Porträt : Künstler und Katzen

Der Grenzüberschreiter Joann Sfar vereint jüdische Tradition, Philosophie, Erotik und Humor. Jetzt ist sein erster Kinofilm auch in Deutschland zu sehen.

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Alle Möglichkeiten der beschränkten Existenz auskosten: Eine Doppelseite aus dem Buch zum Gainsbourg-Film.
Alle Möglichkeiten der beschränkten Existenz auskosten: Eine Doppelseite aus dem Buch zum Gainsbourg-Film.Foto: Dargaud

Wenn am 14. Oktober das Regie-Erstlingswerk von Joann Sfar in die deutschen Kinos kommt, Gainsbourg - Der Mann der die Frauen liebte (zur Tagesspiegel-Filmrezension geht es hier), wird hierzulande ein breites Kinopublikum erstmals einen der produktivsten Künstler Frankreichs kennenlernen. Allein die Zahl seiner jährlichen Comic-Veröffentlichungen stellt Sammler vor eine Herausforderung. Joann Sfar mag ein manischer Arbeiter sein, seine Bücher werden dadurch allerdings nicht zum Fließbandauswurf: Er gehört zu den herausragenden Vertretern der neunten Kunst.

Nachdem er in seiner Heimatstadt Nizza Philosophie studiert hatte, besuchte der heute Neununddreißigjährige die École des Beaux-Arts in Paris. Seine Erzählungen sind ebenso philosophisch inspiriert wie von der jüdischen Mythologie, mit der er seit seinem siebten Lebensjahr aufwuchs. Eine überbordende Fabulierlust spielt mit einem ausgeklügelt-derben Humor, bei dem sich künstlerische Ambitionen mit sexuellen Eskapaden vermischen und die Dreistigkeit von Katzen mit jüdischer Erziehung.

Seit seinem Comic-Debut 1994 hat Joann Sfar über hundert Werke im Alleingang oder in Zusammenarbeit mit anderen Szenaristen und Zeichnern hervorgebracht. Viele seiner Lieblingsfiguren wieDie Katze des Rabbiners oder Pascin (beide beim avant-verlag), ein jüdischer Maler des Expressionismus, erleben die Welt als teilnehmende Beobachter, die viel zu sehr in ihrem eigenen Wesen gefangen sind, als dass sie eine feste Brücke zu den Menschen um sich herum bauen könnten. Im Gegensatz zu ihnen ist Sfar alles andere als ein Einzelgänger: Er liebt es, sich bei der Arbeit mit Freunden zu umgeben, gesteht allerdings ein, dass seine Comics auch ein Mittel sind, „meine Freunde zu beeindrucken“.

Ein Disneyland für todesmutige Abenteurer

Dass dieser Antrieb paradoxe Folgen nach sich ziehen kann, zeigt sich bei der Fantasy-Satire „Donjon“ (auf Deutsch bei Reprodukt), die er mit Lewis Trondheim ins Leben rief. Die ersten Bände des „Donjon“ , einer Art Disneyland für todesmutige Abenteurer, gestalteten die beiden noch selbst und holten anschließend Freunde wie Manu Larcenet, Christophe Blain, das Künstlerduo Kerascoët oder auch Killoffer ins Boot, die sowohl die Zeichnungen beisteuerten als auch offensichtlich an der Donjon-Saga weiterschrieben. Die Geschichte hat sich auf diese Weise zum Experimentierfeld für stilistische und erzählerische Versuche entwickelt. Wie durch ein Prisma betrachten die Leser die ursprünglich von Sfar und Trondheim erdachte Welt in immer neuen Brechungen und Perspektiven. Aus dem Beeindrucken-Wollen ist ein Beeindruckt-Werden-Wollen geworden.

Heldenleben: Covermotiv des Buchs zu Sfars Gainsbourg-Film.
Heldenleben: Covermotiv des Buchs zu Sfars Gainsbourg-Film.Foto: Dargaud

Doch Joann Sfar verfolgt den Weg zu einem unbekannten Ziel mit den zahlreichen Serien, die er beginnt, mit Vorliebe alleine, lässt ebenso seine Figuren von einem seiner Erzähluniversen in ein anders springen wie er immer wieder ein anderes Publikum anspricht: Kinder, Junggebliebene oder reflexionssüchtige Erwachsene mit gehobenen Unterhaltungsanspruch. In dem Comic zum Film (bislang nur auf Französisch bei Dargaud) trifft sein eigener Gainsbourg ebenso die sprechende Katze des Rabbiners als auch Pascin: Wie Gainsbourg leben beide ein vie héroïque (der Untertitel des Films im Original), ein Heldenleben, das alle Möglichkeiten der jeweils beschränkten Existenz auskosten will.

Herbert von Karajan sagte einst in einem Interview, dass Künstler für ihn wie Katzen sein müssten: Wenn sie springen wollten, wüssten sie auch, dass es gelingen würde. Joann Sfar wendet bei seiner Künstlerserie Klezmer (bei avant) eine Aquarelltechnik an, bei der die Farben ein eigenes Dasein jenseits der Konturen haben: Seine Künstler springen aus sich heraus, aber sie wissen, dass sie dort landen werden, wo sie wollen.

Zur Website von Joann Sfar geht es hier.

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