Naomi Fearn : Sag beim Abschied leise „Zuckerfisch“

13 Jahre lang ließ die Berliner Zeichnerin Naomi Fearn die Leser des Comicstrips „Zuckerfisch“ an ihrem Leben teilhaben. In dieser Woche endet die Reihe in der „Stuttgarter Zeitung“.

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Das Ende ist nah! In den Strips der vergangenen Wochen thematisierte Naomi Fearn das bevorstehende Aus ihrer Reihe.
Das Ende ist nah! In den Strips der vergangenen Wochen thematisierte Naomi Fearn das bevorstehende Aus ihrer Reihe.Illustration: Naomi Fearn

Schreiend bunte Tapeten in wechselnden Mustern, die in einen psychedelischen Bilderrausch ausarten – die meisten Episoden des herrlich detailverliebten Comicstrips „Zuckerfisch“ spielen sich in Nomis Wohnung ab, die sich die kesse junge Frau mit einem schwulen Pärchen teilt – einem geschwätzigen Hasen namens Hase, der Nomis Berater in allen Lebenslagen ist, sowie einem knuddeligen Kaninchen namens Steffen, das sich ausschließlich in Bildsymbolen ausdrückt.

Nomi ist das Alter Ego der 1976 geborenen Deutsch-Amerikanerin Naomi Fearn, die seit 2001 wöchentlich einen „Zuckerfisch“-Comicstrip für die „Stuttgarter Zeitung“ zeichnet. Ursprünglich verwandelte sich die Heldin in einen Fisch, wenn sie etwas Dummes tat. Davon ist nur noch der Titel geblieben, er passt aber auch gut zum femininen, freundlich-absurden Humor der Reihe.

Nach 13 Jahren erscheint nun am 31. Juli der letzte Strip, da die Redaktion einen festen Platz für die Comic-Berichterstattung schaffen möchte.

„Bin ich die Einzige hier, die nicht schwanger ist?“

Nomi ähnelt ihrer Schöpferin, als Stuttgarterin und später Berlinerin führt sie das typische Leben einer quirligen jungen Frau, die Studentenpartys liebt und mit den Tücken des Alltags zu kämpfen hat. Der autobiografische Comic lässt den Leser nicht nur an Naomi Fearns Leben hautnah teilhaben, auch viele ihrer echten Freunde tauchen als Figuren in den Strips auf.

Es geht um den Kampf mit der Computertechnik, den Pauschalurlaub im Süden, Stuttgart 21, den Kauf von Bio-Eiern oder auch die Brustkrebserkrankung von Nomis Mutter. Einfühlsam und pointiert zitiert die Zeichnerin hierzu die antike Sage von den Amazonen, die sich die Brüste entfernten, um besser kämpfen zu können.

Inhaltlich wie ästhetisch fühlt man sich an klassische US-Family-Strips wie „Blondie“ von Chic Young oder „Gasoline Alley“ von Frank O. King erinnert, in denen die Charaktere comic-untypisch altern. Naomi Fearns filigraner Zeichenstil erzeugt in den besten Geschichten einen nachdenklichen, poetischen Unterton.

Einer der schönsten „Zuckerfisch“-Strips fängt mit einer meditativen Naturbeschreibung an: eine Schar von Störchen bedeckt den Himmel, dann regnet es plötzlich kleine Bündel auf Nomi. Die kann sie durch einen Schirm abwehren, den Anruf ihrer Freundin nicht, die „Neuigkeiten“ zu berichten hat – was in dem Aufschrei Nomis endet: „Bin ich die Einzige hier, die nicht schwanger ist?“ und Hases Kommentar: „Ich auch nicht.“

„Zuckerfisch“ (in Buchform erschienen bei Zwerchfell) war einer der eigensinnigsten deutschen Zeitungsstrips, der sogar länger existierte als Naomi Fearns Vorbild „Calvin und Hobbes“. Dem witzigen Trio ist zu wünschen, dass es ein neues Zuhause findet.

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.


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