Neuer Tom-Comic : Immer der Nase nach

Jeden Tag ein Triptychon: Thomas Körner ist als Zeichner Tom Kult. Jetzt erscheint ein weiterer „Touché“-Band.

Stefan Jacobs
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Absolute Narrenfreiheit: Thomas Körner in seinem Atelier in Schöneberg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Er hatte was von Hinterhof gesagt und von „so ’n bisschen versteckt“. Vielleicht deshalb hat man das Atelier in einer Schöneberger Nebenstraße irgendwie als verräucherte Rumpelbude erwartet. Doch dann steht man zwischen strahlend weißen, bilderlosen Wänden in einem gut gelüfteten Foyer, das mit einer Tischtennisplatte weitgehend gefüllt ist. An der Tür sind die Ergebnisse der letzten Arbeitspausen notiert: T:W 7:40. W ist Wolfgang, ein Wirtschaftsjournalist. Und T ist dessen Bürokollege Thomas Körner, 47 Jahre alt, Tom genannt. ©TOM, um genau zu sein. Einer, der vom havarierten Politikstudenten zu einem der erfolgreichsten deutschen Comiczeichner wurde, zu einem der produktivsten außerdem. Seit 1991 erscheint sein dreiteiliger Streifen „Touché“ täglich auf der Wahrheit-Seite der „taz“. Er arbeitet regelmäßig für den „Uni-Spiegel“, für „Finanztest“, für Ärzte-, Anwalts- und Gewerkschaftsblätter.

Jetzt ist sein neues Buch mit gesammelten Werken aus der „taz“ im Handel – den Strips Nr. 4501 bis 5000.

„Bei der taz habe ich absolute Narrenfreiheit“, sagt Tom. Die letzte Grundsatzdiskussion um seinen „Ziegel“ – das Format hat diesen Begriff geprägt – sei 15 Jahre her; seit einer Leserbefragung über die beliebtesten Rubriken der Zeitung sei jede Gefahr gebannt. Gedruckt wird alles. Zwangsläufig vielleicht, denn vieles schickt er tagesaktuell, eine Kiste mit tafelfertigen Gags hat er nicht. Das funktioniert im Alltagsbetrieb gut, wird aber vor dem Urlaub hart, wenn er auf Vorrat produzieren muss. Im besseren Fall sind ihm zuvor ein paar Ideen zugeflogen, die er – „ich hab’ ein ganz blödes Gedächtnis“ – auf Zettel geschrieben hat. Im schlechteren Fall setzt er sich hin und lässt seine Belegschaft vor dem geistigen Auge defilieren: Den sachbearbeiterhaften Teufel samt Assistent, den dürren und den birnenförmigen Bademeister, die Zeuginnen Jehovas, die Baum-Tussi mit den strähnigen Haaren, die grimmige Post-Oma. Es gibt ja tausend Möglichkeiten, wie der verschnarchte Schalterbeamte sie in den Wahnsinn treiben kann – und sie ihn. Mindestens die Hälfte davon ist in Toms Werken bereits zu finden.

Tom zeichnet mit hellblauem Stift vor und mit schwarzer Tinte nach. So werden die Entwurfsstriche auf der eingescannten, mailversandfertigen Zeichnung unsichtbar. Er arbeitet im Stehen, an einem Architektentisch, den er vor dem Sperrmüll gerettet hat. In einem großen Spiegel prüft er Posen und Mimik, damit jeder Strich sitzt. Begonnen wird immer mit der Nase; die Post-Oma dauert (inklusive Spinnwebe vom Warten am Schalter) kaum eine Minute. Die aktuelle Zeichnung auf dem Pult enthält aber eine Reparatur: ein sorgsam getilgtes und neu gemachtes „R“ in einer Sprechblase. „Erst hatte ich Probleme mit dem W, jetzt sieht das R unmöglich aus“, sagt Tom. Ordentliche Rs gehören zum Service; er will seine Fans nicht mit Schlamperei nerven.

Besonders gute Tage sind solche, an denen Tom seinen Witzfiguren im wahren Leben begegnet. Bei den relativ neu im Programm befindlichen Nordic Walkern ist die Chance wegen der Ähnlichkeit zwischen Original und Karikatur relativ groß. „In Ratgebern steht ja, man soll nur so schnell laufen, dass man sich noch unterhalten kann“, sagt Tom. „Das ist ja richtig, aber man muss sich doch nicht immer unterhalten!“ Mal bestätigt das Leben einen Gag im Nachhinein, mal liefert es die Vorlage. Wie neulich, als Tom im Globetrotter-Laden zufällig einen zehnminütigen Fachvortrag des Walkingstockverkäufers über Karbon- und Kautschukanteile belauschte, der mit der Bemerkung der Kundin „mehr als 70 Euro will ich nicht ausgeben“ jäh endete.

Auch in der von ihm erschaffenen Hypochonder-Gruppe sieht Tom noch viel Potenzial. Zu dem Zwerg, der mit seinen monstermäßigen Sandburgen den ganzen Strand verschattet, fällt ihm dagegen seit Monaten wenig ein. Prompt beschweren sich die ersten Fans, dass der Nachschub ausbleibt. Als Comiczeichner kann einem das eigene Publikum ohnehin suspekt werden, je öfter es sich meldet: taz lesende WG-Bewohner bitten in Leserbriefen um Aufklärung von Gags, die sie beim Frühstückstischplenum nicht ergründen konnten. Und andere können detailliert einen Hamster beschreiben, den Tom nach eigenem Bekunden nie gezeichnet hat.

Hundertprozentig echt in Toms schriller Truppe ist nur der eierköpfige Raucher mit der runden Brille: Ralf Sotscheck, Irland-Korrespondent der „taz“, der seiner Karikatur auf Fotos erschreckend ähnlich sieht. „Seit 15 Jahren hört der mit dem Rauchen auf“, sagt Tom. „Er sollte langsam aufhören damit.“

Wer nach einem abgebrochenen Studium und Hilfsjobs als Packer eine solche Karriere hingelegt hat, könnte sich durchaus ein paar Allüren leisten oder wenigstens ein bisschen Zynismus. Aber Tom spricht mit unerschütterlicher Milde über die Welt. Er verbreitet die Ruhe eines Menschen, der vollkommen mit sich im Reinen ist und keine Energie zur Selbstdarstellung aufwendet. Es ist ein bisschen so wie mit seinen Bildern, die – zumal für ein Blatt wie die „taz“ –bemerkenswert unpolitisch sind. Bei Tom muss höchstens mal ein Lehrer 20 Mal „Ich soll nicht jammern“ an die Tafel schreiben. Böser wird’s nicht.

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