Politsatire : Kampf um die Krone

An diesem Freitag heiraten Prinz William und Kate Middleton. Dass nicht alle Engländer die Monarchie bewundern, zeigt der jetzt neu aufgelegte Comic „Hellblazer: Bad Blood“, in dem der britische Autor Jamie Delano gegen die blinde Verehrung der Krone wettert.

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Systemkritik: Eine Seite aus der Erzählung.
Systemkritik: Eine Seite aus der Erzählung.Foto: Vertigo

Comic-Charaktere dürfen nur selten altern, amerikanische Heftserien-Helden meist gar nicht. Nicht mal wenn sie, so wie „John Constantine: Hellblazer“ weitgehend in Großbritannien spielen. Trotzdem können die kreativen Köpfe meistens nicht widerstehen, Vergangenheit und Zukunft der zeitresistenten Figuren ausgiebig zu erkunden. Egal ob Wolverine, Spider-Man, die X-Men, Superman oder Batman – alle haben sie ihre Anfänge und ihr Ende schon auf viele Arten und Weisen erlebt und erzählt bekommen, häufig sogar mehrfach, mal innerhalb, mal außerhalb des offiziellen Kanons. Und keine Frage: Ohne Frank Millers düster-futuristisches Batman-Epos „Der dunkle Ritter kehrt zurück“ wäre die Comic-Welt eine andere, ärmere.

Auch abseits dieses bedeutsamen Klassikers gibt es einige Perlen unter den vergänglichen Gedankenspielen auf dem Zeitstrahl. Einer der ungewöhnlichsten und zugleich unterhaltsamsten Blicke in die Zukunft dürfte „Hellblazer: Bad Blood“ aus dem Jahre 2000 sein, das DC unter dem „Vertigo Resurrected“-Etikett kürzlich zum ersten Mal in einem Sammelband zusammengefasst hat – pünktlich zum aktuellen Hochzeitswahn in England. In der satirischen „Hellblazer“-Geschichte schickt Jamie Delano den von Alan Moore für seinen legendären Run an „Swamp Thing“ geschaffenen lachenden Magier und zynischen Hexer John Constantine ins England des Jahres 2025, in dem die königliche Blutlinie gehörig umgekrempelt wird.

Kettenrauchender Okkultist

Genug Hellblazer-Erfahrung für solch ein gewagtes Unterfangen hatte Delano 2000 zweifellos. Der 1954 in Northampton geborene Autor gehörte schließlich zur ersten Welle britischer Comicschaffender, die Alan Moore nach dessen Erfolg in den Kolonien ebenfalls über den großen Teich folgten und es sich mit Vorliebe bei DCs erwachsenem Verlags-Imprint Vertigo gemütlich machten, so wie auch Garth Ennis, Neil Gaiman oder Peter Milligan. Delano indes wurde sogar von Moore höchstpersönlich dazu auserkoren, die ersten Hefte der „John Constantine: Hellblazer“-Serie zu schreiben, die der Erfolg des kantigen britischen Zauberers in „Swamp Thing“ notwendig gemacht hatte (bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Brian Azzarello oder Jason Aaron haben bis heute fast ausschließlich Autoren von den britischen Inseln die mit über 275 regulären Ausgaben dienstälteste, verkaufszahlentechnisch zuletzt leider weiter besorgniserregend schwächelnde Vertigo-Monatsserie um den kettenrauchenden Okkultisten geschrieben).

Mit allen Wassern gewaschen: Eine Seite aus der Miniserie.
Mit allen Wassern gewaschen: Eine Seite aus der Miniserie.Foto: Vertigo

Ab Januar 1988 verlieh Delano dem von Moore geschaffenen Magier der Moderne in hintersinnig geschriebenen Dark-Fantasy- und Urban-Horror-Geschichten weitere Ecken und Kanten, während der zynische Constantine sich in einer sehr realen und zeitgemäßen Welt mit Dämonen, Flüchen, Geistern und dunkler Magie auseinandersetzen musste. „Der schmutzige Horror, von dem Jamie Delano erzählte, ist noch genauso politisch, scharf, gerissen und genüsslich wie bei seinem Erscheinen“, urteilt Neil Gaiman über die frühen „Hellblazer“-Hefte seines Kollegen Delano, der in seiner Karriere auch an „Captain Britain“ arbeitete oder später das ziemlich spaßige, jedoch vorzeitig zu einem Ende gebrachte „Outlaw Nation“ schrieb. Nichtsdestotrotz wird Delano immer der Autor sein, der Constantine zusammen mit seinem „Hellblazer“-Nachfolger Garth Ennis am nachhaltigsten geprägt hat.

