Punk-Comic : Verliebte Jungs

Reinhard Kleist („Cash“, „Castro“) gehört zu den wichtigsten Comicautoren der Gegenwart. In seinem Gastbeitrag empfiehlt er ein kompromissloses, fesselndes Comicdebüt aus Hamburg: „Punkrock Heartland“ von Andi Lirium.

Reinhard Kleist
Ohne Wenn und Aber: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.
Ohne Wenn und Aber: Eine Seite aus dem besprochenen Buch.Illustration: Andi Lirium, Männerschwarm

Aufmerksam auf diesen Band bin ich bereits vor mehr als zwei Jahren beim Comicsalon in Erlangen geworden. Dort lag eine Mappe mit Skizzen eines Hamburger Studenten aus. Auf den Skizzen konnte man erkennen, dass es sich um eine schwule Punkergeschichte handelte, die Zeichnungen waren ruppig, manchmal derbe und ließen dazwischen Anklänge an Loisel erkennen. Und viel Talent. Im Frühjahr diesen Jahres ist nun sein Comicband „Punkrock Heartland“ erschienen, und der Zeichner Andi Lirium muss in der Zwischenzeit hart gearbeitet haben: Auf 174 prall gefüllte Seiten bringt es das Werk. 

Dramen zwischen Knast, Bauwagen und Abbruchhäusern

Die Geschichte wird erzählt von Bastian, einem jungen und ziemlich unangepassten Punk. Der verliebt sich in den schönen Punker Zottel, der sich nicht entscheiden kann, was er wirklich will: Eine heiße Affäre mit Bastian anfangen oder eine Familie gründen mit Heike. Als er es dann tut, ist es zu spät.

Dazwischen entspinnt sich ein Geflecht aus Beziehungen, Sehnsüchten, Eifersüchteleien und Dramen zwischen Knast, Bauwagen, Abbruchhäusern und Straßen. Das Ganze ist in einem wilden, dem Thema sehr angemessenen Strich erzählt.

Was ich bei vielen Graphic Novels und autobiografischen Comics oft vermisse, ist hier über alle Maßen erfüllt: Dieser Mann hat einfach was zu erzählen, und das tut er ohne Wenn und Aber. Die Panels brechen über den Leser hinein mit einer Wucht, die zwischen in ihren Stil verliebten Arbeiten dieses Genres ihresgleichen sucht. Auch wenn es dem Leser schon einiges abverlangt sich durch diese überbordenden Panels zu kämpfen, bleibt die Geschichte spannend und entwickelt einen ganz beachtlichen Sog. Einige Rückblenden muten zuerst etwas verwirrend an, aber im Lauf der Geschichte kommt man auch damit zurecht. 

Was wirklich biografisch ist, bleibt ein Geheimnis.

Andi merkt man die Passion für seine Geschichte auf jeder Seite an. Auch für schöne Männer, die er sehr gekonnt in Szene setzt und denen er eine enorme charakterliche Tiefe verleiht, indem er ihre Vergangenheit in Rückblenden erzählt.  Dass Andi die weiblichen Figuren dabei etwas aus den Augen verliert, sei ihm entschuldigt.

Was mich jedoch am Meisten beeindruckt hat, ist die Tatsache, dass hier jemand wirklich auf alle Konventionen gepfiffen hat und seine Geschichte, die auch auf seiner eigenen Biografie fußt, auf die kompromisslose Art umsetzt, die diese Geschichte verlangt. Die Wucht seines Buches ist am ehesten vergleichbar mit einem Film wie „Oi warning!“.

Besonders eine Stelle im Comic hat es mir angetan: Der junge Russe Jannick wird wegen eines Raubes vor Gericht gestellt. Da er kaum Deutsch spricht, wird er zu einer drakonischen Strafe verurteilt. Andi katapultiert uns direkt in Jannicks Situation, indem er die Sprechblasen der Anwälte und Richter in der Verhandlung auf den Kopf stellt und somit erst einmal unlesbar macht. Jannicks Entzug im Knast ist in einer fast schon körperlichen Intensität dargestellt und seine spätere Sozialisation in der Knasthierarchie sind fesselnd und glaubhaft dargestellt. Wie viel davon erfunden oder tatsächlich biografisch ist, bleibt Andis Geheimnis.

Von dem ruppigen ersten Anschein sollte man sich nicht abhalten lassen, diesen Comic zu lesen und dem Ratschlag des Autors auf dem Titel zu verfolgen: Read twice at least!

Andi Lirium: Punkrock Heartland, Männerschwarm-Verlag, 176 Seiten, 18 Euro, mehr unter diesem Link.

Unser Gastautor Reinhard Kleist ist einer der wichtigsten deutschen Comiczeichner der Gegenwart. Vor kurzem ist sein neues Buch „Castro“ (Carlsen-Verlag, 288 Seiten, 19,90 Euro) erschienen. Es beschreibt die Lebensgeschichte des Maximo Lider und den Verlauf der kubanischen Revolution bis in die Gegenwart aus der Perspektive eines Journalisten. Zu Reinhard Kleists Homepage geht es hier, weitere Tagesspiegel-Artikel von ihm finden sich hier.



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