Rutu Modans "Das Erbe" : Großmutters Geheimnis auf der Spur

Rutu Modans neue Graphic Novel "Das Erbe" verbindet in klaren, eleganten Bildern Vergangenheit und Gegenwart, Trauma und Lebensfreude- einer der besten Comics des Jahres.

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Comic-Regisseurin: Rutu Modan.
Comic-Regisseurin: Rutu Modan.Foto: Lars von Törne

Nichts ist, wie es scheint in diesem Buch. Die Reise der israelischen Rentnerin Regina Segal nach Warschau dient offenbar nur vordergründig der Sicherung des während der deutschen Besatzung verlorenen Familienbesitzes. Mit Glück und detektivischem Spürsinn kommt die mitgereiste Enkelin Mika nach und nach hinter ein dunkles Familiengeheimnis, dessen volle Tragweite auch die geheimniskrämerische Großmutter nicht kannte. Vergangenheit und Gegenwart, Trauma und Lebensfreude liegen in dieser klug konstruierten Erzählung dicht beieinander.

In klaren, an Tim-und-Struppi-Schöpfer Hergé erinnernden Bildern führt die israelische Zeichnerin tief in die israelisch-polnisch-deutsche Geschichte und erzählt zugleich reflektiert und unterhaltsam von der Gegenwart. Dank ihres enormen zeichnerischen Könnens, ihrer genauen Beobachtungsgabe und ihres ironischen Witzes folgt man der Autorin gerne auch durch traurige, schmerzhafte Wendungen, die die von der Familiengeschichte der Autorin inspirierte Erzählung bereithält.

Wie bereits in ihrer vor dem Hintergrund der zweiten Intifada spielenden Erzählung "Blutspuren" agieren die Figuren wie auf einer Theaterbühne - was auch daran liegt dass Modan ihre Szenen tatsächlich mit Schauspielern inszeniert, bevor sie sie zu Papier bringt. Das wirkt jedoch nie gekünstelt, sondern vermittelt dank der psychologisch fundierten, eigensinnigen Charaktere und der sensiblen Kombination von Dialogen und ruhigen Bildstrecken das Gefühl, einer realen Entdeckungsreise zu folgen - einer der besten Comics des Jahres.

Rutu Modan : Das Erbe, Carlsen, 224 Seiten, 24,90 Euro. Ein ausführliches Interview mit Rutu Modan gibt es unter diesem Link.

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