Politik im Comic : Milizionäre in Manhattan

Kritisch, klug, und auch noch unterhaltsam: Die Serie DMZ verbindet Fiktion, Medienkritik und politische Botschaft zu einem berührenden Gesamtwerk. Jetzt ist der sechste Sammelband auf Deutsch erschienen.

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Heimatfront. "DMZ" verlegt den Krieg nach New York.Illustration: Burchielli/Vertigo

Man mag George W. Bush einiges vorwerfen und mitunter auch nachwerfen, so lange es sich um Schuhwerk handelt, aber ein Aspekt wurde bisher vernachlässigt.

Er und die Werte, Inhalte und Positionen für die er stand, sorgten für einen angenehmen, unintendierten Nebeneffekt in der US-amerikanischen Öffentlichkeit: Aufgrund seiner fragwürdigen politischen Führung, re-politisierte sich ein nicht unbedeutender Teil der dortigen Comicszene. Erfreulich.

Innerhalb dieser Bewegung, welche Medienkritik, unverblümten Pazifismus und ein ordentliches Quantum Imperiumsschelte in sich vereint, stellen die beiden Querdenker und Wundenbestäuber Brian Wood & Riccardo Burchielli, namentlich die Väter der Serie "DMZ", ein ganz besonderes Team dar.

Ihre düstere, dystopische Vision eines durch einen neuen Bürgerkrieg zerrissenen und geteilten Amerikas beinhaltet alles, was ein kritischer und kluger Comic benötigt - Spannung, atmosphärische Dichte, visuelle Eigenständigkeit und eine nicht verdeckt argumentierende scharfe Kritik an der fortlaufenden Beschneidung der Bürgerrechte.

Manhattan, welches durch seine Insellage exakt zwischen den beiden Konfliktparteien liegt, denen der Hudson River als Demarkationslinie gilt, wird zur DMZ (De-Militarisierten Zone) erklärt und dient somit den beiden Autoren als Labor für eine gallige Abrechnung mit aktuellen amerikanischen Diskursen.

Beispielsweise die Medienmanipulation, die Nähe von Rohstoffhandel betreibenden Unternehmen zum kriegsführenden Staat und die daraus folgende merkwürdige Vergabepolitik bei Großaufträgen, aber auch die Thematiken der privaten Söldnertrupps oder der Vorwurf des gesteuerten und inszenierten Terrorismus werden nicht ausgespart.

DMZ überzeugt durch seine perfide Nähe zur tatsächlichen Realität, eine einleuchtende Dystopie gewinnt durch die minimale Nuancenverschiebung der Wirklichkeit eine sehr eindrückliche Kraft und Dynamik. Glaubwürdigkeitsdefizite sucht man in dieser Serie umsonst, die thematischen Überspitzungen sind plausibel.

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Medienkritik, Pazifismus, Imperiumsschelte. Der aktuelle Sammelband # 6.Illustration: Panini

Aktuelle Ereignisse werden forciert dargelegt, ob es nun die Milizen der Südstaaten sind, welche in diesem zweiten, inneramerikanischen Bürgerkrieg, eine prominente Rolle spielen oder ob die überstreckte, imperiale Stationierung von Truppen bemängelt wird, welche die notwendige Verlegung von ausreichend Kräfte ins Mutterland verhindert, welche notwendig wären um eine Spaltung zu verhindern - all dies ist elegant ausgearbeitet.

Aber ein anderes Verfahren macht diese Serie zu einer Ausnahmeerscheinung innerhalb der aktuellen Comicwelt, Wood & Burchielli geben sich nicht damit zufrieden, eine mögliche Realität zu entwerfen, nein, sie reichern ihre What-if-Geschichte noch zusätzlich mit realistischen Splittern der medialen Welt an.

Einige Bilder, die in der US-amerikanischen Öffentlichkeit so populär sind, dass sie inzwischen quasi ikonografisch geworden sind, werden in den Storyverlauf eingearbeitet und recodiert. Dieser Comic vermischt Fiktion, Medienkritik und politische Sendung zu einem Gesamtbild, welches den Leser selten unberührt lässt.

Wenn, um ein Beispiel auszuführen, das Bild der toten Black Hawk-Piloten aufgerufen wird, deren Leichen von einem hitzigen Mob an einer Brücke in Mogadischu hängend, medial ausgestellt wurden, so kann man dies noch durch verschiedene ideologische Distanzierungselemente von sich weisen - die Täter waren schwarze, entmenschlichte, fundamentalistische Fanatiker, Muslime, aber de facto waren es keine Täter des gleichen Kulturkreises, der gleichen Zivilisationsstufe usw.

In DMZ kommt es eben zu einer exakt gleichen medialen Ausstellung von Leichen, das Zitat dieser grausamen symbolischen Tat findet aber eben nicht im fernen Afrika statt, sondern in Downtown Manhattan, die Täter sind keine schwarzen Fundamentalisten, sondern weiße Milizionäre, in der Brutalität ihrer Taten unterscheiden sie sich jedoch nicht. Hier bricht jede mögliche Distanzierung in sich zusammen, auch dies ist neben unzähligen anderen verdammt bissig inszenierten Aspekten eine Besonderheit dieser Serie.

Wer einen klugen, hintergründigen, nicht binär argumentierenden politischen Comic erwerben will, sei es für den Eigenbedarf oder als Geschenk, der sollte es riskieren, einen längeren Blick in "DMZ" zu werfen.

Brian Wood & Riccardo Burchielli: DMZ, bislang sechs Sammelbände auf Deutsch. Die Serie erscheint bei Panini, mehr dazu
hier.

Mehr von unserem Gastautor Markus Dewes finden Sie auf seinem Blog derdigitaleflaneur.blogspot.com, mehr seiner Beiträge für den Tagesspiegel gibt es unter diesem Link.


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