Online-Comic : Um’s Eck gelesen

Von Links nach rechts war gestern: „Zuhause während der digitalen Revolution“ ist ein Blog in Form eines Webcomics, den man beliebig von oben nach unten und umgekehrt lesen kann. Auf Dauer jedoch kann Digirev einen mit seiner Unaufgeregtheit ganz schön aufregen.

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Lakonisch: Zwei aktuelle Panels.
Lakonisch: Zwei aktuelle Panels.Foto: digirev

Brötchen mit spitzen Enden, Nazi-Großeltern, Carhartt-Hemden, das letzte Charlotte Roche-Buch, der komische Geruch hinter der Zoo-Mauer – nahezu alles kann Ausgangspunkt für die Comic-Strips von „Zuhause während der digitalen Revolution“ werden. Seit 2005 veröffentlicht Wolfgang Buechs, laut eigener Aussage halbfreier Mediengestalter aus Frankfurt am Main, unter dem Kürzel „Digirev“ seine Alltagsbeobachtungen, lakonischen Gedankenspiele und Gespräche mit Freunden als Webcomic. Seit 2006 erscheint Digirev auch in der linken Wochenzeitung „Jungle World“, im vergangenen Jahr wurde eine Auswahl der Strips als Taschenbuch veröffentlicht.

Bemerkenswert ist Digirev vor allem deshalb, weil Buechs als einer der wenigen Webcomic-Zeichner auch die technischen Möglichkeiten des Internets zur formalen Gestaltung seiner Comics ausnutzt: Die Strips werden Bild für Bild gelesen, doch immer wieder taucht nicht nur an den linken und rechten Seitenrändern ein „Weiter“-Pfeil auf, sondern auch oben und unten. Wer will, braucht nicht linear weiterzulesen, sondern kann einfach die nächste Abzweigung nehmen. So springt man assoziativ von einem Strip in den nächsten und navigiert sich durch eine mäandernde Scrabble-Struktur von kürzeren und längeren Strips. Der Menü-Punkt „ABC“ offenbart eine weitere Funktion von Digirev, nämlich als höchst subjektives Nachschlagewerk: Hunderte Begriffe von „Acidelefant“ bis „Zwonull“ verweisen auf Strips zum gewünschten Thema. Der Fundus ist reichhaltig: 2012 bestand das Digirev-Universum bereits aus rund 2400 Einzelbildern.

Intelligenter Smalltalk – mehr nicht

Für seine innovative Gestaltung erhielt Digirev 2011 den Kurt-Schalker-Preis für grafisches Bloggen. Tatsächlich ist Digirev rein inhaltlich betrachtet ein Blog im klassischen Sinne, also eine Art öffentliches Tagebuch. In einem an Lewis Trondheim erinnernden Zeichenstil lässt Buechs verschiedene namenlose Figuren auftreten: Sie berichten von ihren Erlebnissen im Büro oder der Supermarkt-Warteschlange, erinnern sich an Jugendsünden oder ihren alten Dealer und führen viele Party-, Küchen- und Cafe-Gespräche. Thema ist der Alltag der späten Nuller-Jahre: Es geht um die „postideologische Generation“, die trotz christlichen Glaubens und Job als Zeitsoldat sympathisch ist, um depressive T-Shirt-Aufdrucke oder das letzte Portishead-Album. Pointen entstehen eher zufällig, Buechs sucht sie nicht und erzwingt sie auch nicht - was aber hin und wieder ganz schön wäre.

Öffentliches Tagebuch: Zwei aktuelle Panels.
Öffentliches Tagebuch: Zwei aktuelle Panels.Foto: digirev

Das ist alles hübsch lakonisch und unaufgeregt – vielleicht zu unaufgeregt, denn auch wenn die Figuren über Kapitalismus, den Untergang der Kursk oder eine von der S-Bahn überfahrene Frau reden, scheinen sie ihre eigenen Themen nicht wirklich zu berühren. Ihr abgeklärter Intellekt überlegt nur, welche Assoziation sich daraus ergibt. Oder auch nicht. So bewegen sich die meisten Dialoge auf dem Niveau von intelligentem Smalltalk. Buechs zeichnet – ob bewusst oder unbewusst – moderne Menschen, die mit ihrem ebenso großen wie unnützen Allgemein-Wissen nicht mehr anzufangen wissen, als damit kurze Flurgespräche zu führen.

Unbewusste Ironie als Dauermodus

Was als Stream-Of-Consciousness-artiger Webcomic, den man hin und wieder beim Surfen liest, funktioniert, funktioniert als Buch leider nicht: Das zweidimensionale Assoziieren in alle Richtungen lässt sich in gedruckter Form nicht reproduzieren. Schlimmer noch, am Stück gelesen werden eben genannte Kritik-Punkte erst wirklich sichtbar. Amüsiert und gefällt einem der beiläufige Ton der Alltagsszenen anfangs noch, wirkt er in seiner Häufung schnell selbstgefällig. Alle Gespräche laufen in einem Dauermodus von unbewusster Ironie und absoluter Nichtaufregung.

Kompakt: Das Begrüßungsbilder der digirev-Seite mit Hinweis auf den gedruckten Sammelband.
Kompakt: Das Begrüßungsbilder der digirev-Seite mit Hinweis auf den gedruckten Sammelband.Foto: digirev

Mit einem etwas distanzierteren Blick hätte daraus eine treffende Selbstreflexion über die Gegenwart werden können, so wie sie Peter Puck mit seinen „Rudi“-Comics in meisterhafter Weise für die Neunziger und frühen Nuller-Jahre abgeliefert hat. Unterm Strich bleiben: Ein formal großartiger Webcomic, ein sympathisch schlichter Zeichenstil und einige kluge Alltags-Beobachtungen, denen etwas mehr Zuspitzung sicher gut getan hätte.

Wolfgang Buechs: Zuhause während der digitalen Revolution, Ventil Verlag 2012, 112 Seiten, 15 €.
Zur Website von www.digirev.de geht es hier.

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