Delano schrieb die Serie mit kurzen Unterbrechungen von 1988 bis 1991 und kehrte 1994 ein letztes Mal zu John Constantine zurück. Zwischen seinem endgültigen Abschied von der monatlichen Heftreihe und seiner Rückkehr zum 25-Jährigen Jubiläum des Charakters in der Graphic Novel „Hellblazer: Pandemonium“, in der er Constantine 2010 ins Kriegsgebiet im Irak schickte, lag nur noch eine einzige Hellblazer-Arbeit. „Hellblazer: Bad Blood“ hatte es dafür faustdick hinter den Ohren – und enthielt einiges böses, wenn auch königliches Blut.

Lady Dis unbekannte Enkelin

Bisher war die vierteilige Miniserie nie in einem Band gesammelt worden. Seit Ende vergangenen Jahres veröffentlicht DC Vertigo in „Vertigo Resurrected“ aber viele Schmankerl aus den Archiven, was insbesondere Hellblazer-Fans dankend registriert haben, wurden so doch schon einige Raritäten oder anderes zuvor nie gebündeltes Material reaktiviert. So nun auch „Bad Blood“, in dem Delano John Constantine, der auch unter späteren Autoren zwar durchaus immer mal ein bisschen älter, jedoch kein bisschen gelassener geworden ist, im Rentenalter zum Merlin der englischen Zukunft macht.

Wir schreiben das Jahr 2025. Die britische Königsfamilie ist am Boden, England steht kurz davor, einen Präsidenten zu ernennen. Auf der anderen Seite gibt es aber noch genügend glühende Verehrer der aussterbenden Monarchie, allen voran natürlich der so unrühmlich verblichenen Lady Di, die einen ähnlichen Heiligenstatus wie die Jungfrau Maria höchstpersönlich genießt. Sichtungen der heiligen Diana stehen an der Tagesordnung, der Kult um die tote Prinzessin ist längst Religion geworden und hat u. a. eine eigene TV-Plattform.

In dieser Zukunft der politischen und religiösen Verwirrung wird plötzlich enthüllt, dass Constantines junge Bekannte Dolly die Enkelin der legendären Prinzessin von Wales ist. Entsprechend schnell überschlagen sich die Ereignisse. Eine rasch produzierte Fernsehserie präsentiert dem entzweiten Volk das bisherige Leben der Erbin, die von der Enthüllung ebenso überrascht ist wie alle anderen. Sie soll die Krone retten und in die Zukunft überführen?

Dolly lässt sich nur widerwillig darauf ein – und wird prompt zum Abschussziel der neuen politischen Bewegung im Land. Als sie aufgrund einer Techno-Vergewaltigung auch noch schwanger wird und verschiedene monarchistisch und antimonarchistisch orientierte Gruppen um das Leben der künftigen Multikulti-Königin und ihres ungeborenen Kindes kämpfen, muss sich der in die Jahre gekommene Constantine entscheiden: Hält er sich raus, oder kämpft er für seine Freundin und damit die Zukunft der Krone und des gesamten Landes?

Verwirrter Republikaner

Natürlich kann er sich nicht raushalten. Zu verlockend ist das Szenario, zu schwer zu überschauen einmal mehr die große Poker-Party, als die Constantine das Leben seit jeher betrachtet, auch anno 2025. Dort hat der mit allen Wassern gewaschene Hinterhof-Magier ohne Skrupel zwar eine Lesebrille und sieht sich lieber Nacktkochen als einen weiteren Bericht über die x-te Sichtung der glorreichen Diana an – aber er ist auch derselbe harte Hund wie früher, der es wie eh und je liebt, die Strippen anderer Leute zu ziehen, seine Nase in Angelegenheiten zu stecken, die ihn nichts angehen, und sich mit Gegnern anzulegen, die trotz aller Magie wesentlich größer sind als er.

So richtig politisch motiviert ist der alte Constantine bei seinem Eingreifen allerdings nicht. Muss er freilich auch gar nicht sein, so lange es Leute gibt, die er noch weniger mag als sich selbst oder die knackige Dolly, die der alte Lustmolch im Rausch ins Visier genommen hat. Und wen interessiert in England schon Politik? Autor Delano bezeichnete sich und seinen ergrauten Constantine in einem Interview einmal als „auf typisch britische Weise verirrte Republikaner“. Deshalb versucht Constantine auch im rüstigen Rentenalter kurz vor der 70 in erster Linie seine Karten bestmöglich und ferner jeden gegen jeden auszuspielen, seinen Schnitt zu machen und der Welt vor allem wieder ein klein wenig mehr seinen Stempel aufzudrücken, was seinen besten Kumpel, den Taxi-Fahrer Chas, auch nach all der Zeit noch immer tierisch ins Schwitzen bringt.

