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Nachruf : Ein Pionier der Graphic Novel

07.03.2013 17:08 Uhrvon
Pionierarbeit: Eine Szene aus „Silence“. Foto: PromoBild vergrößern
Pionierarbeit: Eine Szene aus „Silence“. - Foto: Promo

Seine Comicerzählung „Silence“ setzte Maßstäbe. Jetzt ist der Zeichner Comès, ein Weggefährte von Jacques Tardi, Enki Bilal und Francois Schuiten, mit 71 Jahren gestorben.

Der Belgier Didier Comès, der meistens als „Comès“ veröffentlichte, gewann bereits mit einem frühen Werk alle Preise, die zu seiner Zeit von Bedeutung waren: den „Prix Alfred“ für das beste Album in Angoulême (1981), den „Grand-Prix Saint-Michel“ und den italienischen „Yellow Kid“ (beide 1980).

Anfang der 70er Jahre hatte der Industriedesigner erste Comic-Kurzgeschichten in Magazinen wie „Spirou“ und „Pilote“ veröffentlicht und gehörte damit zur „goldenen Generation“ von Jacques Tardi, Francois Bourgeon, Enki Bilal und Francois Schuiten. Er wuchs in die „Erwachsenencomic“- Bewegung hinein und gehörte neben genannten Künstlern zum festen Autorenstamm der Comiczeitschrift „A suivre“, welche von 1978 bis 1997 vor allem Comics mit literarischem Anspruch veröffentlichte.

In seinen ersten, farbigen Geschichten suchte er noch nach einem Stil, changierte zwischen Funny und Science Fiction, und fand Ende der 70er Jahre zu seinem eigenen, unverwechselbaren Strich, der ein wenig seinem Vorbild Hugo Pratt ähnelte.

1979 dann der künstlerische Durchbruch. „A suivre“ veröffentlicht eine neue (die erste!) Schwarzweißgeschichte von Comès in Fortsetzungen, ein Jahr später bringt der Verlag Casterman die 130seitige Geschichte „Silence“ (deutsch: „Silence – der Stumme“; der Carlsen Verlag veröffentlichte den Band 1982) als Album heraus. Es ist die Charakterstudie eines stummen, vermeintlichen Dorftrottels, Knecht des Bauern Abel, der von allen nur „Silence“ genannt wird. Durch die zunehmende Feindseligkeit einiger Dorfbewohner, die alles Andersartige ablehnen und den „Zurückgebliebenen“ für ihre Zwecke missbrauchen, verbündet er sich mit der „Hexe“, einer weiteren Außenseiterin, und beschwört dadurch weiteres Unheil.

Comès´ expressive, fortan ausschließlich schwarz-weiße Grafik erreicht hier ihre Vollendung und wird unverwechselbar. Comès gelingt es mit einfachen Mitteln, suggestive, oft alptraumhafte Bilder zu schaffen, die auch erzählerische Tiefe erreichen und den Leser in einen wahren Sog ziehen. Selten gelang es einem Zeichner, Diskriminierung und Ausgrenzung in solch eindringlicher Form darzustellen. Die Geschichte wird streckenweise aus der Innenperspektive des bemitleidenswerten Silence erzählt, über dessen eigentliche Identität und Vorgeschichte man erst im Laufe der Geschichte aufgeklärt wird.

Comès Vorliebe für gesellschaftliche Außenseiter sowie immer wieder einbrechende surreale Elemente in das ansonsten realistisch geschilderte Milieu sind typische Merkmale seiner Kunst. „Silence“ ist aus heutiger Perspektive ein Vorläufer oder gar ein früher Höhepunkt der „Graphic Novel“.

Didier Comès (* 11. Dezember 1942 - 7. März 2013). Foto: CastermanBild vergrößern
Didier Comès (* 11. Dezember 1942 - 7. März 2013). - Foto: Casterman

In den Folgejahren veröffentlichte Comès weitere, ähnlich umfangreiche Comic-Romane in seinem typischen Stil, darunter „Eva“ oder „Die Wildkatze“, veröffentlicht bei der Edition Moderne.

In letzter Zeit machte er sich rar, seine letzte Album-Veröffentlichung „Dix de der“ ist von 2006. Ins Deutsche wurde er gar nicht mehr übersetzt - obwohl er 1942 im belgischen Sourbrodt während der deutschen Besatzung als Dieter Hermann, Sohn eines Deutschen und einer Französin, geboren wurde.

Zuletzt wurde 2012 eine umfangreiche Retrospektive seines Werks im Museum für Schöne Künste in Lüttich (Liège, Belgien) gezeigt, aus der ein Teil in diesem Jahr in Angoulême ausgestellt wurde. Er verstarb in der Nacht vom 6. zum 7.März 2013 an einer Lungenentzündung. Ein trauriger Anlass, dennoch Grund für die Wiederentdeckung dieses großen Künstlers. „Silence“ bleibt sein Vermächtnis.

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