Persiflage : Schöne Nichtigkeiten

Der Wiener Zeichner und Autor Nicolas Mahler legt den ersten Band seines „schriftstellerischen Gesamtwerks“ vor. Oder doch nicht?

von
319089_0_c07e3784.jpg
Geschäftsgespräch. Der Autor und sein Verleger. -Illustration: Mahler

In seinem Comic-Text-Mischbändchen „Längen und Kürzen“, das jüngst in schöner Ausstattung mit schwerem Papier und rotem Lesebändchen im kleinen österreichischen Luftschacht Verlag erschienen ist, hat Nicolas Mahler sich den Bücherbetrieb als Studienobjekt vorgenommen und „entlarvt“ laut Pressetext „nach und nach all die schönen Nichtigkeiten, um welche die literarische Welt so gerne kreist“.

Der 1969 in Wien geborene Autor und Zeichner ist ein großartiger, in seiner stilistischen Dürre genialer, hoch verdienter und in den besten Kreisen der Comicwelt zu Recht etablierter Künstler. Die Doppelseite, die Mahler regelmäßig zum Satiremagazin „Titanic“ beiträgt, ist ebenso regelmäßig eine absurde, überraschende, hoch witzige Lesefreude. Sein neues Buch jedoch, das sich im Untertitel als „Das schriftstellerische Gesamtwerk, Band I“ ausweist, muss trotz alledem und zähneknirschenderweise als Enttäuschung bezeichnet werden. 







319090_0_69d4f2d3.jpg
Dürrer Stil. Der Dialog steht auf dieser Seite eindeutig im Vordergrund. -Illustration: Mahler

Denn letztlich reproduziert das Buch, was es eigentlich persiflieren soll: Es enthält viel Form, aber wenig absurden, überraschenden oder witzigen Inhalt. Das ganze Unterfangen ist ein Rollenspiel. Ein mit „Der Autor“ unterschriebener, wie alle Texte außerhalb der Zeichnungen in Schreibmaschinenschrift gesetzter „Begleitbrief“ empfiehlt zu Beginn des Buchs einigen „sehr geehrten Damen und Herren“ sein „literarisches Schaffen zur Veröffentlichung in Ihrem Verlag.“



Es folgt ein Comic-Abschnitt, der ein Verkaufsgespräch zwischen Autor und Verleger wiedergibt: der richtige Titel, der richtige Vorschuss, einige verkaufsförderliche Änderungswünsche. Ein „Roman“ betitelter Teil beschreibt, wie ein Autoren-„Er“ darüber nachdenkt, seine Sparbücher in seinem Ideen-Zettelkasten zu verstecken. In „Briefen“, „Postkarten“ und „Faxen“, jeweils an eine gewisse Dorothee, macht sich der nur „M." genannte Erzähler so übertrieben eitle wie mitunter hübsch krause Gedanken zur Produktion und Vermarktung (Lesebändchen?) der eigenen Literatur. Gedichte gibt's auch. Kostprobe:



IN DER PORTIERSLOGE IM HAUS 1


IM REGIERUNGSVIERTEL ST. PÖLTEN



der titel
ist auf jeden fall
schon ganz
gut



Das stimmt. Mahlers neuer Band ist ein durchaus gekonntes Spiel mit den Formen. Und doch stellt sich beim Lesen und Drübernachdenken die Frage: Was soll’s? Dass es im Literaturbetrieb nicht immer nur um gutewahreschöne Kunst,

319255_0_4fbbb572.jpg

sondern auch um Eitelkeiten, um die monatliche Miete oder die Jahresbilanz geht, ist zwar nicht falsch, aber nun wirklich auch nicht neu. So charmant und ironisch Mahlers kleine Texte und Zeichnungen für sich genommen sind – dem haben sie wenig hinzuzufügen.

Nicolas Mahler: Längen und Kürzen. Luftschacht Verlag, Wien. Hardcover, 128 Seiten, 15,60 Euro.

Hier geht es zu Nicolas Mahlers Homepage. Und hier zur Verlagshomepage mit Leseproben.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben