Polit-Comic : Die Physik der Macht

Mit „Miss Tschörmänie“ gibt es jetzt die erste Comic-Biografie über Angela Merkel. Sie ist besser, als der Titel vermuten lässt

Lars von Törne
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Harte Schule. Als Umweltministerin unter Helmut Kohl sammelt Merkel ab 1994 erste Erfahrungen im Zentrum der Macht.Illustration: Sakurai

Viele Comicfiguren sind stark, weil sie unterschätzt werden. Das gilt für den unscheinbar wirkenden, aber zähen Reporter Tim (stets begleitet von seinem Terrier Struppi) wie für Superman oder Spider-Man, die im zivilen Comic-Leben schmächtig und schüchtern sind.

Da verwundert es, dass der politische Aufstieg der ebenfalls lange unterschätzten Angela Merkel erst jetzt, dreieinhalb Jahre nach ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin, zum Stoff für eine Comic-Biografie wird. Andere Regierungschefs – von Obama bis Sarkozy – wurden in ihren Ländern bereits dutzendfach in Bildgeschichten verewigt. Und auch zu Merkels Vorvorgänger Helmut Kohl gab es bereits kurz nach seinem Amtsantritt mit Peter Knorrs und Hans Traxlers „Birne – das Buch zum Kanzler“ ein Bilderbuch, das zum Bestseller vor allem bei Kohl-Hassern avancierte.

Sachkundig wird der Aufstieg der Pastorentochter nachgezeichnet

An diesem Donnerstag nun stellen der Cartoonist Heiko Sakurai und die Journalistin Miriam Hollstein offiziell ihre gezeichnete Merkel-Biografie vor: „Miss Tschörmänie – Wie aus Angie unsere Kanzlerin wurde“.

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Schluss mit nett. Neben Frank-Walter Steinmeier spielt auch Barack Obama eine Rolle in dem Buch.Zeichnung: Sakurai

Das Warten hat sich gelohnt: Anders als der alberne – auf Merkels Aussprache bei Gesprächen mit ausländischen Staatsgästen anspielende – Titel vermuten lässt, ist das Buch kein oberflächlicher Schnellschuss, wie das zuletzt bei vielen Barack-Obama-Comics der Fall war. Nein, Hollstein und Sakurai legen eine so kurzweilige wie sachkundige und – nach den Maßstäben des Mediums – durchaus fundierte Biografie vor, die den Aufstieg der märkischen Pastorentochter ins Kanzleramt nachzeichnet.

Zeichner und Autorin eint der Sinn zur pointierten Zuspitzung, ohne dabei in den Klamauk abzugleiten. Sakurais Zeichnungen sind exzellent vor allem dann, wenn er Merkel und die sie umgebenden politischen Figuren – von Förderern wie Lothar de Maizière und Helmut Kohl bis hin zu Gegnern wie Gerhard Schröder und Edmund Stoiber, aus deren Perspektive der Band erzählt wird – mit wenigen Strichen meisterhaft lebendig werden lässt.

"Man lässt die richtigen Kräfte wirken"

Das Meisterstück des Zeichners ist das Gesicht seiner Hauptfigur. Wie er mit minimalen Änderungen in der Strichführung die Stimmungen Merkels ausdrückt, wie er hinter ihren halb herabhängenden Augenlidern den Schalk und noch öfter den Kampfgeist funkeln lässt, das ist große Zeichenkunst.

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Autorin Hollstein beschreibt in geschickt ausgewählten Episoden, wie sich Merkel mit wachsendem Gespür für Machtkonstellationen und individuelle Schwächen ihrer (meist innerparteilichen) Gegner ihren Weg bahnt – und sich dabei auf eine Erkenntnis aus der Physik verlässt, die die Autoren ihr freimütig in den Mund legen: „Man lässt die richtigen Kräfte wirken, und alles geht von alleine.“

Auch an diesem Buch haben die richtigen Kräfte gewirkt: Für Polit-Junkies ist es eine Freude zu sehen, wie die zentralen Akteure der Republik mit den Mitteln der Bildgeschichte auf ihren Kern reduziert werden; für jene Comic-Fans, die sich sonst wenig für Politik interessieren, ist dieses Buch ein erhellender Schnellkurs über die Dynamik politischer Macht.

Miriam Hollstein/Heiko Sakurai: Miss Tschörmänie, 64 Seiten, 9,95 €, Eichborn-Verlag

(Aus dem gedruckten Tagesspiegel vom 2. Juli 2009)

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