• Potsdamer Neueste Nachrichten
  • Bootshandel
  • Qiez
  • zweitehand
  • twotickets
  • Berliner Köpfe
  • wetterdienst berlin

Nachruf : Jonah Hex zieht den Hut

12.05.2012 11:25 Uhrvon
Antiheld: DeZuñigas berühmteste Figur, Jonah Hex, wurde dank der Kinoverfilmung 2010 auch jenseits der Comicszene bekannt.Bild vergrößern
Antiheld: DeZuñigas berühmteste Figur, Jonah Hex, wurde dank der Kinoverfilmung 2010 auch jenseits der Comicszene bekannt. - Illustration: Tony DeZuñiga/Promo

Tony DeZuñiga war der Miterfinder des zynischen, missgestalteten Antihelden und prägte die US-Comicszene bis heute. Jetzt ist der Zeichner an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

„We are just losing too many good ones lately.“ So schreibt es Greg Hatcher anlässlich des Todes von Tony DeZuñiga auf der Webseite Comic Book Resources, und er hat völlig recht: Nach dem bereits mit Moebius, Maurice Sendak und Adam Yauch einige Künstler, die innerhalb ihres jeweiligen Wirkungsfeldes äußerst innovativ wirkten, in diesem Jahr verstarben, traf es nun im Alter von 71 Jahre einen weiteren, wenn auch hierzulande nicht ganz so bekannten Pionier der Comic-Szene.

Der gebürtige Filipino DeZuñiga begann, beeinflusst durch die Lektüre der Comics von Jack Kirby, Alex Toth und Alex Raymond, mit sechzehn Jahren als Letterer für das philippinische Wochenmagazin ‚Liwayway‘ (Tagalog für ‚Dämmerung‘) zu arbeiten, das eine bunte Mischung aus Berichten, Essays oder Fotoreportagen und eben auch Comics präsentierte. Dort traf er auf die Künstler Alfredo Alcala und Nestor Redondo. Alcala ist unter anderem bekannt durch die in Deutschland von 1972 bis 1984 erschienenen ‚Horror‘-Hefte des BSV-/Williams-Verlags und seine zeichnerische Mitarbeit an Alan Moores ‚Swamp Thing‘. Redondo fertigte 1975 eine grafisch perfekt anmutende Comic-Version der Bibel für den Verlag DC an, und das Cover von ‚Horror‘ Nr. 62 zeigt gar eines seiner generell eher raren Titelbilder. Diese beiden Zeichner wurden DeZuñigas Mentoren und ebneten ihm, rückwirkend betrachtet, durch Vermittlung ihres großen Könnens den Weg in die USA.

Josh Brolin verkörperte seine Figur im Kino

Nach dem Abschluss seines Kunststudiums auf den Philippinen studierte dieser in New York Graphic Design, kehrte aber danach in seine Heimat zurück, um als freischaffender Künstler für diverse Publikationen zu arbeiten. Ende der 1960er Jahre ging DeZuñiga erneut nach New York und startete unter der Ägide eines der damaligen DC-Redakteure, Joe Orlando, seine US-Karriere. Orlando, früher bei den umstrittenen EC-Comics tätig und der einzige Zeichner, der außer Dave Gibbons an Alan Moores ‚Watchmen‘ beteiligt war, setzte den Newcomer und ersten Filipino, dessen Arbeiten von einem großen amerikanischen Verlagshaus akzeptiert wurden, vornehmlich bei den damals populären Mystery-, Liebes- und Horror-Titeln des Verlags ein. Bekannt wurde DeZuñiga vor allem durch seine Tuschebearbeitungen der Bleistiftvorzeichnungen anderer Künstler. Er genoss in dieser Disziplin einen ähnlichen Ruf wie beispielsweise Klaus Janson, dessen Tuschearbeit für Frank Miller oder John Romita Jr. oft als kongenial bezeichnet wird.

Filipino-Invasion: Carmine Infantino, Tony DeZuniga und Alfredo Alcala auf dem Flughafen von Manila.Bild vergrößern
Filipino-Invasion: Carmine Infantino, Tony DeZuniga und Alfredo Alcala auf dem Flughafen von Manila. - Foto: Abe Ocampo/Promo

1972 erdachte DeZuñiga mit John Albano den Antihelden und zynischen Kopfgeldjäger ‚Jonah Hex‘, der 2010 von Josh Brolin verkörpert in die Kinos kam. Zu dem missgestalteten Gesicht inspiriert wurde der Zeichner laut eigener Aussage durch ein anatomisches Schaubild, welches er bei einem Besuch seines Hausarztes erblickte. Zusammen mit Sheldon Mayer entwickelte er 1973 außerdem das Konzept zu ‚Black Orchid‘, einer Superheldin, die mittels dem Zeitgeist angepassten ökologischen Touch in einer Neuauflage durch Neil Gaiman und Dave McKean 1988 noch einmal größere Aufmerksamkeit erfuhr.

