Sarah Burrini : Mein wahnwitziger Alltag

In Sarah Burrinis Webcomic „Das Leben ist kein Ponyhof“ trifft Facebook-Vokabular auf Psychoanalyse. Jetzt gibt es einen dritten Sammelband.

Marie Schröer
Auf klassischen Spuren: Der Auftakt zu einer von "Little Nemo in Slumberland" inspirierten Episode.
Auf klassischen Spuren: Der Auftakt zu einer von "Little Nemo in Slumberland" inspirierten Episode.Illustration: Sarah Burrini

„Kann ich eigentlich mein eigenes Unterbewusstsein entfreunden?“ fragt Nerd Girl alias Sarah in einem Strip des dritten Bandes der Webcomic-Compilation von „Das Leben ist kein Ponyhof“. Die Frage lässt sich glücklicherweise mit Nein beantworten. Sonst müssten wir wohl auf einen nicht geringen Teil der Episoden verzichten, die dem alltäglichen Wahnsinn exzessiv frönen.

Die eingangs zitierte Frage stellt der semi-autobiografische Avatar der Autorin Sarah Burrini angesichts eines unfreiwilligen Ausflug ins „Slumberland“ und damit in die Welt der großen Comic-Klassiker. „Little Sarah in Slumberland“ ist eine Reminiszenz an die fantastischen Traumwelten, die Winsor McCays kleiner Nemo nächtens besucht. Burrini spielt mit der viel gerühmten Ästhetik des Jahrhundertwende-Zeitungscomics, eine Übung die in einem wilden Mix mündet: Pop Art Nouveau sozusagen, oder auch psychedelic Jugendstil, farbenfroher und noch abgedrehter als das Original. Wie in der Vorlage trifft auch Sarah auf seltsame Gefährten: Einen jugendstilsicher dekorierten Elefanten, der verkündet, ihr „künstlerisches Selbstbewusstsein“ zu repräsentieren bevor sein Rüssel sie verschluckt. Und ein adrettes Pferdchen, dass ihr die Früchte ihrer Arbeit präsentieren möchte, die sich als von Würmern zersetztes Schimmelobst erweisen.

„Autobiographische Comics sind mir zur weinerlich“

Fans ihrer Arbeit kennen die beiden natürlich schon: Ngumbe, der Elefant, und Butterblume, das Pony, sind zwei ihrer ständigen animalischen Begleiter. Diese sorgen dafür, dass Burrinis Comics trotz autobiografischer Färbung eher dem humoristischen Dialog als der monologisierenden Nabelschau verhaftet sind.

Dass Sarah nach dieser Episode ihr Unterbewusstsein entfreunden will, zeigt, dass ihre Comicwelten nicht nur ästhetisch Grenzen überschreiten. Hier trifft Facebook-Vokabular auf Psychoanalyse. Andernorts zitiert sie je nach Gusto Umberto Eco oder legt einem Batman ob seiner Ignoranz gegenüber seiner eigenen Comics trotzig-sarkastische Worte in den Mund: „Pfff, autobiographische Comics sind mir zur weinerlich.“

Alter Alter Ego: Nerd Girl in einer kürzlich auf sarahburrini.com veröffentlichten Episode.
Alter Alter Ego: Nerd Girl in einer kürzlich auf sarahburrini.com veröffentlichten Episode.Foto: Sarah Burrini

Gänzlich unprätentiös kommen sie und ihr Webcomic daher, mal demonstrativ albern, mal absurd komisch, mal bitterböse und zynisch, oft ernst und reflektiert – und fast immer selbstironisch und doppelbödig.

Thematisch ist alles dabei. Die Strips präsentieren die Skurrilitäten des teils prekären Lebens als Webcomic-Autorin, parodieren Superhelden-Narrative (in ihrer zweiten Identität ist Sarah „Nerd-Girl“ oder auch, noch unglamouröser, „Dings-Girl“), kommentieren rechtspopulistische Umtriebe, genauso wie den desaströsen Zustand der deutschen Fernsehlandschaft, Versagensängste oder konventionelle Geschlechterrollen.

Die eigene Erfahrung lehrt: Es lohnt sich auch für die auf Graphic Novels abonnierte Leserschaft, die Webcomic-Berührungsängste zu überwinden und sich dem farb- und einfallsreichen Spektakel hinzugeben.

Sarah Burrini: Das Leben ist kein Ponyhof, Band 3: Nerd Girl gibt nie auf, Panini books, 96 Seiten, 12,99 Euro.

Im vergangenen Jahr gehörte Sarah Burrini der Tagesspiegel-Jury zur Wahl der besten Comics des Jahres an - ihr Urteil ist hier zu finden. Und zu Sarah Burrinis Blog geht es hier

Heroisch: Das Cover des aktuellen Sammelbandes.
Heroisch: Das Cover des aktuellen Sammelbandes.Foto: Panini

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