekar hier als er selber auf und spielte gegen eine Zeichentrickversion seiner selbst und den Schauspieler Paul Giamatti als Pekar an. Sehr komisch, sehr klug und vollkommen verzweifelt zeigen Comic und Film, wie mutig jemand sein kann, der einfach nur jeden Morgen aufsteht, und wie schwer es manchmal ist, unter Druck seine Würde zu bewahren.

Harvey Pekar wurde 70 Jahre alt, er hinterlässt eine Frau und eine kleine Adoptiv-Tochter.

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