Als Talentsucher prägte er den US-Comic bis heute

Eine seiner wichtigsten Taten war aber sicherlich, der Initiator einer „Filipino-Invasion des US-Comics“ gewesen zu sein: Bereits 1971 überzeugte er Joe Orlando und DC-Mitherausgeber Carmine Infantino von einem Besuch auf den Philippinen, um dort zeichnerisches Talent zu requirieren. Dies öffnete in Folge einige Türen für die bereits erwähnten ehemaligen Kollegen DeZuñigas, Alcala und Redondo - aber auch für Ernie Chan, auf Grund eines Fehlers der US-Einwanderungsbehörde jahrelang fälschlicherweise unter dem Namen Ernie Chua tätig, und Gerry Talaoc, der DCs übernatürliche Helden wie ‚Phantom Stranger‘ und ‚Unknown Soldier‘ zeichnete. Später wechselte dieser zu Marvel Comics, wo er Vorzeichnungen von dem späteren ‚Batman‘-Zeichner Kelley Jones wie auch ‚Hellboy‘-Erfinder Mike Mignola äußerst elegant mit seinem Tuschestrich veredelte.  DeZuñiga sorgte außerdem für die Anstellung eines der besten philippinischen Zeichner überhaupt, Alex Niño. Geschätzt von renommierter Comic-Prominenz wie Howard Chaykin oder Jim Steranko als „the artist´s artist“, war Niño im Laufe seiner langen Karriere für illustre Magazine von Warren oder Heavy Metal tätig und ist es heutzutage für Image Comics immer noch.

Kopfgeldjäger, Superheldin: Die beiden berühmtesten von DeZuñiga mitgeschaffenen Figuren sind Jonah Hex und Black Orchid.Bild vergrößern
Kopfgeldjäger, Superheldin: Die beiden berühmtesten von DeZuñiga mitgeschaffenen Figuren sind Jonah Hex und Black Orchid. - Foto: Promo

In Deutschland erschienen Geschichten all dieser Künstler während der 1970er und 1980er Jahre durchweg in den eingangs erwähnten ‚Horror‘-Heften des BSV-/Williams-Verlages, wie auch in den deutschen DC-Lizenzausgaben des Ehapa Verlags aus jener Zeit. Der Vorläufer des ‚Schwermetall‘-Magazins aus dem Interman-Verlag‚ ‚Star Fantasy‘ veröffentlichte zudem ab 1978 Alex Niños ‚More Than Human‘ in deutscher Sprache.

Tony DeZuñigas nicht zu unterschätzende Pionierleistung der Talentakquise und Öffnung des Marktes für philippinisches Zeichnertalent prägt den US-Comic-Markt bis in die Gegenwart, sei es nun durch Leinil Francis Yu („Supercrooks“) oder Francis Manapul („Flash“), um nur zwei der prominentesten zu nennen. Auf der Inselgruppe im Pazifischen Ozean entstehen immer wieder interessante Comics wie Gerry Alanguilans letztjährig für den Eisner-Award nominierter und auch in Europa ausgezeichneter „Elmer“, Arnold Arres „After Eden“ oder Budjette Tans „Trese“.

Erst vor kurzem hat Marvel Comics eine Talentsuche in Manila durchgeführt. Man darf gespannt auf die Ergebnisse sein, denn die philippinische Darstellungskunst zeichnet sich vorwiegend durch die Einnahme einer anderen Perspektive in der künstlerische Gestaltung aus - bestens zu erkennen bei Künstlern wie Alex Niño oder Francis Manapul. Und so wird sicherlich auch das Werk des Künstlers Tony DeZuñiga als außergewöhnlich in Erinnerung bleiben, genau wie sein stetiger Einsatz für seine Kollegen. Diese Wertschätzung hatte auch Folgen bei öffentlichen Auftritten, bei der Comic-Con San Diego wurde er auch als 69-Jähriger noch „wie ein Rockstar“ gefeiert, wie es in einer Meldung von „Philippine News“ hieß.  

Weitere Themen

Mehr

Tagesspiegel-Partner

  • Wohnen in Berlin

    Gewerbe- oder Wohnimmobilien: Große Auswahl an Immobilien beim großen Immobilienportal.

Alle Tickets für Berlin und Deutschland bequem online bestellen!

Tickets hier bestellen | www.berlin-ticket.de