Satire aus der Türkei : Witziger als Erdogan erlaubt

Wer Karikaturen über den Präsidenten macht, lebt gefährlich. Das Buch "Schluss mit Lustig" gibt einen Einblick in aktuelle Satire der Türkei.

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Zu Gast beim Sultan. Die Zeitschrift "LeMan" würdigte die Besuche von Angela Merkel bei Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2016. Foto: Aus dem besprochenen Buch
Zu Gast beim Sultan. Die Zeitschrift "LeMan" würdigte die Besuche von Angela Merkel bei Recep Tayyip Erdogan im Jahr 2016.Foto: Aus dem besprochenen Buch

Recep Tayyip Erdogan versteht keinen Spaß. Spätestens nach den Kontroversen um Jan Böhmermann und Extra 3 ist klar, dass jeder, der sich über den türkischen Präsidenten lustig macht, mit Klagen, Repressionen und Inhaftierung rechnen muss. Eine harmlose Karikatur, die Erdogan als Katze zeigte, brachte der türkischen Satire-Zeitschrift „LeMan“ 2010 eine Klage ein. Der Zeichner, Musa Kart, ist unter den 17 Journalisten der Traditionszeitung „Cumhuriyet“, denen wegen des Vorwurfs, Terrorismus zu unterstützen, der Prozess gemacht wird. Kart wurde am Freitag vor einer Woche mit sechs Mitarbeitern der Zeitung vorläufig freigelassen, der Rest der Redaktion ist weiterhin in Haft.

Das Buch erscheint mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes

Angesichts solcher Zustände sollte man meinen, dass der Beruf des Satirikers in der Türkei vom Beliebtheits-Grad gleich hinter „PKK-Anhänger“ und „Oppositions-Führer“ rangiert. Doch bekanntlich ist Satire umso besser, schärfer und relevanter, je schlechter die politischen Verhältnisse sind. Dies beweist auch „Schluss mit Lustig – Aktuelle Satire aus der Türkei“. Das Buch, das von der Journalistin Sabine Küper-Büsch herausgeben wurde, präsentiert erstmals die ganze Bandbreite der in Deutschland nahezu unbekannten Comic- und Cartoonisten-Szene der Türkei. Pikantes Detail: Das Buch erscheint mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes, das sonst strikt um diplomatische Neutralität bemüht ist.

Der Nächste bitte: „Uykusuz“gehört zu den wichtigsten Satiremagazinen der Türkei. Foto: Aus dem besprochenen Buch
Der Nächste bitte: „Uykusuz“gehört zu den wichtigsten Satiremagazinen der Türkei.Foto: Aus dem besprochenen Buch

46 prominente Zeichnerinnen und Zeichner sind in dem Band vertreten, der anlässlich der Ausstellung „Caricatura 7“ in Kassel entstanden ist. Wie brisant die Lage in der Türkei ist, zeigt der Umstand, dass einige der Zeichnungen, die in dem Buch enthalten sind, nicht auf der Ausstellung gezeigt werden konnten, denn gegen sie laufen derzeit Ermittlungsverfahren.

Dazu zählt auch ein Titelbild der Zeitschrift „Uykusuz“, die zusammen mit „Le Man“ zu den wichtigsten Satiremagazinen der Türkei gehört: Es zeigt Studierende, die vor dem Referendum von der Polizei verprügelt wurden, weil sie Handzettel gegen das Präsidialsystem ausgeteilt hatten. „Wir markieren schon mal diejenigen, die mit ‚Nein' stimmen werden“, kommentiert ein Polizist dazu. Der Redaktion von „Uykusuz“ wurde daraufhin mitgeteilt, dass gegen sie ermittelt wird, aber nicht, wegen welchem Tatbestand – ein Szenario wie aus einem Kafka-Roman.

