Politik im Comic : Samstags ruhen die Waffen

Der Zeichner Andrea Bruno erzählt von den Folgen von Liberalisierung und Globalisierung. Dabei will er gar keine politischen Comics machen.

Thomas Greven
Düstere Visionen. Eine Szene aus Andrea Brunos Kurzgeschichte »Rifles«.
Düstere Visionen. Eine Szene aus Andrea Brunos Kurzgeschichte »Rifles«.Illustration: Andrea Bruno/Electrocomics

Dass es in Italien noch etwas anderes als „dolce vita“ und „bella figura“ gibt, konnte man in der Comic-Welt jüngst in Ulli Lusts autobiografisch geprägtem Buch „Heute ist der letzte Tag vom Rest Deines Lebens“ nachlesen. In Bologna stieß ich vor kurzem bei einem Besuch zufällig auf das Festival Internationale di Fumetto - kein Raucherwettbewerb, sondern ein Comic-Festival mit subkulturellem Unterbau. Italienische Comics mögen zwar zu Recht den Ruf von Dutzendware haben (auch Hugo Pratt entwickelte ja seine reduzierte Zeichenkunst aus der Notwendigkeit, schnell viele Seiten produzieren zu müssen), doch es gibt durchaus auch Comic-Kunst made in Italy. Auf die diesbezügliche Ähnlichkeit zu den japanischen Manga haben schon andere hingewiesen.

Auf meinem Streifzug durch das nächtliche Bologna zog mich ein Schaufenster magisch an. An den Wänden großformatige, äußerst expressive Schwarz-Weiß-Bilder, die ich auch auf Entfernung als Comic-Seiten ausmache. In dem engen Laden drängelt sich das lokale Kunstvölkchen; ich finde den zu den Wandbildern gehörenden, ebenfalls großformatigen Comic trotzdem schnell (zum Glück mit englischen Übersetzungen der Dialoge am unteren Bildrand). Die Tresenkraft stellt mich dem Künstler vor, Andrea Bruno, einem schüchternen jungen Mann, im szenetypischen schwarz gewandet. Nein, politisch sei sein Band „Sabato tregua“ nicht, meint er. Wir verlieren uns, es gibt eine Performance, quietschende Saxofone und Geigen zu an die Wand projizierter visueller Live-Kunst.

Später lese ich den Band und muss Andrea Bruno wenigstens teilweise widersprechen. Die düstere, surreale Geschichte, von der ich hier nichts weiter verraten will, ist eingebettet in eine in den Bildern und einigen Nebensätzen formulierte Globalisierungskritik: Früher, ja früher, gab es hier eine Schuhfabrik, wo man gut verdienen konnte. Jetzt aber stiehlt man deutschen Touristen ihr Auto und starrt ansonsten, als wäre man in einem Kaurismäki-Film.

Was hier angedeutet wird, zeigt unmissverständlich den Irrtum all derer, die meinen, die Politik (also die Herrschenden) müssten den Bürgern eine als richtig erkannte Politik nur besser und ehrlicher „vermitteln“ (so oder so ähnlich auch schon im Tagesspiegel zu lesen). Aber: Warum sollten die Bürger akzeptieren, für immer weniger Geld immer mehr zu arbeiten, bei immer unsicheren Bedingungen, während sie gleichzeitig zusehen müssen, wie schamlos und unersättlich die Gewinner von Liberalisierung, Privatisierung, Deregulierung, Globalisierung sich die Taschen (und steueroptimierten Nummernkonten) vollstopfen? Abnehmender Gemeinsinn, steigende Kriminalität und politische Radikalisierung sind die zwangsläufigen Folgen der wachsenden Ungleichheit. Etwas davon gibt es in Andrea Brunos eindrucksvollem Band „Sabato tregua“ (der Titel wird leider nicht übersetzt, grob wohl etwa „Am Samstag ruhen die Waffen“) zu bestaunen.

Andrea Bruno – Sabato Tregua, Bologna: Canicola, 2009. Mehr dazu auf der Website des Künstlers. Eine weitere Erzählung von Andrea Bruno gibt es - mit englischem Text - zum Herunterladen gegen eine Spende auf dem Online-Portal electrocomics unter diesem Link.

Unser Gastautor Dr. Thomas Greven ist Senior Research Fellow am Institut für Internationale Politik, Berlin, und Privatdozent am Kennedy-Institut der FU Berlin. Mehr Texte von ihm finden sich unter diesem Link.

0 Kommentare

Neuester Kommentar