Die „liberale Endlösung“ des markigen Zukunfts-Abenteuers um Constantine und Dianas Erbe passt letztlich wunderbar zu John Constantine und dem gesamten Ton der gut gealterten Miniserie, die noch heute viel Vergnügen bereitet. Zwar wird es zum Finale hin etwas schwierig, aber das ist schließlich ein Attribut, das auf die Mechanik vieler entscheidender Momente in Hellblazer-Comics zutrifft, egal unter welchem Autor.

Davon abgesehen ist „Hellblazer: Bad Blood“ ein ziemlich unterhaltsamer Ausflug in die Zukunft von DCs abgebrühtem Straßenmagier – mit ein paar schönen satirischen Social-Fiction-Elementen und reichlich Biss. Es ist an dieser Stelle dann auch durchaus als Kompliment gemeint, dass „Bad Blood“ genauso gut von einem inspirierten Garth Ennis oder einem motivierten Warren Ellis hätte geschrieben worden sein können.

Markig: Cover des ersten Bandes der Reihe.
Markig: Cover des ersten Bandes der Reihe.Foto: Vertigo

Schleimige Mutanten im Königshaus

Jamie Delano geht mit seinen Landsleuten und ihrer glühenden, in der Folge gerne blinden Verehrung der Krone nämlich ganz schön hart ins Gericht, obwohl „Bad Blood“ neben der Kritik auch stets für ein böses Grinsen gut ist (und das sicher nicht nur, wenn Elton Johns „Candle in the Wind“ sein Fett wegkriegt). Überhaupt haben Delano und die Zeichner Philip Bond und Warren Pleece – die man mit ihrem leichtfüßigen, cartoonigen Stil nun nicht gerade als typische Hellblazer-Künstler bezeichnen würde – sichtlich Spaß an ihrer spritzigen Episode aus Englands und Constantines Zukunft gehabt. Dass dabei die anhaltende Liebe der Briten zu ihrer auf gewisse Weise unsterbliche Lady Di so heftig aufs Korn genommen wird, war im Übrigen eine Idee der Vertigo-Geburtshelferin und langjährigen Redakteurin Karen Berger, einer der womöglich wichtigsten und einflussreichsten Frauen der Comic-Moderne.

Allerdings hat der eben bereits angesprochene Warren Ellis, dem bekanntlich vor nichts graut, schon ein Jahr vor „Bad Blood“ in einer seiner letzten Ausgaben als „Hellblazer“-Serienautor 1999 ganz schön böse in Richtung Diana geschossen und sie und das gesamte britische Königshaus zu schleimigen Mutanten gemacht - und da lag ihr Tod noch kein Jahr zurück. Die Engländer wird’s heute in beiden Fällen nicht mehr großartig stören oder gar schockieren - Kate Middleton läuft Lady Di angeblich ja längst den Rang als beliebteste Prinzessin ab. Für mehr Klatsch würde sich aber auch ein John Constantine nicht interessieren.

Dunkler Merlin

Neben allen witzigen Einfällen, all der bissigen Sozial- und System-Kritik und all den gelungenen, da erfreulich typischen Constantine-Momenten, hat „Hellblazer: Bad Blood“ dann auch noch eine Weisheit parat, die die historisch strittige Artus-Mythologie mit der Zukunft verknüpft: Denn wenn die britische Monarchie im Sterben liegt und das Königreich in Chaos und Finsternis zu versinken droht, ist tatsächlich der große Zauberer zur Stelle. Nur dass der gealterte Hexenmeister diesmal einen alten Trenchcoat trägt, nicht Merlin heißt und auch mit fast Siebzig noch der größte kettenrauchende Bastard aus Liverpool ist, den die amerikanische Comicbühne je gesehen hat.

Lang lebe die Königin? Von wegen. Lang lebe John Constantine!

Jamie Delano, Philip Bond & Warren Pleece: Vertigo Resurrected: Hellblazer – Bad Blood, 100 Seiten, DC Vertigo, $ 7,99, Sprache: Englisch, zur Verlags-Website geht es hier.

Mehr von unserem Autor Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. 

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