Zeitschriftenhändler am Verkauf gehindert

Doch den Satirikern macht noch Anderes zu schaffen: Ständig werden sie mit Hassnachrichten überschüttet und müssen verleumderische Karikaturen über sich ergehen lassen, die von regierungstreuen Propaganda-Zeichnern in den sozialen Netzwerken verbreitet werden. Und obwohl die Satirezeitschriften im Gegensatz zu den Zeitungen des Landes immer noch unabhängig sind, gehen ihre Leserzahlen zurück: Zum einen werden vor allem in der Provinz Zeitschriftenhändler am Verkauf gehindert, zum anderen werden auch in der Türkei immer weniger Print-Medien gelesen, der Trend geht zu Online-Satireseiten wie „Zaytung“. „Penguen“, eines der meistgelesenen Magazine, stellte im Mai seine Produktion ein.

Das Cover des Buches „Schluss mit Lustig – Aktuelle Satire aus der Türkei“. Foto: Avant
Das Cover des Buches „Schluss mit Lustig – Aktuelle Satire aus der Türkei“.Foto: Avant

„Ich habe noch nie so viel Druck und Anspannung erlebt wie heute“, sagt Tuncay Akgün, der seit mehr als 30 Jahren Karikaturen zeichnet. „Selbst nach dem Militärputsch 1980 war die Situation nicht so repressiv.“ Eine wortlose Schwarzweiß-Zeichnung von Bahadir Baruter bringt es auf den Punkt: Es zeigt mehrere Karikaturisten an ihren Tischen, über denen große Steinblöcke schweben.

Baruters düstere Schraffur-Zeichnungen gehören zu eindrucksvollsten Arbeiten, die in „Schluss mit Lustig“ enthalten sind, doch der Band zeigt auch zahlreiche urkomische Karikaturen und Comics verschiedenster Stile, zum Beispiel eine Geschichte von Ersin Karabulut, der vom Berliner Comiczeichner Andreas Michalke als gegenwärtig bester Comickünstler der Türkei gelobt wird: Der Comic handelt von einer Hautcreme, mit der man sein Gesicht entfernen kann. Nachdem es zunächst nur einige tun, wächst nach und nach der Druck auf andere, bis am Ende alle ohne Gesicht herumlaufen.

Die Nase des Sultans als Symbol für Machtmissbrauch

Einige der Karikaturen sind (aus naheliegenden Gründen) sehr metaphorisch und voller Anspielungen, die ohne die umfangreichen Texte von Küper-Büsch oft nur schwer zu verstehen sind. „Schluss mit Lustig“ gibt auch einen Einblick in die lange Tradition, die Satire in der Türkei besitzt, angefangen bei Nasreddín Hoca: Eine Art türkischer Till Eulenspiegel aus dem 13. Jahrhundert, dessen hintersinnige Scherze in der gesamten muslimischen Welt bekannt sind.

Die erste Satire-Zeitschrift des Osmanischen Reich startete 1870: „Diyojen“, die von dem griechischstämmigen Osmane Teodor Kasap herausgegeben wurde. Prompt wurde Diyojen vom despotischen Sultan Abdülhamid II. verboten, der gleich auch noch den Gebrauch der Wörter „Freiheit“, „Gleichheit“ und „Nase“ untersagte, denn der empfindliche Herrscher mochte keine Witze über sein großes Riechorgan. Eine Steilvorlage für Satiriker, die die Nase des Sultans in etlichen Karikaturen zum Symbol für Machtmissbrauch erhoben.

Nach dem Militärputsch von 1980 etablierte sich „Girgir“ als wichtigste Satirezeitschrift, zeitweise verkaufte sie zwei Millionen Hefte und hatte eine größere Auflage als das Massenblatt „Hürriyet“. „Die Zeichner, die heute die führenden Satirezeitschriften herausgeben, haben bei ,Girgir’ angefangen“, sagt Küper-Büsch. So düster die Aussichten für Satire in der Türkei sind, zieht Küper-Büsch dennoch ein optimistisches Fazit: „Fast alle Zeichner verdienen ihr Geld jetzt mit anderen Jobs, aber sie machen weiter, das ist großartig. Die Cartoonisten übertreffen sich momentan in ihren künstlerisch-kreativen Leistungen, das auszudrücken, worüber man nicht sprechen darf.“

Sabine Küper-Büsch (Hg.): Schluss mit Lustig – Aktuelle Satire aus der Türkei, Avant-Verlag, Hardcover, 80 Seiten, farbig, 15 Euro.

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