Peggy Adam : Von der Ausweglosigkeit erzählen

In „Luchadoras“ und dem jüngst auf Deutsch erschienenen Buch „Gröcha“ erzählt die französische Zeichnerin Peggy Adam vom verzweifelten Ringen ihrer Figuren um ein besseres Leben - und zeigt dabei eine bemerkenswerte stilistische Vielfalt.

Ute Friederich
Schatten der Vergangenheit: Eine Doppelseite aus "Gröcha".
Schatten der Vergangenheit: Eine Doppelseite aus "Gröcha".Foto: Avant

Auf den ersten Blick haben Peggy AdamsLuchadoras“ aus dem Jahr 2006 und ihre in diesem Jahr erschienene Graphic Novel „Gröcha“ nicht viel gemeinsam – weder stilistisch noch thematisch. Auf den zweiten Blick lassen sich jedoch durchaus Verbindungen zwischen den beiden Comics ziehen, die den Blick auf das jeweils andere Werk erhellen. In beiden zeigt die französische Zeichnerin Protagonisten, die in einer (scheinbar) ausweglosen Situation stecken, die sie hinnehmen müssen, ohne durch ihr Handeln etwas verändern zu können.

Alma, die Hauptfigur in „Luchadoras“, lebt in einem Klima der Gewalt gegen Frauen. Die mexikanische Stadt Ciudad Juárez, in der sie lebt, ist geprägt von Drogenkriegen und beherrscht von rivalisierenden Gangs. Auch ihr Ehemann Romel ist Mitglied in einer solchen Gang, den „Los Rebeldes“, und behauptet seinen Status mit Gewalt. Ist er eifersüchtig oder meint, dass seine Frau zu viele Widerworte gibt, schlägt er zu. Alma träumt von einem besseren Leben für sich und ihre Tochter, doch es scheint nahezu unmöglich, dem brutalen Ehemann zu entkommen, denn die Gewalt gegen Frauen wird von der Gesellschaft stillschweigend toleriert.

Klima der Angst

Diese Geschichte hat einen realen Hintergrund. Ciudad Juárez ist bekannt für seine hohe Verbrechensstatistik mit durchschnittlich sieben Morden pro Tag. Und auch die Gewalt gegen Mädchen und junge Frauen hat international Aufsehen erregt. Mehr als 400 Frauen sollen in den letzten 14 Jahren getötet worden sein, dir meisten Morde wurden jedoch nie aufgeklärt.

Dreidimensional: Originalzeichnungen und von Peggy Adam gefertigte Skulpturen zu "Gröcha" waren im Frühjahr auf dem Fumetto-Festival in Luzern zu sehen.
Dreidimensional: Originalzeichnungen und von Peggy Adam gefertigte Skulpturen zu "Gröcha" waren im Frühjahr auf dem...Foto: Lars von Törne

„Gröcha“ hingegen, das jüngste Werk von Peggy Adam, präsentiert ein fiktives Endzeitszenario. In Europa ist eine Epidemie ausgebrochen, die die Bevölkerung dezimiert und sich rasend schnell verbreitet. Jeder muss ständig ein Gesundheitszeugnis mit sich führen und auf Verlangen an Straßensperren vorzeigen. Wer keine entsprechenden Papiere vorweisen kann oder sichtbare Zeichen der Krankheit am Körper trägt, darf die Stadt nicht verlassen oder wird in eigens dafür eingerichtete Lager gebracht. Ähnlich wie in „Luchadoras“ herrscht auch hier ein Klima der Angst.

Protagonist Marc hat Glück und darf die Stadt verlassen. Er versucht aufs Land zu fliehen, in der Hoffnung, der Epidemie zu entkommen und lässt seine bereits erkrankte Freundin Emma zurück. Aber sowohl Emma als auch seine Vergangenheit holen ihn schneller ein, als ihm lieb ist. Immer wieder muss er sich mit der eigenen Verzweiflungstat auseinandersetzen - was er getan hat, wird dem Leser erst am Ende des Comics klar, denn Peggy Adam arbeitet geschickt mit Vorausdeutungen und Rückblenden und erzeugt auf diese Weise Spannung.

