Neue Comics von Ulf K. : Der Tod ist ein Träumer

Mit gleich drei neuen Veröffentlichungen festigt Ulf K. seinen Status als einer der bedeutendsten deutschen Comiczeichner - auch wenn nicht jedes Buch gleich gut gelungen ist.

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Leben und Tod: Eine Seite aus "Der Anfang nach dem Ende".
Leben und Tod: Eine Seite aus "Der Anfang nach dem Ende".Foto: Edition 52

Kann der Tod ein freundlicher Geselle sein? Durchaus, wenn er von Ulf K. gezeichnet wurde. Der melancholisch dreinschauende Herr mit dem Totenkopfgesicht, schwarzem Hut und Anzug muss tagtäglich Menschen, deren Uhr abgelaufen ist, zu vorgeschriebener Stunde abholen. Nur steht ihm dabei sein weiches Herz oft im Wege…

Ulf K. - der 1969 in Oberhausen geborene, in Düsseldorf lebende Ulf Keyenburg - ist seit 20 Jahren eine feste Größe unter den deutschen Comiczeichnern. Schon früh fand er seinen auf geometrische Formen reduzierten klaren Stil, der Hergés („Tim und Struppi“) Ligne-Claire-Zeichenstil zitiert und auf die Spitze treibt und auch den Einfluss der in den 80er Jahren entstandenen „Nouvelle Ligne Claire“ durch Künstler wie Yves Chaland verrät, die erwachsenere Geschichten in Hergés Stil erzählten.

In der Edition 52 wurden viele von Ulf K.s Werken veröffentlicht, etwa im Sammelband „Tango de la mort“, der viele Kurzgeschichten vereint. Seinen meist selbst erdachten Geschichten wohnt eine sanfte Poesie inne, die sich mit subtilem, oft schwarzem Humor paart.

Der Comicstrip „Der Anfang nach dem Ende“, der 2009 erstmals in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung abgedruckt wurde und nun endlich als Buch vorliegt, zeigt den Tod in seinem Alltag: bei der Morgendusche, beim Todesanzeigen-Lesen im Café - und bei zarten Annäherungsversuchen zu einer Blumenverkäuferin namens „Anna Blume“ (Kurt Schwitters populäre Dada-Figur). Dieser gutmütige Tod arbeitet als Angestellter in einer Behörde, die alltäglich neue Todesfälle bearbeitet. Wenn es seinen ethischen Grundsätzen widerspricht, greift der Tod durchaus auch ein: er rettet Schlittschuh laufende Kinder vor dem Einbrechen ins Eis, oder hilft nach, wenn sich im Kino ein übergroßer Herr ausgerechnet vor ihn setzt.

Abschied und Anfang: Das Cover von "Der Anfang nach dem Ende".
Abschied und Anfang: Das Cover von "Der Anfang nach dem Ende".Foto: Edition 52

Die ohne Worte auskommende Geschichte (Sprechblasen werden einzig für einfach zu lesende Zeichen und Symbole genutzt) ist ein mit feinem Humor und stimmigen Details versehenes Kleinod, das mit makabrem Witz verzückt, aber auch durch seinen humanistischen Geist berührt und dadurch lange nachwirkt. Das querformatige Buch entspricht dem Zeitungsstrip-Format, für das der Strip konzipiert war und erscheint in einer 500er Auflage mit signiertem Druck.

Ebenfalls in der FAZ  vorveröffentlicht wurde Ulf K.´s Adaption von Bertolt Brechts „Geschichten von Herrn Keuner“. Brecht  ließ „Herrn Keuner“ (zum Teil auch „Herr K.“ genannt) erstmals 1926 im Fragment des Stückes „Fatzer“ auftreten und schuf bis kurz vor seinem Tod 1956 sporadisch immer wieder kurze Herr Keuner-Texte, um kleine Parabeln zu erzählen - ein Nebenwerk des großen Dramatikers und Lyrikers. Für den Philosophen und Literaturkritiker Walter Benjamin hat Brecht den Namen von „Keiner“ hergeleitet, da Keuner ein Mann ohne Eigenschaften sei. Die Prosa-Miniaturen vom passionierten Denker bzw. Querdenker „Herr Keuner“ sind aus heutiger Sicht unterschiedlich gut gealtert: manche wirken zeitlos (Haifische dienen etwa als Symbol für die Bestie im Mensch, auch für Kapitalismus und Gier), andere hingegen erscheinen durch den didaktischen Lehrstück-Charakter reichlich angestaubt, Herr Keuners Postulate altklug.

Ulf K. macht jedoch das Beste daraus und konterkariert manchen Text mit schöner Ironie im szenischen Einfall, wenn er zum Beispiel Herrn Keuner als Gangster amerikanischen Stils zeichnet (Herr Keuner: „Ist es so weit, dass nicht einmal mehr der Verbrecher seines Lebens sicher ist?“). Herrn Keuner selbst hat Ulf K. mit den optischen Attributen Brechts – schmächtig, Kurzhaarfrisur, Brille – versehen, was durchaus passt, da Keuner oft auch als Alter Ego Brechts interpretiert wird.

Weniger gelungen ist die Umformatierung, die der Suhrkamp Verlag vorgenommen hat: der jeweilige Strip wird auf mehrere Seiten verteilt, einzelne Panels (meist das letzte) werden deutlich größer wiedergegeben und bekommen dadurch eine stärkere Gewichtung. Das wirkt oft aufgesetzt und der Rhythmus des Strips geht dadurch oft verloren.

Ein Highlight für Kinder ist wiederum Ulf K.s Reihe „Pelle und Bruno“. Band 2 „Wolkenkratzer“ kommt – wie „Der Anfang nach dem Ende“ - ohne Worte aus, und erzählt eine einfache, aber bezaubernde Geschichte in bunten Farben, die die Fantasie der kleinen Leser zu Höhenflügen anregen dürfte. Pelle, ein verträumter Kater, liegt auf der Wiese und betrachtet Wolkenformationen am Himmel. Da springt ihm Bruno, sein bester Freund und ein leidenschaftlicher Erfinder und Bastler, auf Springstiefeln entgegen. Gemeinsam sehen sie sich damit die Wolken aus der Nähe an… Wie, das macht sicher auch Eltern Spaß.

Alle Geschichten Ulf K.s überzeugen durch eine Leichtigkeit der Erzählung, die unter deutschen Comiczeichnern ihresgleichen sucht.

Ulf K.: Der Anfang nach dem Ende, Edition 52, 112 S., 22 €

Geschichten von Herrn Keuner, Suhrkamp Verlag, 134 S., 18,99 €

Pelle und Bruno, Reprodukt, 32 S., 10 €

Unser Autor Ralph Trommer ist Dipl.-Animator, Autor von Fachartikeln über Comics, Prosatexten und Drehbüchern. Weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm unter diesem Link.

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