Politik im Comic : Amerikanische Sintflut

Der Zeichner Josh Neufeld erlebte die Folgen des Hurrikans Katrina in New Orleans als freiwilliger Helfer. Jetzt hat er die Versäumnisse nach der Katastrophe aufgearbeitet.

Thomas Greven
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Staatsversagen. Eine Szene aus dem Buch.Illustration: Neufeld

Am 31. August 2005, zwei Tage nachdem Hurrikan Katrina über New Orleans hinweggefegt war, die Dämme rund um die Stadt gebrochen waren und sie wie eine Wanne voll lief, waren immer noch 50.000 bis 100.000 Menschen dort, sowie vermutlich einige tausend Tote. „Why didn’t they just leave the city before the storm? What is wrong with those people“?

Diese Fragen eines Radiohörers bringen einen der Protagonisten von Josh Neufelds wunderbarem, auf Augenzeugeninterviews beruhenden Buch “A.D. - New Orleans after the Deluge” zur Weißglut. Leo, der in den Fluten seine riesige Comic-Sammlung verliert, weiß nämlich um die ökonomische Dimension der Evakuierung. Er weiß, dass er auch deshalb rechtzeitig fliehen konnte, weil er nicht auf den Lohnscheck am Monatsende warten musste, sondern ihm mit Kreditkarte und per Online-Hotel-Buchung Auswege offen standen.

Die mit dieser Episode angesprochene Klassenfrage hatte in New Orleans auch eine klare Hautfarbe: Es waren vor allem die schwarzen Bewohner der ärmeren Viertel der Stadt, die dem Sturm trotzten und dann durch die Flut aus ihren Häusern zu den höher gelegenen Sammelpunkten am Convention Center und im Superdome getrieben wurden, wo sie auf ihre Evakuierung warten sollten – und lange warten mussten.

"Die wollen uns alle töten"

„They gonna open the flood gates and drown us“, „they are trying to kill us all“, so rufen einige derjenigen aus, die in der fehlenden Hilfe – „all this water and nothing to drink“ – und in den schwerbewaffneten Polizisten und Soldaten, die vor allem sich selber schützen und Menschen daran hindern, selbstständig in die höher gelegenen „besseren“ Viertel zu gelangen, mehr sehen wollen als Staatsversagen, nämlich einen rassistisch motivierten Angriff.

Neufeld, langjähriger Zeichner für Harvey Pekars „American Splendor“, hatte als Freiwilliger beim Roten Kreuz die Folgen des Hurrikans erlebt und per Blog darüber berichtet. Aus den zahlreichen Kontakten entwickelte er die Idee zu einer aus Augenzeugenberichten komponierten Chronologie der Ereignisse aus verschiedenen Perspektiven. Dieser in verschiedenen (ein- und selten zweifarbigen) Tönen gehaltenen, verwobenen Chronologie stellt er eine wortlose Einleitung voran, in der die Menschen nur Objekte der Naturgewalt sind. Am Ende des Buches berichten die fünf Protagonisten von ihrer Rückkehr bzw. ihrer Zeit nach der Flut.

"Alte, Mütter und Kinder zuerst"

Rassismus, Klasse, Staatsversagen, Ohnmacht, Verlust und Solidarität – das sind die Themen von Neufelds Buch, eine „Counter-narrative“ zur offiziellen Lesart der Katastrophe.

Die fünf Protagonisten stehen für fünf Perspektiven. Bis auf den dandy-haften „Doc“, der im French Quarter bleibt, Partys feiert und nebenbei Barbesucher ärztlich versorgt, sind sie nicht als Einzelne im Zentrum der Geschichte, sondern verkörpern mit ihren Partnern, Familien und Freunden jeweils die Erfahrung einer Gruppe: Mitteklasse-Weiße und Mittelklasse-Schwarze, die beide die Stadt rechtzeitig verlassen.

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Rassismus oder Ohnmacht? Das Cover des Buches.

Schwarze, die bleiben müssen. Einwanderer, die ihr Geschäft vor den Plünderern schützen wollen – und die wohl auch das Abenteuer suchen.

Bei aller impliziten und expliziten Gesellschaftskritik, die Neufeld betreibt, ist er schon ein wenig blind für die Schattenseiten des amerikanischen „rugged individualism“, der oft genug bewaffnet daherkommt. So sind es die „thugs“ aus den Armenvierteln, die in Abwesenheit staatlicher Ordnung am Convention Center die Massenpanik bei der (dann doch wieder ausbleibenden) Evakuierung verhindern: „Old folks go up first. An‘ then the mamas an‘ the shorties“. Mitleid mit den Eigentümern der großen Ketten, in deren Geschäften sich die Menschen die Vorräte besorgten, welche die zuständige Bundesbehörde Fema nicht oder zu spät lieferte, muss man aber nicht haben. Sie sind bekannt dafür, in ärmeren Vierteln ihre Produkte mit deutlichen Aufpreisen anzubieten.

Josh Neufeld: A.D. - New Orleans after the Deluge, Pantheon Books New York, ca. 19 Euro.

Unser Gastautor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin.

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