Andeutungen und Rückblenden: Das Cover zu "Gröcha".
Andeutungen und Rückblenden: Das Cover zu "Gröcha".Foto: Avant

Diese Art des nicht streng linearen Erzählens findet sich auch in „Luchadoras“. Der Comic beginnt mit eines Szene, in der Alma einen Verein aufsucht, der sich für misshandelte Frauen stark macht. Als sie nach dem Gespräch wieder auf die Straße tritt, lauert Romel ihr auf und greift sie mit einem Messer an. Zunächst bleibt unklar, ob Alma die Attacke überlebt hat.

Viele Fragen regen zum Wiederlesen an

Bis dahin wird erzählt, wie die gemeinsame Tochter die Leiche einer jungen Frau entdeckt, wie Alma den Touristen Jean kennenlernt und eine Affäre mit ihm beginnt und wie sie herausfindet, dass ihre Schwester von Romel schwanger ist. Obwohl Romel sie so schlecht behandelt, scheint sie tief gekränkt von diesem Betrug. Die Schuld sucht sie jedoch allein bei ihrer Schwester, die sie schließlich im Streit eine Treppe hinunterstößt. Hier zeigt sich, warum es nahezu unmöglich zu sein scheint, an der allgegenwärtigen Gewalt gegen Frauen etwas zu ändern. Noch schlimmer als einen gewalttätigen Ehemann zu haben scheint es für die Frauen zu sein, ganz ohne Mann dazustehen. So bringt auch Alma erst den Mut auf, sich gegen Romel zu wehren, als sie Jean kennenlernt und damit eine Alternative zum Alleinsein in greifbare Nähe rückt.

Ein Ausbruch aus der Ehe und damit aus der alltäglich gewordenen Gewalt scheint möglich zu sein, letztlich scheitert Alma jedoch – an festgefahrenen gesellschaftlichen Mechanismen, die sie selbst nur zu gut verinnerlicht hat. Auch Marc in „Gröcha“ scheitert. Am Ende bleibt jedoch der Eindruck, dass dieses Scheitern unausweichlich war. Gegen die Übermacht einer Naturgewalt (hier in Form der Epidemie) gibt es noch nicht einmal die Illusion, etwas ausrichten zu können. Marcs Flucht ist von Beginn an aussichtslos.

Mörderische Stadt: Das Cover zu "Luchadoras".
Mörderische Stadt: Das Cover zu "Luchadoras".Foto: Avant

Vergleicht man die beiden Comics, so ist das Scheitern des Menschen an den gesellschaftlichen Mechanismen letztlich die interessantere Erzählung, gerade weil er diese ja durch sein Handeln selbst etabliert beziehungsweise verfestigt. Natürlich muss man sich fragen, welchen Anteil der Mensch und sein Umgang mit der Natur an der zerstörerischen Kraft von Naturgewalten haben. Diese Dimension bleibt in „Gröcha“ jedoch zu sehr im Hintergrund.

Stilistisch hingegen ist der jüngste Comic von Peggy Adam das interessantere Werk. Hier arbeitet die Zeichnerin mit wesentlich mehr Grauschattierungen, die den Bildern Tiefe geben und die trotz der vorherrschenden Angst eine eher weiche Atmosphäre schaffen. Im Gegensatz dazu kommt „Luchadoras“ genauso hart daher wie die Gesellschaft, in der Alma lebt. Hier finden sich kaum Schattierungen, alle Panels sind streng in schwarz-weiß gehalten und auch die Gesichter der Figuren wirken wesentlich härter und unzugänglicher als in „Gröcha“. Doch auch da gelingt es dem Leser nur schwer, sich in die Figuren einzufühlen. Sowohl Alma als auch Marc, genau wie die übrigen Figuren, sind letztlich schwer greifbar. Und so bleiben am Ende der Lektüre viele Fragen, die mitunter zum Wiederlesen und Weiterdenken anregen.

Peggy Adam: Gröcha, Avant, 104 Seiten, 19,95 Euro. Luchadoras, Avant, 96 Seiten, 17,95 Euro. Leseproben auf der Website des Verlages.

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