Politik im Comic : Zeigen, wie es wirklich ist

David Schraven und Vincent Burmeister haben mit „Kriegszeiten“ die zweite Graphic Novel zum deutschen Afghanistan-Einsatz vorgelegt - ein zwiespältiges Werk.

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Enthüllerpose: Eine Seite aus dem Buch mit dem gezeichneten Alter Ego des Autors.
Enthüllerpose: Eine Seite aus dem Buch mit dem gezeichneten Alter Ego des Autors.Foto: Carlsen

Der Krieg begann am 11. September 2001 in Südmanhattan. Er wurde alsbald nach Afghanistan getragen und ist, elf Jahre später, egal, was sie Euch erzählen, verloren. Glaubt den Politikern kein Wort. „Eigentlich“, „tatsächlich“, „in Wahrheit“ ist nämlich alles ganz anders, als man es Euch glauben machen möchte. Das ist die Botschaft, die den Leser der Graphic Novel „Kriegszeiten“ überdeutlich von fast jeder der 128 Seiten anspringt. Ein Comic als Enthüllungswerk? Warum nicht, könnte man fragen. Jedenfalls ist das der sprachliche und zeichnerische Gestus, mit dem sich David Schraven und Vincent Burmeister dem Krieg am Hindukusch zuwenden. „Kriegszeiten. Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan“ will vor allem das: Sagen und zeigen, wie es wirklich ist.

Das gelingt auch. In Teilen. Schön geredet jedenfalls wird hier nichts. Im Gegenteil. Den Schönrednern wird ihr Schönreden der vergangenen Jahre vorgehalten, der „Nebel der falschen Worte“, wie Schraven, Journalist aus Bottrop, im Nachwort schreibt. Man möge sich kein X für ein U vormachen, kein militärisches und humanitäres Fiasko als Erfolg verkaufen lassen. Nein, nichts weniger als die Wahrheit will er ans grelle Tageslicht zerren.

Nun ist die so beschriebene, enthüllte Wahrheit nicht wirklich neu, nicht wirklich grundstürzend in der Tiefe der zu Tage geförderten Erkenntnisse, aber sie ist interessant, kurzweilig, korrekt. Und gut ins dunkeldüstere gelb-, ocker- und rotfarbene Bild gesetzt.

Es stimmt ja: Der Krieg durfte lange so nicht heißen; noch als man es längst besser wusste, galt der Bundeswehreinsatz als Friedens- und Stabilisierungsmission, herrschte das Bild vom deutschen Soldaten als Entwicklungshelfer in olivgrünem Flecktarn vor. Es ist richtig, dass in Deutschland heute „Veteranen mit verstörenden Geistern im Kopf“ leben „Menschen, die an Traumata leiden“. Ein Thema, das übrigens auch der Comicautor Arne Jysch Arne in seinem Polit-Thriller „Wave and Smile“ aufgegriffen hat, der im Sommer erschienenen ersten Graphic Novel zum Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Und es ist allemal eine vollkommen gerechtfertigte Forderung an die Politiker im Parlament, „die Arbeit und den Auftrag der Armee in einfachen Worten und klaren Bildern“ zu begründen und zu erklären - wie es genauso die Medien müssen.

„Nichts ist gut in Afghanistan“. Das Zitat der vormaligen Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Margot Käßmann, gibt dem Band das Motto vor. In Schravens eigenen Worten: „Über etliche Regionen hat die Zentralegierung die Macht verloren. Aufständische kontrollieren die Drogenmärkte und das Land. Der Krieg in Afghanistan ist verloren.“ Das stimmt.

Mit hehrem Anspruch: Das Buchcover.
Mit hehrem Anspruch: Das Buchcover.Foto: Carlsen

Aber irgendetwas berührt merkwürdig bei der Lektüre. Vielleicht ist es die Tatsache, dass Schravens Kronzeugen allesamt Soldaten sind; dass es ausschließlich die Perspektive von Soldaten ist, die den Blick auf das Geschehen bestimmt; und dass das alles in ein mit Verve vorgetragenes Plädoyer mündet, den Einsatz der „tapferen“ und „mutigen“ Soldaten zu unterstützen (Gefreite und Offiziere hätten „ein Recht darauf“), denn: „Sie kämpfen für uns.“

Und irgendetwas nervt auch. Vielleicht ist es der stolze Autor in der Pose des aufrechten Kämpfers für die Wahrheit in einem Meer vermeintlicher Ignoranz. Etwas weniger Prätenziösität wäre besser gewesen.

David Schraven und Vincent Burmeister: Kriegszeiten. Eine grafische Reportage über Soldaten, Politiker und Opfer in Afghanistan, Carlsen, 128 Seiten, 16,90 Euro

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